Noveller „A Pink Sunset For No One“ / Review

Gelegentlichem Feedbackgesäge zum Trotz liegt unter dem Noise-Pflaster des achten Noveller-Albums stets der Melodie-Strand.

Auf Instrumentalmusik trifft zu, was Thomas Bernhard einst über die Vorteile des Nichtverstehens im Ausland bemerkte: Zwar ist das von den Einheimischen Gesagte vermutlich keinen Deut gescheiter als das, was man von zu Hause gewohnt ist, doch die notwendige asemantische Konzentration auf die Sprachmelodie hilft bei der Erzeugung der angenehmen Illusion, es handle sich um höfliche, bildungsnahe Menschen, die sich angeregt über allerlei Hochinteressantes unterhalten. Ganz ähnlich suspendiert das Instrumentale von der Banalität und dem Zwangsintimismus eines appellierenden, flehenden oder sich sonstwie unschön nackig machenden Musiker-Ichs.

so sinnlos wie das kurze sonnenstrahlbedingte Aufblinken eines winzigen Speichelfadens im lachenden Mund der Geliebten. Und fast genauso schön.

Das ist schon mal ein gewaltiger Pluspunkt des Gitarrenprojekts der New Yorker Komponistin und Filmemacherin Sarah Lipstate. Das achte Album der Virtuosin mit Noise-Vergangenheit ist etwas weniger episch geraten als der zwischen sanft dekonstruiertem psychedelischem Wüstenrock, skulpturalem Ambient mit manipulierter Gitarre à la Fripp und Eno sowie bezaubernden Drone-Metamorphosen changierende Vorgänger Fantastic Planet. Gelegentlichem Feedbackgesäge zum Trotz liegt unter dem Noise-Pflaster stets der Melodie-Strand.

Manchmal werden mit tiefen Sepulkralgitarren bedrohliche und doch sirenenhaft lockende Postnuklearlandschaften von bizarr-entmenschter Verfallsschönheit à la Tarkowskis Zone im Film Stalker durchschritten („Lone Victory Tonight“). Dann wieder klingt Lipstate – auf dem angemessen klaustrophobisch-kafkaesk betitelten „Corridors“ mit seinen unruhig-fiebrigen Pizzicato-Zupfern –, als hätte sie eine Närrin an Bernard Herrmanns legendärem Psycho-Score gefressen.

Und auch eine Hommage an Steve Reichs Minimalismus-Gassenhauer Music For 18 Musicians gibt es („Rituals“). Lipstate orientiert sich weder am neoklassizistisch in Sätze aufgeteilten Überwältigungsmonumentalismus einer Band wie Godspeed You! Black Emperor noch am quälenden Guckt-mal-was-ich-alles-kann-Gestus so vieler Gitarristenalben. Durch ihr selbstgenügsames In-sich-Kreisen wird der Hörer bewegt, doch aufgrund des Fehlens missionarischer Mitteilungsurgenz nicht niedergezwungen. Das alles ist so sinnlos wie das kurze sonnenstrahlbedingte Aufblinken eines winzigen Speichelfadens im lachenden Mund der Geliebten. Und fast genauso schön.