Chris Kraus „I Love Dick“ / Review

Dieses Buch ebnete den Weg für feministische Autorinnen wie Sheila Heti oder Lena Dunham: Mit 20 Jahren Verspätung erscheint Chris Kraus‘ Roman I Love Dick nun in der deutschen Übersetzung von Kevin Vennemann bei Matthes & Seitz.

„Ich will das Publikum mit all dem beschmeißen, mit dem die Welt mich beschmeißt“, zitiert Chris Kraus in I Love Dick die feministische Künstlerin Hannah Wilke. In Wilke spiegelt sich Kraus, die in ihrem bereits 1997 auf Englisch erschienenen postmodernen Briefroman-Roadmovie-Theorieessay-Konglomerat all die Fragen zu Emanzipation und Kunst angeht, die bis heute, wo ihr Buch von Transparent-Schöpferin Jill Soloway als launige Amazon-Serie verfilmt wird, nicht zufriedenstellend beantwortet sind: Warum wird Frauen nicht zugestanden, universell gültige Kunst zu schaffen? Warum gibt es nur die Dichter-Männer, die das Denken darstellen, und die Schauspiel-Frauen, die sich selbst darstellen? Warum dürfen Frauen bedeutende Männer maximal als „Plus 1“ oder als „sprechender Hund“, der gewitzt die partykompatiblen Keywords bellt, begleiten? Und warum wird die „ernsthafte junge Frau“, die nun eben keine „Femme“, aber in erster Linie schlau ist, nicht wie die Männer um ihres Intellekt willen begehrt?

Warum wird Frauen nicht zugestanden, universell gültige Kunst zu schaffen?

Besonders darum geht es der 1955 geborenen, in Neuseeland aufgewachsenen Filmemacherin und Autorin in diesem autobiographischen Werk, wenn sie anhand ihrer Obsession für den titelgebenden „Dick“ – der kein anderer als Subkultur-Autor Dick Hebdige ist, aber laut eines Interviews zum Buch für jeden Dick der Welt stehen könne – eine Art aufgeklärten weiblichen Masochismus in Heterokonstellationen skizziert, der die Opferrolle nicht verschleiert, sondern aggressiv ausleuchtet. Das kann man, ebenso wie die unapologetische Stalkinghistorie im Buch, in die auch der damalige Ehemann der Autorin, der postmoderne Theoretiker und Shoah-Überlebende Sylvère Lotringer, als Akteur miteinbezogen wurde, durchaus unterschiedlich bewerten. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass dieser Zugang zu weiblicher Sexualität die nachfolgende Generation von Erfolgsautorinnen wie Sheila Heti oder Lena Dunham in der Formulierung ihres eigenen Feminismus maßgeblich geprägt hat.

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