„Ohne dich gibt es kein Werk“ / Christian Falsnaes im Interview

Foto: Christian Werner

Ein junger, akkurat gekleideter Mann bewegt sich flink durch einen weißen Raum voller Menschen. Er brüllt: „Fangt an zu malen! Jetzt! Konzentriert euch! Wer sind wir?“ „El-ix-ir“ antwortet die Gruppe artig und zeigt dazu den kurz vorher einstudierten Gruppengruß, bevor alle auf Befehl zu jubeln anfangen. Manche kichern, aber die meisten sind doch mit Eifer dabei, als sie die Aufforderung erhalten, eine der Wände mit Stichsägen und Fußtritten zu zerstören. Christian Falsnaes reißt nicht nur buchstäblich Grenzen ein. Wie bei seiner Performance „Elixir“ animiert er die sonst passiven Zuschauer zur Partizipation und testet dabei immer auch den Gehorsam des Kunstpublikums. Seine Arbeiten vermischen popkulturelle Referenzen mit philosophischen Fragen und sind durch ihr kritisches Potenzial hochpolitisch, ohne selbst Politik zum Inhalt zu haben.

Christian Falsnaes, die Partizipation der Zuschauer ist zentral für Ihre Performances. Was machen Sie denn, wenn das Publikum mal nicht mitmacht?
Es kommt immer wieder vor, dass jemand sich weigert, Teil der Arbeit zu sein. Aber das ist in Ordnung. Es geht mir ja gerade darum, zu einer aktiven Stellungnahme aufzufordern. Wenn jemand nicht mitmachen möchte, sehe ich das nicht als Scheitern der Arbeit, sondern als die Art und Weise, wie jemand mit ihr umgeht. Ich lege die Arbeiten immer darauf aus, dass sie zu einer aktiven Entscheidung animieren. Deswegen sind die Resultate immer eine sehr starkes Dafür oder Dagegen.

Wie sieht dann so ein Dagegen zum Beispiel aus?
Das kommt auch auf die jeweilige Arbeit an. Manche Arbeiten, wie die im Hamburger Bahnhof zum Preis der Nationalgalerie, sind so konzipiert, dass man sich frei bewegen kann. Das heißt dann unter Umständen auch: Manche Leute kommen rein, und in dem Moment, in dem sie angesprochen werden, verlassen sie den Raum sofort wieder, weil sie nicht wollen, dass die Kunst etwas von ihnen fordert.

Die meisten entscheiden sich aber dafür. Was war die bisher ungewöhnlichste Reaktion?
Ich finde jede Reaktion besonders, aber es gibt Verhaltensmuster, die sich immer wieder erkennen lassen. Meine Arbeit „Justified Beliefs“ zum Beispiel besteht aus fünf Kopfhörern, und über jeden Kopfhörer laufen in einem zweistündigen Loop ununterbrochen Instruktionen. Sie sind synchronisiert, sodass sich eine Choreographie ergibt, wenn die Personen sie befolgen. Eine der Instruktionen ist, dass die Leute sich ausziehen müssen. Zum ersten Mal wurde die Arbeit auf der Art Basel gezeigt, und ich fand es extrem interessant zu beobachten, wie die sich Leute innerhalb dieses Messe-Wahnsinns so viel Zeit genommen und teilweise stundenlang performt haben. Das Sich-Ausziehen habe ich integriert, damit es einen Punkt gibt, der es den Leuten weniger einfach macht, zu folgen. Trotzdem gab es pro Tag ungefähr zehn Leute, die sich mitten auf der Messe nackt ausgezogen haben – Sammler, Kuratoren, Messebesucher. Die Leute, die nicht mitmachen wollten, haben sich immer dazu entschlossen, die Kopfhörer wieder abzulegen und auszusteigen. Auch wenn sie nicht mitmachen wollten, haben sie also trotzdem die Regeln des Spiels respektiert und befolgt. Meine größte Angst, bevor ich die Arbeit gezeigt habe, war: Was ist, wenn die Leute nur mit den Kopfhörern rumstehen und das Ganze wie ein Audiostück anhören, aber nicht aktiv werden?

„Die Distanz zum Betrachter ist zu einem Problem für die Kunstwelt geworden.“

Wenn man regelmäßig Vernissagen besucht, bekommt man leicht den Eindruck, dass viele Menschen im Umgang mit Kunst eher passiv und träge sind.
Ich glaube, die Trägheit im Umgang mit Kunst kommt sehr oft daher, dass die Leute sich nicht direkt angesprochen fühlen. Irgendwie hat sich das Ausstellungsformat zum Gegensatz zu Kirche, Theater und Kino entwickelt, wo jeder einzeln reinkommt und selbst entscheidet, wie er sich in der Ausstellung bewegt. Und diese analytische, reflektierte Distanz ist in der Kunstwelt seit der Moderne zu einem Ideal geworden. Das hat aber auch dazu geführt, dass die Leute keine emotionale Bindung zu den Kunstwerken mehr herstellen konnten. Man sieht ein Objekt, hat aber nicht das Gefühl, dass dieses Objekt direkt etwas mit einem selbst zu tun hat. Man kann es interessant oder schön finden, aber man findet es nicht wichtig, dass man in diesem Moment das Objekt anschaut. Im Gegensatz zur Kirche zum Beispiel: Da ist die Teilnahme des Betrachters ein integrierter Teil des Rituals. Das versuche ich aufzubrechen, indem ich die Betrachter direkt anspreche und sage: „Ohne dich gibt es kein Werk“. Das ist der Grund, warum diese Trägheit bei mir keine Rolle spielt.

Sie haben Ihre Arbeiten schon fast auf der ganzen Welt gezeigt. Wie funktionieren Ihre Performances, die ja häufig mit popkulturellen Codes arbeiten, in anderen Kulturkreisen?
Überall, wo ich hinkomme, sagen die Leute: Wir sind sehr gespannt, weil wir die Videos gesehen haben, und wir glauben nicht, dass es hier funktioniert. Es hat aber überall funktioniert! (lacht) Natürlich gibt es spezifische kulturelle Codes, die ich verwende, gerade in Bezug auf die Populärkultur, die man wahrscheinlich in einer westlichen Kunstwelt am besten versteht, aber trotzdem glaube ich, dass die größten Themen in meiner Arbeit viel tiefer gehen, dass es eben nicht nur um kulturspezifische Sachen, sondern wirklich um menschliches Verhalten geht: Macht oder Führung, Hierarchien und Unterwerfung. Allgemein menschliche Themen also.

Sie haben sich an der Ausstellung „Politischer Populismus“ in der Kunsthalle Wien beteiligt. Inwiefern würden Sie Ihre Arbeit als politisch bezeichnen?
Ich glaube, dass meine Arbeiten eine politische Dimension haben. Aber ich versuche nie, ein konkretes politisches Statement zu machen. Die Beschäftigung mit der Struktur von Macht, oder mit Gruppendynamik beispielsweise, ist ja an sich politisch. Mir geht es nicht so sehr darum, dass die Leute folgen oder auf eine bestimmte Art und Weise reagieren, sondern darum, für das Publikum spürbar zu machen, wie sich bestimmte Rituale auf sie auswirken. Genau deswegen sollen meine Performances innerhalb der Kunstwelt stattfinden, denn gerade in der Kunstwelt gibt es diese kritische Distanz des Betrachters. Auch wenn man an etwas teilnimmt und auch wenn es reale Emotionen auslöst, ist es den Leuten schon klar, dass es sich um Kunst handelt. Man bewegt sich in einem reflektierten Umfeld.

Quasi in einem Schutzraum.
Genau. Die Kunstwelt hat etwas von einem Laboratorium, wo man etwas reinstellen kann, und es wird dann analytisch und ästhetisch betrachtet. Anders, als wenn etwas außerhalb der Kunstwelt stattfindet. Das ist auch der Grund, warum die Sachen, die ich mache, so kritisch betrachtet werden. Wenn die Leute ein ähnliches Verhalten bei einem Rockkonzert zeigen, stellt es ja niemand infrage, auch wenn es im Grunde ähnlichen Verhaltensmustern folgt. In der Kunstwelt wird Verhalten besonders sichtbar.

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