Doppelbesprechung: „Die Blumen der Mode“ vs. „Ist Mode queer?“

Ihr Newsfeed ist momentan voll von Laufsteg-Bildern aus Berlin und Paris, aber Sie verstehen nur Bahnhof? SPEX hilft gern weiter. Dieser Tage erscheinen zwei lesenswerte Theoriebände zum Thema Mode: Die Blumen der Mode von Barbara Vinken (Klett-Cotta) und Ist Mode queer? von Gertrud Lehnert (Transcript).

Trotz des floralen Titels ist der von Barbara Vinken zusammengestellte Sammelband Die Blumen der Mode kein in duftigen Sphären schwebender Theorie-Reader, sondern ein bodenständiges Einstiegskompendium: Nicht nur, weil all jene, die sich bereits ein wenig mit Modetheorie befasst haben, die meisten der hier abgedruckten Klassiker von Mandevilles Bienenfabel über Georg Simmels Die Mode bis zu Anne Hollanders Anzug und Eros bereits kennen dürften. Sondern auch, weil die Münchener Literaturprofessorin vor jedem abgedruckten Text diesen so leicht verständlich zusammenfasst, dass man sich dessen Lektüre fast verkneifen könnte. Was jedoch schade wäre, denn so würden einem Zeilen wie diese entgehen: „Von den Menschen seiner Art erkannt, und von der Menge unbeachtet“. Was Balzac in seiner Physiologie des eleganten Lebens als Maxime für ultimativ guten Stil ausgab, trifft auch fast zwei Jahrhunderte später noch passgenau das Wesen von Kleidungsdistinktion.

Wo Vinken sich handfest und mit spürbarer Freude am modischen Exzess zu Werke begibt, geht es ihre Potsdamer Kollegin Gertrud Lehnert, ebenfalls Professorin für Literaturwissenschaft, akademisch kühler an. Ist Mode queer?, fragt ihr neuer Sammelband, und er könnte vermutlich genauso gut fragen, ob Unterhosen feministisch seien. Kommt es doch, wie wir alle wissen, auf die Trag- und Sichtweisen an. Aber natürlich: Top-Thema in Zeiten neuer Selbstverständlichkeiten wie Transmodels oder Männern in Rüschenblusen.

Bei aller Liebe zum Hochschuldiskurs bleibt am Ende die Erkenntnis: Die Straße ist weiter.

Auch wenn das aus einem Uni-Workshop entstandene Buch mit typischer Lingo sowie Redundanzen nicht geizt (man wäre ganz froh, wenn nicht in jedem einzelnen Text mit Rekurs auf die immer gleichen Autor*innen das Konzept „queer“ ab ovo erklärt würde), gibt es doch so einige spaßige Momente: Der intergalaktische Stil der Londoner 80er-Party-Ikone Leigh Bowery ist immer Bombe, die Fliege von Janelle Monáe ebenso, und dass die vestimentäre Queerness von WC-Piktogrammen wissenschaftlich untersucht wird, war wirklich einmal an der Zeit. Dennoch bleibt bei aller Liebe zum Hochschuldiskurs rund um Alltagspraxen am Ende die Erkenntnis, dass die Straße trotzdem weiter ist. Denn wie sagte es Young Thug in der letzten Ausgabe von SPEX so lapidar: „In meiner Welt kannst du ein Gangsta im Kleid oder ein Gangsta in Baggy Pants sein.“