Studie der Möglichkeiten: Andi Ottos „Via” im Album-Vorabstream

Foto: Robin Hinsch

Andi Otto ist Musiker, Komponist, Klangkünstler, Labelbetreiber, Dozent und Instrumentenentwickler. Seit 2004 veröffentlicht er als Springintgut Electronica bei Pingipung. Auf VIA streift er nun sein Alter Ego ab und präsentiert eine äußerst fröhliche Mixtur seiner Okkupationen, Studien und Experimente. 

Da sitzt ein Mann und spielt Cello. Sicher führt er den Bogen über die Saiten und entlockt dem Instrument die gewohnten Klänge. Dann setzt er ab und vollführt mit dem rechten Arm hektische Gesten in der Luft. Die Computersoftware reagiert und der eben gespielte Ton verzerrt sich, wird gefiltert oder geloopt – je nach Bewegung des Arms.

Andi Otto hat am renommierten Studio for Electro Instrumental Music in Amsterdam ein Sensorensystem für den Bogen seines Cellos entwickelt, das ihm ermöglicht, mit Gesten unmittelbar die gespielten Sequenzen über eine Software am Computer zu manipulieren. „Ich musste das erst mal über ein Jahr lang üben bis ich mich damit auf die Bühne getraut habe”, erzählt er und man nimmt es ihm sofort ab. Wenn man Otto live die erste Single seines neuen Albums Bangalore Whispers performen sieht, könnte man meinen, es handle sich hier um eine Art Hochleistungsmusizieren.

Mittlerweile spielt Otto gar nicht mehr ohne den „Fello”-Bogen. Auch die Software entwickelt er ständig weiter. Mit Hilfe der indischen Sängerin MD Pallavi hat er traditionelle Raga-Skalen eingebaut, zum Beispiel zu hören im Titeltrack „VIA”. Überhaupt ist das neue Album stark von der indischen Musik geprägt. Sei es durch Ottos erste offizielle Kollaboration mit der Sängerin Pallavi, die alten Schallplatten, die er bei Streifzügen über Bangalores Flohmärkte ergattert hat, oder den Einfluss einer von Improvisation geprägten Musikkultur.

„Bei uns ist Improvisation eher Jazz, 20. Jahrhundert, Befreiung von Notation. In Indien baut die Musikkultur darauf auf. Es gibt keine Notationen von vielen Ragas, es sind Regeln und Skalen, die seit vielen Jahrhunderten immer wieder im Moment aktuell werden.” Auch Ottos Verständnis von „Microsampling” hat den Sound von VIA maßgeblich beeinflusst. Der Sampler war, was Otto vor 15 Jahren an die elektronische Musik herangeführt hat und das Verweben von kleinsten Klängen ist noch immer die Grundlage seiner Soundwelten. „Ich liebe das Rauschen, Knacken, die gesättigten Instrumentalklänge der alten Aufnahmen.”

VIA ist eine Kombination all dessen, was Otto umtreibt. Die neuen Möglichkeiten, die ihm sein, wenn man so will, „augmentiertes” Instrument bieten, die Klänge und Traditionen, die er während seiner Studienstipendien kennen gelernt hat und sein akademischer Hintergrund fließen in seinen Sound ein. Dabei könnte die Platte mit Tracks wie „Gianna – Anna” oder dem funkigen „Bandini Beach” gar nicht weiter von verkopften Konzepten entfernt sein. Allem zu Grunde liegt immer noch die launige Electronica aus fröhlichen Springintgut-Zeiten. Auf VIA ist Ottos Sound vielleicht sogar noch ein bisschen tanzbarer. Wie er selbst sagt: „Da setze ich gerne meinen Otto drunter.”