Antilopen Gang „Anarchie und Alltag“ / Review

Für die breite Öffentlichkeit ist die Antilopen Gang die Rap-Crew mit den richtigen politischen Ansichten, deren Wort am Ende aber niemand wirklich fürchten muss. Das Problem: Ihr neues Album Anarchie und Alltag bestätigt das Image. 

Die Antilopen Gang, Lieblingsband des gemeinen Jugendsender-Redakteurs des öffentlich-rechtlichen Radios. Schrecklich subversiv war das Trio nämlich auf seinem 2014 erschienen Album Aversion, so herrlich frech und trotzdem jugendfrei. Dann auch noch beim Toten-Hosen-Label JKP unter Vertrag und überhaupt: so schön punkig. Weil Punk in der breiten Öffentlichkeit kaum mehr existent ist und irgend jemand den Job nun mal übernehmen muss.

Dabei waren Danger Dan, Koljah und Panik Panzer höchstens in grauer Vorzeit einmal ungezähmte Punks, als sie um 2006 herum, lange vor der Antilopen Gang also, einer verworrenen Gemeinschaft namens Anti Alles Aktion angehörten und ungefragt kostenlose Alben ins Netz stellten, die keiner hören wollte. Es wurde gesoffen, Bühnen ohne Publikum zerlegt und dem System mit schwarzem Humor die Kauleiste poliert. Ihr neues Album Anarchie und Alltag wirkt dagegen wie ein Berlin-Mitte-Kaffee-Afficionado mit Karl Marx’ Kapital in der südhaft teuren Ledertasche. Zeitgeistiger Auto-Tune-Singsang und käsige Pop-Melodien dudeln vor sich hin, während die Gang sich über Lutz Bachman echauffiert. Und in „Trojanisches Pferd“ eben auch über besagten Jugendsender-Redakteur, der die neue Platte wieder ganz toll finden wird – genauso wie die Feuilletons übrigens.

Zeitgeistiger Auto-Tune-Singsang und käsige Pop-Melodien dudeln vor sich hin, während die Gang sich über Lutz Bachman echauffiert.

Man muss der Antilopen Gang an dieser Stelle lassen, dass sie sich durchaus darüber im Klaren sind, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden: als die ein bisschen über die Stränge schlagende Rap-Crew mit den richtigen politischen Ansichten, zu der Teenager gut ihre Wut ablassen können, deren Wort am Ende aber niemand wirklich fürchten muss. Dass sie das nervt, ist verständlich. Anarchie und Alltag schafft es trotzdem nicht, die ungeliebte Rolle abzuschütteln. Schlimmer noch, es konserviert sie stattdessen. Es ist randvoll mit gerissenen Wortspielen und Finten über Gott und die Welt. Das ist zwar immer noch witzig, mehr aber auch nicht.

Und dann werden plötzlich die Gitarren ausgepackt. „Baggersee“ erinnert mit seinem „Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton“-Slogan an Farin Urlaub und dessen Ärzte – kurz: es klingt ungefähr so altbacken wie deutscher Schlager. Diese sicherlich gut gemeinten Experimente mit der musikalischen Form passen nicht zur Antilopen Gang. Auch dann nicht, wenn Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun mit seiner Hookline auf „Fugen im Parkett“ Bonuspunkte bringen soll. Sie zerschießen lediglich eine Platte, die sonst zumindest als lustiges, weil ironisches, Rap-Statement zur aktuellen politischen Lage durchgegangen wäre.

1 KOMMENTAR

  1. Kein Wort darüber, dass sowohl der Titel als auch die Coverillustration ein Zitat bzw. eine Variation vom Album „Monarchie und Alltag“ der Post-Punk-NDW-Band Fehlfarben von ungefähr 1980 sind.

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