Jaki Liebezeit, 1938-2017

Der Stick kreist weiter: Jaki Liebezeit
Der Stick kreist weiter: Jaki Liebezeit (Foto: Manuel Wagner)

Er tupfte seinen ureigenen Puls in die Welt: Jaki Liebezeit war seit den späten Sechzigerjahren einer der einflussreichsten Schlagzeuger überhaupt, unermüdlich unterwegs im Kreiseln seiner unvergleichlichen Rhythmen. Nun ist der ehemalige Can-Drummer gestorben.

Jaki Liebezeit ist am 22. Januar 2017 im Alter von 78 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Das Label Spoon Records, verantwortlich für das Oeuvre seiner bekanntesten Band Can, hat diese Meldung gestern bekanntgegeben. Für April ist anlässlich des 50. Jubiläums der Bandgründung ein Konzert im Londoner Barbican Centre unter dem Namen The Can Project angekündigt, bei dem Liebezeit mit Irmin Schmidt, dem ursprünglichen Can-Sänger Malcolm Mooney sowie Thurston Moore und Steve Shelley von Sonic Youth hätte auftreten sollen. Liebezeits neuere Veröffentlichungen wurden längst nicht mehr so sehr beachtet wie jene seiner alten Kölner Band. Dabei verdichtete der Schlagzeuger etwas immer weiter, das mit Can nur seinen Anfang genommen hatte: die Kreiswerdung des Quadrats.

Liebezeit wurde am 26. Mai 1938 in Dresden geboren und tauchte als Musiker mit Anfang 20 im Westen auf. Es war in Barcelona, wo er in der Band des Bebop-Pianisten Tete Montoliu und auch mit dem Star-Trompeter Chet Baker in der Sala Jamboree jammte, dem spanischen Jazz-Club schlechthin zu jener Zeit. Die Weichen schienen gestellt für einen talentierten und aufstrebenden Jazz-Schlagzeuger, zumal Liebezeit ab 1965 in Deutschland mit dem Trompeter Manfred Schoof ein feuriges Quintett ins Leben rief, das heute als eine der ersten Sichtungen des Free Jazz in Europa gilt.

Doch in Köln gab es diese neue Clique von Jazz-Cats und Stockhausen-Studis, die neben Pharoah Sanders und Morton Feldman eben auch Jefferson Airplane hörten. Monster Movie, das erste Album der Band Can, erschien 1969. Hier begann die Ära, in der Liebezeit seine Idee des Schlagzeug-Beats ausarbeitete – und das schon sehr bald unter den Augen einer weltweiten Öffentlichkeit: nicht einfach Rock-, Funk- oder Jazz-Muster nachklopfen, sondern den eigenen Puls in die Welt tupfen.

Dem 20-minütigen Schlusstrack dieses ersten Can-Albums, „Yoo Doo Right“, ist schon anzuhören, dass Liebezeit sich der Wiederholung widmet, mit einem charakteristischen Kreiseln als geometrischer Form: Statt die Harmonien seiner Band zu akzentuieren, webt Liebezeit einen runden Teppich. Einen fliegenden runden Teppich. Ausrufezeichen setzt er nicht wie die meisten anderen Drummer mit den Becken, sondern mit einem kräftigen Schlag auf die hölzern klingende Snaredrum. Bis zu seinem Tod hat Liebezeit diese radikale Idee weiter verfolgt und verfeinert.

„Die Musik von Can ist das Alpha und Omega der Psychedelic Dance Music.“
(Simon Reynolds, The Sex Revolts)

Wie so viele weise Menschen ist er einer gewesen, der selten gesprochen hat. So selten, dass seine mehrere Male geäußerte Bemerkung „Ich bin nur ein Schlagzeuger“ niemals kokett geklungen hat. Er hat sein Instrument in so einem leisen und effektiven Groove sprechen lassen, dass diese Äußerungen schon genug gewesen sind an Kommunikation. Botschaften der Freude, der Gelöstheit, des energetischen Bewegens durch das Chaos des Seins.

Das hübsch Ungerechte an dem Label „Krautrock“, vergeben vor allem von englischsprachigen Medien vor allem an Can, ist ja, dass eine dem unendlichen Firmament verhaftete Ästhetik mit einer Nation identifiziert wird. Liebezeit jedenfalls blieb der Gruppe bis zu ihrem Ende im Jahr 1979 treu. Im Verlauf ihres Bestehens streckten Can ihre Fühler aus nach Dub-Techniken oder den Zeitökonomien der Gamelan-Orchester Balis. Liebezeits stoischer Beat hielt sie dabei erkennbar. Selbst im Disco-Funk-Hit „I Want More“ kriegt er den Pee-soup-pee-soup-Beat mit ein paar Fellberührungen weniger hin als viele Drummer seiner Zeit. Er wirkt total teilnahmslos, sieht man ihn da so sitzen in Top Of The Pops 1976; dabei lässt er sich einfach nur durch sein Gerät spielen.

 
Der Can-Zeit folgen die Phantom Band, eine Zusammenarbeit mit dem Dub-Bassisten Jah Wobble sowie die Schlagzeugensembles Club Off Chaos und Drums Off Chaos. Leider weniger beachtet, eher ein Fall für die Electronica-Kolumnen, blieb meist Liebezeits Zusammenarbeit mit Burnt Friedman. Im Jahr 2002 starteten die beiden die Albumserie Secret Rhythms, die bis zum Jahr 2013 auf insgesamt fünf Alben ausgeweitet wurde. Hier trifft Liebezeit in Friedman einen Mitstreiter im Geiste, beide bereichern sich gegenseitig auf der Suche nach einer Artikulation musikalischer Formen außerhalb des gewöhnlichen Metrums. Der 27 Jahre jüngere Musiker und Produzent Friedman bereichert die Musterstreuungen Liebezeits mit einem traumhaft passenden Set an Glocken- und Synthesizerklängen und benutzt Effekte wie das Dub-Echo mit einer ebensolchen Sorgfalt wie Liebezeit das Ride-Becken.

Der Schlagzeuger blickt schüchtern hinab von der Balustrade und umkreist die Gerade. In den jüngsten Jahren sah er aus wie ein Schachspieler. Sein Punch konzentrierte sich umso stärker. Und so wurde er gesampelt von Jay Dilla und Madlib, von Busdriver und den Nine Inch Nails, von Carl Craig und den Flaming Lips. Eigentlich von allen, die sich bewegen durch Nacht und Tag.

Ein ausführliches SPEX-Gespräch mit Jaki Liebezeit aus dem Jahr 2008 ist hier nachzulesen.

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