Raw Chicks.Berlin – Regisseurin Beate Kunath über ihre Musikproduzentinnen-Doku

Foto: Filmstill by Beate Kunath

Zeit für weibliche Geschichtsschreibung! Mit dem Dokumentarfilm Raw Chicks.Berlin will die Regisseurin Beate Kunath die Diversität von Produzentinnen elektronischer Musik zeigen. Elf Porträts unterschiedlichster Künstlerinnen sollen ein Schlaglicht auf die Lebendigkeit und Fülle von Talenten in der Berliner Szene werfen. 

„Warum stehen hier eigentlich keine Frauen an den Reglern?” Eine Frage, die sich häufiger als gewollt aufdrängt, wenn man sich in der männlich dominierten elektronischen Musikszene bewegt. Im Fall von Beate Kunath entwickelte sich aus dieser Frage zunächst die Partyreihe Raw Chicks, die sie und ihre Partnerin Eléonore Riedel mit Unterstützung eines Clubbetreibers aufzogen.

„Die ersten DJs wie Em Pathie oder Spunky Sue kamen noch aus dem Umfeld des Clubs. Sie brachten dann befreundete DJs mit, später durchforsteten wir Soundcloud, Youtube, und female:pressure”, erklärt Kunath. So stieß sie über die Jahre auf eine enorme Bandbreite von Musikproduzentinnen, die sie nun in ihrer Dokumentation einem größeren Publikum zugänglich machen will. „Der eigene Sound ist mir wichtig, ob er nun kraftvoll ist, verfinstert oder rhythmisch. Manchmal ist er auch unbequem. Aber die visuelle Umsetzung von Sound, das Experimentieren und Improvisieren, hat mich bei all diesen Künstlerinnen überzeugt und auch auf eine Weise emotional berührt.”

„Die Suche nach starken Frauen und das Sichtbarmachen von role models hat mich eigentlich immer beschäftigt.”

Dieses Qualitätsmerkmal gilt für das Booking genauso wie für die Dokumentation, in der Beate Kunath den Fokus auf Live-Acts legt, also Frauen, die mit ihrem Equipment auf die Bühne kommen und ihre eigenen Songs und Kompositionen präsentieren. Kunath will durch die Präsentation dieser Künstlerinnen auch ein Zeitdokument schaffen: „Oftmals sind es ja Männer, die in die Geschichtsschreibung eingehen.” Der Film ist also auch eine Gelegenheit, diesen Prozess maßgeblich mitzubestimmen.

Die Auseinandersetzung mit Frauen in Kunst und Kultur ist etwas, das sich durch Beate Kunaths gesamtes Schaffen zieht. „Die Suche nach starken Frauen und das Sichtbarmachen von role models hat mich eigentlich immer beschäftigt.” Ihr 2000 erschienener halbdokumentarischer Film Forbidden Fruits über eine lesbische Liebesgeschichte im ländlichen Zimbabwe ist im Rahmen der Berlinale mit dem Teddy-Award ausgezeichnet worden.

Unter den elf nun zu portraitierenden Musikerinnen ist zum Beispiel Rona Geffen, die der Gewalt und dem Hass in Israel entfliehen wollte und nun in der Berliner Szene beheimatet ist. Auch Silnaye hat in Berlin ein künstlerisches Umfeld gefunden, das in ihrer spanischen Heimat fehlte. So ist Raw Chicks.Berlin zum Teil auch ein Porträt der Stadt Berlin und der Möglichkeiten, am kulturellen Leben teilzunehmen, sich zu vernetzen und voneinander zu lernen.

„Mein Film zeigt elf Portraits, aber ich hätte so viel mehr drehen können. wir müssen einfach weitermachen.”

„Das Großartige an dieser Stadt ist, dass man sie mitgestalten kann – ob als Filmemacherin oder mit einer eigenen Veranstaltungsreihe.” Die Partyreihe Raw Chicks hat ihr Line-up mittlerweile auch für männliche Künstler geöffnet. Dieser Schritt war den Veranstalterinnen wichtig, um den Dialog zwischen Männern und Frauen in der Szene zu unterstützen. „Es geht einerseits um die Sichtbarkeit von Frauen, aber es muss in unserer Vorstellung auch unbedingt eine Vernetzung stattfinden”, erklärt Kunath diesen Schritt.

Was gemischte Line-ups und die Sichtbarkeit von Künstlerinnen angeht, sieht Kunath bereits Fortschritte in der Szene. Neben Veranstaltungen wie Heroines of Sound, female:pressure und der Mint-Reihe weist sie vor allem auf die eigenen Erfahrungen hin. „Mein Film zeigt elf Portraits, aber ich hätte so viel mehr drehen können. Es gibt großartige Musikerinnen in dieser Stadt. Ich glaube, das Bewusstsein ändert sich nach und nach. Wir müssen einfach weitermachen.”

Wer die Realisierung der Dokumentation Raw Chicks.Berlin unterstützen möchte, kann dies noch bis zum 30. Januar bei Startnext tun.