Personal Shopper – Filmfeature zum Kinostart

Wer klopft da? Der tote Bruder oder der Cartier-Bote? Kristen Stewart in der Zwischenwelt von Personal Shopper

Erst shoppen bei Chanel und Cartier, dann Geister beschwören und ektoplasmischen Nebel bekämpfen. Das macht Schauspielerin Kristen Stewart in Olivier Assayas‘ neuestem Genre-Patchwork – und ist dabei einfach nur großartig.

Ein Geisterhaus sieht in einem französischen Autorenfilm auf den ersten Blick eher wie ein Betriebsfehler aus. Nicht so bei Olivier Assayas. Im Grunde war schon sein Vorgängerfilm Die Wolken von Sils Maria ein Geisterfilm. Versagens- und Midlife-Ängste waren in Sils Maria Spuk genug, und auch hier kam es zu einigen Clashes, wie dem zwischen hochkultureller Theaterwelt, Celebritykultur und digitaler Moderne.

Personal Shopper ist von der Anlage deutlich collagenhafter. Die Erzählung um die Amerikanerin Maureen, die in Paris einen „bullshit job“ als Kaufberaterin einer Vollzeitprominenten verrichtet und zugleich als Medium auf ein Zeichen ihres verstorbenen Zwillingsbruders wartet, bewegt sich auf zwei parallelen Gleisen. Das eine ist ein zeitgenössisches Modeszene-Drama, angesiedelt in der Welt der Waren, der Mobilität, der Kommunikation und des schönen Scheins. Das andere eine Geistergeschichte mit Referenzen zum Spiritismus des 19. Jahrhunderts, zu Victor Hugo und der schwedischen Malerin und Theosophin Hilma af Klint, aber auch mit den genreüblichen Manifestationen des Übersinnlichen.

Schicker als die Chefin erlaubt: Kristen Stewart als Spiegelwesen
Schicker als die Chefin erlaubt: Kristen Stewart als Spiegelwesen

Im verlassenen Haus von Maureens totem Bruder Lewis ist so einiges los. Assayas hat keine Scheu vor altbekannten Effekten: Schritte, Klopfen, dumpfe Schläge, ektoplasmischer Nebel. Sehr schön öffnen und schließen sich auch Türen von Geisterhand, und durch die Luft schweben Gläser, die unweigerlich auf dem Boden zerschellen.

Was die auf den ersten Blick so disparaten, schwer miteinander verträglichen Teile, die unterwegs auch noch Elemente des Thrillers und des Stalking-Dramas aufrufen, verbindet, ist die fantastische Kristen Stewart und die tiefe Einsamkeit und Melancholie, die ihre entzweite Figur umgibt. Während sie missmutig ihre Runden zwischen Chanel, Louboutin, Cartier und dem Apartment des fast immer abwesenden Luxusstarlets dreht, entdeckt sie versteckte Seiten ihrer Persönlichkeit. Auch davon erzählt Personal Shopper: Die Suche nach der Identität und den versprengten Anteilen des Ichs ist ein Geisterdrama für sich.

Personal Shopper
Frankreich 2016
Regie: Olivier Assayas
Mit Kristen Stewart, Lars Eidinger, Nora von Waldstätten u. a.

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 372 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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