„Mrs. Nixon hatte keine Ahnung!“ – Iris Apfel im Interview

Fotos: Marco Scozzaro. Hair & Make-Up: Erin Green

Die 92-jährige New Yorkerin Iris Apfel ist weit mehr als eine „rüstige Rentnerin“. Obschon bereits seit den 50er-Jahren ein Gesicht der New Yorker Gesellschaft, wurde sie erst 2005 mit ihrer Ausstellung Rara Avis: The Irreverent Iris Apfel im New Yorker MoMA quasi über Nacht berühmt und im reifen Alter plötzlich zur Grande Dame der Modeszene erklärt. Renommierte Marken reißen sich seither um Kooperationen, sogenannte It-Girls betteln um Stilberatung – vom Modeparkett ist Apfel nicht mehr wegzudenken. Was nicht allein an ihrer legendären, übergroßen Brille liegt. Am 17. Januar feiert der Dokumentarfilm Iris von Albert Maysles Premiere im Berliner Babylon. SPEX traf Iris Apfel bereits im Frühjahr 2014 zum Interview.

Mrs. Apfel, warum hat die Welt so lange gebraucht, um ihr Potenzial als Mode-Ikone zu erkennen?
Ja, das frage ich mich auch oft. Schließlich mache ich absolut nichts anders als vor 70 Jahren. Vielleicht brauchte die Welt etwas mehr Zeit.

Mit 84 ein Star zu werden, ist eher ungewöhnlich. Das muss sich wie eine Art dritter Frühling anfühlen.
Oh ja, es ist ein ganz neues Leben, ich bin plötzlich ein altersschwaches Starlet. Das macht zwar Spaß, ist aber gleichzeitig auch etwas lästig. Es wäre ein noch größeres Vergnügen, wenn ich nicht immer so müde wäre. Aber alles hat seinen Preis: There’s no free lunch!

Sie werden gerne als Salonlöwin bezeichnet.
Dabei bin ich alles andere als das! Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst. Viermal im Jahr kommt meine Home-Shopping-Kollektion, ich designe meine eigene Schmucklinie, gestalte Brillen und halte Vorlesungen für Modestudenten. Aber was das Wichtigste ist: Ich suche den Dialog mit Frauen, weil ich ihnen helfen möchte. Sie haben ja keine Ahnung, wie viele Frauen Probleme mit ihrem Äußeren haben und nicht wissen, wie sie ihren Stil finden sollen. Ich möchte helfen, und ich mache diesen Frauen Mut und inspiriere sie. Für nächtelange Partys habe ich gar keine Zeit! Wenn Leute mich dann als Salonlöwin abstempeln, macht mich das rasend!

„Ich bin einfach nur der älteste lebende Teenager der Welt.“

Würden Sie sich als „Feministin“ bezeichnen?
Ich bitte Sie, ich bin doch keine Feministin! Ich weiß nicht einmal, was das ist. Die Definition wird ja ständig verändert. Ich möchte jedenfalls niemandem sagen, was er zu tun hat. Nicht jeder muss ein Fashion-Guru sein, viel wichtiger ist es doch, glücklich zu sein. Ich bin einfach nur der älteste lebende Teenager der Welt. Ich bin noch immer neugierig auf das Leben und mag es, neue Menschen zu treffen. Es ist ein Jammer: Kinder haben eine solch lebhafte Fantasie, und dann werden sie älter und verlieren sie. Wir wollen heute alles sofort, auf Knopfdruck werden unsere Wünsche erfüllt. Das zerstört die Fantasiewelt und macht mich sehr traurig. Was für ein schrecklicher Verlust.

Ihren fantasievollen Outfits und Kreationen wurde 2005 sogar eine eigene Ausstellung im New Yorker MoMA gewidmet.
Ja, Harold Koda, einer der Kuratoren, hat mich angerufen und gefragt, ob ich einige Accessoires entbehren könnte. Da habe ich spontan zugesagt – ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartete! Die MoMA-Leute kamen, und ich zeigte ihnen meine Schätze. Sie waren sehr clever und sagten mir anschließend, dass es keinen Sinn ergeben würde, Accessoires außerhalb ihres Kontextes zu zeigen. Also fragten sie, ob ich vielleicht auch noch einige Kleider entbehren könne. Damit öffnete ich die Büchse der Pandora! Sie rissen alle meine Schränke und Schubladen auf, suchten sogar unter dem Bett und schrien herum: „Großer Gott, seht euch das mal an!“. Sie waren wie im Rausch, wir mussten alle Möbel verrücken und jeden Tag kam ein Truck, um meine Kleidungsstücke abzuholen, immerhin nicht weniger als 700. Ein Theater! Mein armer Mann hatte nur noch einen winzigen Platz am Tisch, wo er sein Essen einnehmen konnte. Er sagte lediglich: „Danke Schatz, dass ich nicht in einer Schublade schlafen muss!“

Ihr Mann ist 99, hat er sich nicht einen etwas ruhigeren Ruhestand erhofft?
Ach was! Ihm macht der ganze Zirkus mehr Spaß als mir! Er ist sehr stolz auf mich und wartet immer sehnsüchtig auf die neusten Publikationen, damit er angeben kann. Es ist wirklich süß. Wenn wir bis Februar am Leben bleiben, sind wir 66 Jahre lang verheiratet! Unser Geheimnis ist der Sinn für Humor. Die meisten Paare streiten sich doch über dumme Dinge. Man muss dann einfach tief durchatmen und lachen. Fertig.

Mit ihrem Mann gründeten Sie 1950 das Unternehmen Old World Weavers, das von nicht weniger als neun Präsidenten herangezogen wurde, um das Weiße Haus zu dekorieren.
Nun, niemand dekoriert das Weiße Haus im klassischen Sinne, es handelt sich um eine historische Restauration. Man muss alles immer wieder so originalgetreu wie irgend möglich wiederherstellen, selbst wenn es abscheulich ist. Das ändert sich niemals, sonst könnte ja jede First Lady machen, was sie will! Bei Hillary Clinton hätte man dann nicht allzu viel zu erwarten gehabt, weil sie sich nicht die Bohne dafür interessiert, wie ihr Haus aussieht. Sie hat damals viele Hausfrauen verärgert, als sie gesagt hat: „Was denken Sie von mir, ich sitze doch nicht zu Hause und backe Plätzchen!“ Nancy Reagan dagegen war es sehr wichtig, wie sie und ihr Zuhause aussahen. Jedes Präsidentenpaar bekommt Geld, um seinen privaten Bereich einzurichten, aber im öffentlich zugänglichen Raum darf absolut nichts verändert werden. Ich würde ein Haus natürlich niemals so einrichten, aber es hat uns trotzdem große Freude bereitet, und offenbar haben wir einen guten Job gemacht.

Haben Sie die jeweiligen Präsidenten auch persönlich getroffen?
Oh ja, wenn auch meist nur flüchtig. Aber mit manchen First Ladies haben wir eng zusammengearbeitet. Mrs. Nixon beispielsweise war sehr leidenschaftlich und interessiert. Nur hatte sie leider absolut keine Ahnung. Sie kam oft in unseren Showroom und hat sich Textilien angesehen. Stets entschied sie sich dabei für die falschen Stoffe, und am nächsten Tag rief sie dann ganz verlegen an und sagte: „Mrs. Apfel, Sie wissen doch, was ich brauche! Also suchen Sie es bitte aus und kommen zum Lunch.“ Nun, wir haben die Gute ein bisschen spielen lassen …

Sehen Sie Parallelen zwischen Innenarchitektur und Mode?
Auf jeden Fall. Heute sehen beispielsweise alle eleganten Orte ungefähr gleich aus. Sie sind zwar sehr schön, aber fast nie spiegelt sich in ihnen eine persönliche Note wieder. Genauso ist es mit der heutigen Mode. Die Leute wollen alle gleich sein, gleich aussehen, gleich denken.

Sind Sie gegen Minimalismus?
Ich bin nie gegen etwas, das gut gemacht ist. Manche Leute sehen im Minimal-Look wundervoll aus. Ich bewundere Minimalismus, aber das ist einfach nichts für mich. Selbst wenn ich es wollte – die Sachen hängen sich von selbst um meinen Hals! Umgekehrt würden andere Leute in meinen Outfits wie Freaks aussehen. Am Ende des Tages muss jeder wissen, wer er ist und was zu ihm passt. Der Prozess der Selbstfindung ist allerdings unter Umständen schmerzhaft. Wenn es die Leute zu sehr stresst, ihren Stil zu finden, dann sollen sie es eben bleiben lassen. Dann lieber glücklich, statt gut angezogen! Wobei es natürlich wünschenswert ist, beides zu sein.

Was fällt Ihnen modetechnisch auf den Straßen von New York auf?
Ach, es ist ein Graus! Man sieht schlimme Sachen. Sneaker zum Beispiel sind wunderbar – wenn man ins Fitnessstudio geht! Genauso wie Flip Flops eine tolle Sache sind – unter der Dusche! Aber so auf der Straße herumzulaufen, das ist einfach eine Beleidigung.