Austra – „Mach nie ein Update!“

Eine rosige Zukunft vor Augen: Katie Stelmanis (Foto: Renata Raksha)

Irgendwo zwischen schimmerndem Disco und düsterem Dark Wave dreht sich die Musik von Austra doch immer um eine Konstante: die Stimme von Katie Stelmanis. Future Politics, das dritte Album der aktuell vierköpfigen Band aus Kanada, ist ihr bislang ambitioniertestes. SPEX sprach mit Stelmanis über Individualismus, die Apokalypse und, nun ja, die Politik der Zukunft.

Katie, auf Future Politics findet sich ein wahrer Rundumschlag an Gesellschaftskritik. Es geht um Technologie, Arbeitsstrukturen, Kolonialismus, Kapitalismus und die Umwelt. Warum diese Themen?
Es ist eine Reflexion dessen, was mich am meisten beschäftigt hat, was ich gelesen, gedacht und gefühlt habe, als ich an Future Politics gearbeitet habe. Und ich glaube, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin. Ich glaube, jeder fühlt sich gerade politischer, was einfach mit der Situation in der ganzen Welt zusammenhängt.

Daher auch der Titel Future Politics?
Auf den Titel kam ich direkt, nachdem ich The Accelerate Manifesto gelesen hatte. Da geht es im Grunde darum, dass Technologie uns vom Kapitalismus befreien kann. Sie soll sich in einem solchen Maße entwickeln, dass alle Ressourcen kostenlos für alle verfügbar sind. Es gibt dann keine Knappheit mehr in der Welt. Die Autoren haben ein Bild von dieser Zukunft entworfen und neue Konzepte für sie entwickelt. Ich dachte: Das klingt cool. Future Politics!

Was Technologie angeht, wirbst du dafür, dass menschliches Mitgefühl deren Entwicklung antreiben soll. Wie meinst du das?
Momentan hat jeder nur den kurzfristigen Profit im Kopf, wenn es darum geht, neue Technologien zu entwickeln oder neue Produkte auf den Markt zu bringen. Das ist alles, worum es geht: das neue iPhone, der neue Computer und so weiter. Aber wir könnten die erstaunlichsten Dinge mit Technologie erreichen. Stell dir vor, man könnte ein nachhaltiges Hochgeschwindigkeitstransportnetz über die ganze Welt ausbauen. Vermutlich ginge das sogar schon jetzt. Aber warum sollte das irgendwer tun? Daran verdient man schließlich nichts.

Wie an der unkaputtbaren Strumpfhose.
Oder der Glühbirne. Klar, geplante Abnutzung ist ein ganz großes Thema. Die Produkte, die wir kriegen, sind gar nicht so gebaut, dass sie ewig halten. iPhones sollen nur drei Jahre lang funktionieren, nach dem dritten Update gehen sie kaputt. Mach nie ein Update!

„Nationalismus ist der falsche Ort, um eine Identität zu finden.“

Menschliches Mitgefühl scheint zur Zeit leider generell Mangelware zu sein. Wenn wir zum Beispiel an die Zunahme von hate speech und hate crime nach dem Brexit denken …
Ich glaube, die Leute sind sehr einsam und sehr traurig. Unsere Welt wird von großen Unternehmen und Technologie bestimmt, und die Menschen gehen darin mehr und mehr verloren. Je größer die Unternehmen, desto unpersönlicher wird der Umgang. Du rufst bei einer Telefongesellschaft an und sprichst erst mal fünf Minuten mit einem Computer. Du kannst ohne Weiteres einen ganzen Tag ohne menschliche Interaktion verbringen. Dieses Unpersönliche hat zur Folge, dass die Menschen sich nach einer Verbindung zu anderen sehnen, und ich denke, sie suchen das im Nationalismus. Aber das ist der falsche Ort, um eine Identität zu finden.

Überall in den westlichen Ländern sehen wir das Erstarken von Populisten, und man fragt sich angesichts der abgebrochenen Kommunikationskanäle, wie man damit umgehen soll. Eine deiner Botschaften ist: Die Apokalypse ist nicht unausweichlich, wir alle können etwas dagegen tun. Ist das wirklich so einfach?
Wenn du das Gefühl hast, dass wir auf die Apokalypse zusteuern – und eine Menge Leute denken das, weil es sich gerade wirklich so anfühlt –, dann ist es leicht, komplett die Hoffnung zu verlieren. Aber das System, in dem wir gegenwärtig leben und regiert werden, kann das, was passieren muss, nicht leisten. Die Lösung existiert einfach nicht in der Art, wie wir unser Leben organisieren. Wir müssen also größer denken, über unsere bestehenden Systeme und Erfahrungen hinaus. Ich denke, wir sind alle verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Alternative, die es noch nicht gibt. Wir müssen sie gemeinsam bilden.

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Kann Musik denn noch etwas bewirken? Erreichen diese Botschaften nicht Personen, die sie aufgrund ihrer Einstellung sowieso schon teilen oder ihnen zumindest wohlwollend zuhören?
Das einzige, was ich tun kann, ist diese Debatten auf sozialer Ebene anzustoßen. Ich war neulich bei einem Konzert von Massive Attack, und diese politischen Botschaften spielen bei ihnen eine wirklich große Rolle. Sie haben hinter sich große LED-Leinwände, auf die sie besondere Daten und Botschaften projizieren. Die Show war also sehr offensichtlich politisch, aber gleichzeitig wurde sie emotional an die Musik gebunden und hat sich dadurch nicht im Geringsten erdrückend oder aggressiv angefühlt. Ich glaube, eine große Hürde zwischen den Menschen ist, dass alle so defensiv sind und gleichzeitig glauben, ihre Idee wäre die wahre. Wenn man den politischen Gedanken aber auf so eine emotionale Art kontextualisiert wahrnimmt, erleichtert das die Identifikation.

Massive Attack sind eine seit Jahrzehnten geschätzte Trip-Hop-Größe, während Austra gerne mit Disco liebäugeln. Funktioniert diese Strategie auch auf dem Dancefloor? Ist der nicht zu hedonistisch und narzisstisch geprägt?
Das sehe ich nicht so. Das ist für mich kein Narzissmus, sondern hat emanzipatorische oder kathartische Funktionen. Heute hat mich jemand gefragt, was für mich die interessanteste Party ist. Klar, es gibt die hedonistische Variante, aber für mich sind es die Partys mit einer Botschaft, mit dem Anliegen: Wir kommen zusammen. Wir, die Teil einer subversiven Untergrundkultur sind, tanzen zusammen und kreieren einen sicheren Raum für uns. Das ist unsere Feier, die nicht in den Mainstream passt. Wenn eine Party diesen Vibe hat und Menschen zusammenbringt, die unter anderen Umständen nicht aufeinander treffen würden, dann kann auch dort Veränderung passieren.

Der Kollektivgedanke war es ja auch, der dich kurz vor der Arbeit am neuen Album aus einer persönlich schwierigen Phase geholt hat.
Das war eine Zeit, in der sowohl romantische als auch Band-interne Beziehungen zu Bruch gegangen sind. Mir hat es in der Situation geholfen, mich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu fühlen. Ich wollte nicht, dass alle Erwartungen, die ich an mich selbst habe, nur mich und meinen Erfolg betreffen. In Wirklichkeit musst du das alles nicht erreichen. Die Verwandlung, die ich zu der Zeit durchgemacht habe, hat zur Folge, dass mich das generelle Wohlbefinden der Welt mehr kümmert als mein eigener Fortschritt. Letztlich kommt es nicht darauf an, ob ich erfolgreich bin oder nicht.

Ist übersteigerter Individualismus die wahre Krankheit unserer Gesellschaft?
Auf jeden Fall, diese ganze individualistische Einstellung ist ein großes Problem. Diese Mentalität, die unser Leben seit den Achtzigerjahren bestimmt: „Wenn du hart arbeitest, wirst du erfolgreich sein. Aber niemand wird dir einen Gefallen tun. Du bist allein in dieser Sache.“ Ich finde diese Betonung des individuellen Fortschritts total rückständig. Wir leben in einer Welt mit über sechs Milliarden Menschen. Wenn wir alle nur über unsere persönlichen Bedürfnisse und Gewinne nachdenken, folgt das absolute Chaos.

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Die Aufnahmen für Future Politics sind entstanden, als du in Mexiko gelebt hast. War das eine Flucht?
Das war Zufall. Ich hatte ein bisschen Zeit und wollte einfach irgendwo anders als in Montreal sein, weil es dort so verdammt kalt war. Nach Mexiko wollte ich immer schon mal, also habe ich mir ein One-Way-Ticket gekauft.

Klingt abenteuerlich.
Ich hatte Bekannte vor Ort und habe schnell Anschluss gefunden. Aber es war das erste Mal, dass ich außerhalb der „westlichen Welt“ gelebt habe – dabei ist Mexico City noch sehr nahe an den USA, und es gibt viele Gemeinsamkeiten. Trotzdem siehst du den Kapitalismus von der anderen Seite. Du siehst die Korruption, wie Amerika sich aufzwängt und das zu seinem Vorteil nutzt. Du siehst die Armut und warum es ihr dort erlaubt ist zu existieren. Es ist so kaputt, dass amerikanische Unternehmen den Leuten nur 2 Cent pro Stunde zahlen, und alles, was sie dafür tun müssen, ist, eine Grenze zu überschreiten, die sie selbst gezogen haben. Ich konnte das alles nicht sehen und erfahren, ohne darüber zu sprechen.

Die Folgen des Kolonialismus sind dort noch ganz anders sichtbar. Wie war das für dich?
Das Komische ist: Mexiko hat das irgendwie vergessen. In Kanada und den USA haben wir die ursprüngliche Bevölkerung fast völlig vernichtet. Sie beträgt jetzt geschätzt vielleicht nur noch zwei Prozent ihrer Größe, als wir ankamen. In Mexiko sind die Indigenen die dominate Gruppe. Sie sind überall, und das macht den Kolonialismus greifbarer. Es gibt eine ganz klare Unterscheidung zwischen den Weißen und den Indigenen. Die Weißen sind reich, die Indigenen nicht. Das ist so offensichtlich, jeder kann es sehen. Es ist, als ob wir diesen Teil der Geschichte in Nordamerika einfach ausgelöscht hätten, aber in Mexiko ist er noch sehr, sehr lebendig. Die indigene Geschichte ist die Geschichte Mexikos, sie prägt ihre Popkultur.

Du bist in Mexiko auch viel mit den lokalen Musikszenen in Berührung gekommen. Hat sich das auch in deine Musik eingeschrieben?
Ich denke, das hat mich mehr politisch beeinflusst, weil ich es großartig finde, dass der Untergrund dieses indigene Erbe feiert. Da herrscht diese Stimmung: „Scheißt auf die spanischen Kolonialisten! Wir sollten uns auf unsere Wurzeln besinnen und für das feiern, was wir sind.“ Das hat mir auch auf einer musikalischen Ebene imponiert, und ich habe mich ein bisschen in diese Haltung und diese Szene verliebt. Konkret habe ich für dieses Album sehr viele langsamere Songs geschrieben. So viele langsame Songs gab es bei Austra noch nie.

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