Sohn „Rennen“ / Review

Wie weit kann man das Mischverhältnis von Musiker und Maschine ausreizen? Auf Rennen dürfen die Regler in die eine oder andere Richtung ausschlagen – und dort verweilen.

Rennen ist nicht nur eine Bewegung zu etwas hin oder fort von etwas, sondern auch ein geistiger Zustand. Man kann folglich einmal um den Block rennen, vor seinen Ängsten davonrennen oder einfach im hyper-beschleunigten Zustand seine Erlebnisdichte rennend maximieren. Der gebürtige Brite und Wahlwiener Christopher Taylor alias Sohn arbeitet sich mit seinem zweiten Langspieler namens – Sie werden es sich schon denken – Rennen vor allem an letzterer Spielart ab.

Zwei Jahre lang war es still geworden um den sensiblen Sound-Aufschichter und seinen kultiviert-verstolperten R’n’B-Entwurf: Nach dem vielgelobten Debüt Tremors und zahlreichen Produktionen für unter anderem Banks, SZA oder Kwabs herrschte auf der Sohn’schen Klaviatur eher Stillstand als Bewegung. Vielleicht, weil auch er sich die Frage stellte, was auf sein rewriting von R’n’B als einem neuen, aufgeräumten „Soul der Maschinen“ (SPEX Nr. 352) überhaupt folgen könnte?

Sohn hat sich von seinem eigenen Schicksal befreit – und seine Erleichterung ist deutlich spürbar.

Sohns Antwort hört sich nun an wie eine diametrale Erkundung neuer und alter Systeme, deren Mittelpunkt stets die gewohnte Bipolarität von Distanz und Nähe, Leerstelle und Sound, Zeitlosigkeit und Zeitgeist bleibt. Jedoch testet er mit Rennen diesmal nicht nur die Dehnbarkeit der beiden Pole in ihrer Schnittmenge, sondern denkt auch die jeweiligen Endpunkte der musikalischen Achsen mit. Wie weit kann man das Mischverhältnis von Musiker und Maschine noch ausreizen? Eines ist sicher: Auf Rennen dürfen die Regler nun auch gerne mal in die eine oder andere Richtung ausschlagen – und dort verweilen. „Primary“ überträgt zum Beispiel zunächst sehnsuchtsvolle Soul-Akkorde in wummernde Stotter-Beats mit kaskadenartig absteigenden Schiefklängen und heizt die Nebelmaschine anschließend mit einer elegant produzierten aber tanzwütigen Portion House-Agilität so richtig an.

Doch schon einen Track weiter, im Titel-Song „Rennen“, klagt das Klavier wieder von der anderen Seite, während die Stimme in ein auf dem Album rares, aber klar akzentuiertes Falsett verfällt: „It’s obvious the universe is trying to tell me to let go / And I feel some relief now I know / My fate don’t mean a thing.

Sohn hat sich von seinem eigenen Schicksal befreit – und seine Erleichterung ist deutlich spürbar. Im Song „Falling“ treibt der R’n’B-Ikonoklast ein dub-schweres Mantra bis hin zum handgemachten Kontrollverlust und behauptet sich vor scheppernden Perkussionen mit seinem repetitiven Ausruf im Auge der Maschine. Es scheint ganz so, als habe Sohn seiner kühlen Electro-Soul-Gleichung eine neue Variable hinzugefügt: Sie heißt Kühnheit.