Norman Ohler – Wollt ihr den totalen Speed?

Norman Ohlers fulminante Geschichte Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich erscheint am 12. Januar als Taschenbuchausgabe bei Kiepenheuer & Witsch. Cord Riechelmann hat sich bereits für die Printausgabe SPEX No. 364 ausführlich mit dem Autor und seinem auf umfangreichen Archivrecherchen basierenden Buch über synthetische Drogen als Vehikel des Naziterrors beschäftigt.

Norman Ohlers Buch liest sich stellenweise wie dieser Rausch selbst. Das hat natürlich mit dem Stoff zu tun, vor allem geht es um den Einsatz und Gebrauch synthetischer Speed-Drogen während der Naziherrschaft. Es hat aber auch damit zu tun, dass von dem Archivstaub, den Ohler während der fünfjährigen Recherchen eingeatmet hat, im Text nichts hängengeblieben ist. Der für diese Studie vom Romanschriftsteller zum Sachbuchautor mutierte Ohler weiß um die Tücken beider Gewerbe. Auch wenn, wie er am Anfang schreibt, Geschichtsschreibung immer etwas mit Literatur zu tun hat, meidet er den literarischen Affekt an den richtigen Stellen.

Beschreibt Ohler etwa Hermann Göring im Reichsluftfahrtministerium, wie der in einem weißseidenen Hemd mit wallenden Ärmeln, darüber eine gelbe, ärmellose pelzgefütterte Wildlederjacke gezogen und unten in landsknechthaften Pluderhosen, vollgedrogt durch sein Ministerium schreitet, lässt Ohler zeitgenössische Quellen sprechen. Denn dieses ganze Ministerium wirkt schon im Quellenzusammenschnitt verkommener als alles, was von Céline bis Tarantino dazu bisher aus der Kunst vermeldet wurde. Darin liegt allerdings vielleicht auch die einzige Gefahr dieser Drogengeschichte. Die tatsächlich nüchtern-administrativ an der industriellen Massenvernichtung arbeitenden Beamten von Eichmann bis Himmler geraten aus dem Blick, und der Naziterror versinkt im totalen Rausch. Der er natürlich trotzdem war.

Das ganze Reichsluftfahrtministerium wirkt schon im Quellenzusammenschnitt verkommener als alles, was von Céline bis Tarantino dazu bisher aus der Kunst vermeldet wurde.

Die Lektüre lohnt sich schon, wenn man auch nur über jenen Tag im August 1941 im Bunker in der Wolfsschanze liest, an dem Hitler vom Vitaminjunkie endgültig zum Drogi wurde. An dem Tag war Hitler das erste Mal seit Jahren richtig krank, und seinem Leibarzt Dr. Theodor Morell blieb nichts anderes übrig, als zum Amphetaminschuss überzugehen. Wobei die Geschichte des Dr. Morell, der vom Nobelarzt in Charlottenburg zu Hitlers Spritzenmann wird, im Zentrum der Erzählung steht. Es sind aber auch die Nebenlinien, die Ohlers Buch zu einem Meisterwerk machen. So die kurze Geschichte des Chefchemikers der Temmler-Werke, des Hauptproduzenten von synthetischem Speed in der Nazizeit, Dr. Fritz Hauschild.

Hauschild war ein guter Beobachter, und so war ihm nicht entgangen, dass bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin amerikanisches Speed, Benzedrin genannt, eine bedeutende, legale Rolle spielte. 1937 entwickelt er daraufhin die wesentlich wirksamere deutsche Variante, das Pervitin, das zu einem wichtigen Blitzkriegbegleiter wurde. Wie Ohler in einer Fußnote mitteilt, wurde Hauschild danach zu einem Sportphysiologen, der wichtige Impulse für das Dopingprogramm der DDR gab. Aber auch im Westen setzte sich die Speedgeschichte fort: Wie Günter Amendt einmal bemerkte, wäre auch das Wirtschaftswunder ohne Amphetamine nicht so reibungslos verlaufen.

Dieses Feature ist wie viele weitere Beiträge in der Printausgabe SPEX No. 364 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden. 

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