Cloud Nothings – „Worte sind beängstigend”

Cloud Nothings um Dylan Baldi (links). Foto: Promo

Sie werden so schnell groß: Vor knapp sieben Jahren stand Dylan Baldi noch allein in seinen scheinbar eilig zusammengezimmerten Lo-Fi-Songskizzen herum und schrie sich die teenage angst von der Lunge. Heute ist aus seinem einstigen Solo-Projekt Cloud Nothings eine vollwertige, erwachsene Band geworden, die klarer und selbstbewusster denn je klingt. Und aus Baldi ein Frontmann, der sich nicht (mehr) verstecken muss.

Ein Tag aus der Einfarbenpalette des Berliner Novembers. Cloud-Nothings-Gründer und Mastermind Dylan Baldi hat sich für einen Promo-Tag aus seinem Heimatort Cleveland, Ohio in die Stadt fliegen lassen, um das für Februar 2017 angekündigte fünfte Album seiner Band Life Without Sound zu bewerben. Ebenfalls auf dem Programm: ein exklusives Konzert im Ramones-Museum. So exklusiv, dass es gar nicht erst stattfindet. Nur fünf Leute tauchen auf.

Während Baldi im dem in diesem Moment erschreckend weitläufig wirkenden 20-Quadratmeter-Raum steht, drängt sich eine unter normalen Umständen ordinäre Frage auf: kann man mit einer Band wie Cloud Nothings eigentlich seinen Lebensunterhalt bestreiten? Baldi nickt. „Wir haben echt Glück”, sagt er. „Aber ja, wir alle leben von unserer Musik.”

Für diesen Erfolg mussten Baldi, TJ Duke, Jayson Gerycz und Chris Brown allerdings hart arbeiten. Mit den Einnahmen aus CD-, Vinyl- oder Mp3-Verkäufen verdient man allenfalls einen Hungerlohn, die einzig verbliebene Möglichkeit sind ausgedehnte Touren. Vier Jahre lang war Baldi mit seiner Band pausenlos unterwegs und abgesehen von ein paar Wochen am Stück nie zu Hause. „Jetzt kommt mir das total wahnsinnig vor. Wie kann man sowas aushalten?”, sagt er. „Aber wir haben es geschafft und jetzt können wir auch mit weniger Konzerten überleben.” Und am Ende mache diese Knochenmühle ja auch irgendwie Spaß.

Was nach Gelassenheit klingt, ist bei Baldi Routine – er kennt sein Leben schlicht nicht anders. Schon als Teenager veröffentlichte Baldi sein erstes Album, bestehend aus hölzern-charmanten Songskizzen, die er im Keller seiner Eltern zusammen klampfte. Fleißiger Helfer dabei: ein neuer Laptop mit angebissenem Apfel auf der Bildschirmrückseite, den er von seinen Eltern für’s College bekommen hatte mit einem darauf vorinstallierten Programm, das Mitte der Nullerjahre eine Armada junger Schlafzimmerproduzenten zu Tage förderte – Garage Band.

Von dort lud Baldi seine ersten Songs auf Myspace hoch, wo sie bald für Aufmerksamkeit und erste Konzertangebote sorgten – mitten in den Jahresabschlussprüfungen. Vor Bands wie Woods und Real Estate auftreten oder den Abschluss eintüten? Für Baldi damals ein no-brainer: „Eine total verrückte Idee! Aber ich war 18 und hab’s einfach gemacht”, sagt er heute. Rückblickend für ihn eine gute Entscheidung: „An der Uni habe ich Saxophon studiert, aber hier in Amerika kostet das Studium ein Heidengeld. Wäre ich dabei geblieben könnte ich jetzt wohl richtig gut Saxophon spielen und hätte 200.000 Dollar Schulden. So verdiene ich mein Geld mit Musik und schulde niemandem etwas.”

Doch ganz so einfach dürften Baldis späte Teenagerjahre dann doch nicht gewesen sein: Auf seinen frühen Alben, damals noch ohne Band, exerzierte er die existentiellen Fragen und Ängste eines typischen 20-somehings durch. Seine Sinn- und Lebenskrise brüllte Baldi einem krawalligen Soundgerüst aus teils ziellos mäandernden Klangspuren entgegen. Dabei ging es zumeist nicht wirklich um ihn selbst, sondern vielmehr um ein diffuses Gefühl der Beklemmung.

Baldi steht ungern im Mittelpunkt. Das hat zu einem gewissen Maß mit Cleveland zu tun. Über die Stadt im Mittleren Westen sagte er einmal, dass es sich dort nicht schicke, über sich selbst zu sprechen. Mit seiner Musik habe er einen Weg gefunden, seine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ohne sich dabei selbst zu sehr in den Vordergrund zu drängen. “Es hat was von einer Therapie. Die Musik ist ein verdammt gutes Mittel, um einfach alles aus deinem System zu kriegen”, sagt er. Die Kehrseite: “Worte sind beängstigend. Du kannst sie nicht zurücknehmen. Manchmal verstehe ich erst ein Jahr später, was ich mit einem Text sagen wollte.”

Vor diesem Hintergrund ist Life Without Sound ein kleiner Meilenstein. Das Album klingt nicht nur musikalisch klar und strukturiert, sondern auch textlich. Es wirkt wie der vorläufige Endpunkt einer persönlichen Reise, auf der sich Baldi mit jeder Veröffentlichung ein Stück weiter aus seiner anfänglich fast undefinierbaren Soundmélange heraus schälte – und damit auch aus sich selbst. Ein Album über das Verstanden-Haben.

Anders als die introspektiven Vorgänger, die sich mit dem Findungsprozess eines verlorenen Jungen beschäftigen, ist Life Without Sound die akustische Manifestation des Sich-Gefunden-Habens. „In den letzten Jahren haben mich diese ganzen typischen depressiven Fragen umgetrieben: Wer bin ich? Was passiert mit mir? Was tu ich hier? Jetzt bin ich endlich an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Ich bin okay.”, sagt Baldi. „Das Leben ist nicht so schlimm. Ich spiele in einer Band und es ist mir nicht mehr peinlich, darüber zu reden.”

Auch nicht, wenn niemand zum eigens eingerichteten Berlin Exklusivkonzert kommt: „Da musst du durch”, sagt Baldi wie ein alter Haudegen. „Es wird auch wieder besser und in der Zwischenzeit musst du rausfinden, wie du in den schlechten Tagen Spaß haben kannst.”

Zu diesen schlechten Tagen zählt ein Erlebnis in Singapur, von dem Baldi besonders gerne erzählt. Die Band war eingeladen, bei einem Musikfestival zu spielen. Während des Konzerts fielen beharrlich die Mikrofonständer um. Das Team des Festivals stand unterdessen am Bühnenrand, zeigte auf die Ständer und lachte spöttisch. „Das war das schlimmste Erlebnis”, erzählt Baldi. „Aber was willst du machen, du bist gefangen in einer Situation, für die du nichts kannst”, sagt er. „Also machst du eben weiter.” Irgendwann wird es schließlich besser.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here