»Das Leben ist wunderbar, wenn man es fließen lässt« – Genesis Breyer P-Orridge im Interview

Foto: Jan Malinowski

Sandwiches mit Nachos. Genesis Breyer P-Orridge verdrückt in einem Berliner Hotel die Reste eines ungesund aussehenden Frühstücks, neben sich auf dem Tisch ist eine Puppe platziert. Der einstige Kopf der Industrial-Band Throbbing Gristle spricht im Plural von sich, wie es Transpersonen im angelsächsischen Sprachraum gerne tun. »Wir« erzählt vom Publikum der jüngsten Europa-Tour von Psychic TV und benutzt dabei so schöne altmodische Adjektive wie »rowdy« – als sei P-Orridge eine nette britische Pensionärin und nicht einst im House Of Commons als »Zerstörer der Zivilisation« bezeichnet worden.

Genesis Breyer P-Orridge, das neue Album ihrer Band Psychic TV heißt Alienist. Was ist das, ein alienist?
Aliens haben uns seit unserer Kindheit fasziniert. Die erste öffentliche Performance unseres Kollektivs Coum Transmissions trug den Titel Mr. Alien Brain. Wir hatten ein fluoreszierendes orangefarbenes Kostüm mit einer Melone, auf die Reste eines kaputten Radios geklebt waren, sodass es nach Alien-Technologie aussah. Wer es trug, wurde zu Mr. Alien Brain und hatte die Aufgabe, sich vorzustellen, man würde die Menschen wie eine unbekannte Spezies beobachten. Natürlich fand man dabei schnell heraus, wie lächerlich wir Menschen uns die meiste Zeit benehmen. Über 30 Jahre später erinnerten wir uns an diese Figur und benannten ein Album nach ihr: Mr. Alien Brain vs. The Skinwalkers. Und dann lasen wir ein Buch, das den Titel The Alienist trug. Es handelt von einem viktorianischen Detektiv und war ein Bestseller in den USA. Es stellte sich heraus, dass alienist früher Detektiv bedeutete.

Warum das?
Wir haben keine Ahnung. Aber alienist bedeutete auch Psychologe. Als es darum ging, einen Titel für das Album zu finden, schrieben wir ein neun Seiten langes Stream-of-Consciousness-Gedicht, das mit der Zeile beginnt: »Alienist is a psychologist inside my head, inside my brain.« Damit fängt eine Schleife an. Im Grunde handelt es sich um eine Permutation von Sätzen, die selbst entfremdet werden. »Alienist« wurde zum Titelsong. Auf dem Albumcover sieht man, wie ich von einem Raumschiff entführt werde, während die Band zusieht und auch gerne entführt werden möchte.

»Eignet euch die Wahrnehmungsmittel an, nicht die Produktionsmittel!«

Nehmt uns auch mit!
Lasst uns etwas Neues sehen! Wörter sind eine meiner größten Freuden. Alienist ist ein großartiges Wort, weil man mit doppelten und dreifachen Bedeutungen spielen kann.

Psychic TV waren immer schon psychedelisch, klingen dabei aber fast wie Pop. Bei Throbbing Gristle gab es auch einen gewissen Humor, aber dort verbarg sich selbst unter munteren Melodien oft etwas Bedrohliches oder gar Grauenvolles.
Wir haben oft gesagt: Wenn du an einem schönen Samstagnachmittag einkaufen gehst und die Menschen siehst, die lachend mit ihren Familien und Kindern spazieren gehen oder in der Bar zusammen Fußball schauen, musst du wissen, dass dich wenigstens 20 Prozent von ihnen vergewaltigen würden, wenn es einen Krieg gäbe. In jeder Gruppe gibt es einen Prozentsatz von Menschen, die sich amoralisch verhalten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Wenn man Verbrechen begehen kann, ohne dafür bestraft zu werden, zeigt sich, wer zu dieser Gruppe gehört und wer nicht. Haben Sie die Filme über die Massaker in Indonesien gesehen?

Sie meinen The Act Of Killing und The Look Of Silence von Joshua Oppenheimer über die Massenmorde an Kommunisten in den Sechzigerjahren.
Genau. Der Filmemacher lässt die Täter von damals nachspielen, was sie mit ihren Opfern anstellten. Sie ziehen Frauenkleider an, tanzen und ergeben sich ihren Erinnerungen: »Und dann haben wir ihm den Kopf abgeschnitten.« Es ist wahnsinnig! Aber dieser Film gibt den vielleicht akkuratesten Einblick in die Ereignisse, eben weil es so wahnsinnig ist, sich anzusehen, was diese Männer da machen.

Man verbindet Dragkultur üblicherweise mit einer Idee von Befreiung. Aber man fragt sich, ob das nicht zu kurz gedacht ist, wenn man Oppenheimers Filme sieht oder die Fotos von afrikanischen Kindersoldaten, die sich Frauenkleider anziehen und sich die langen Haare färben, wenn sie losziehen, um zu töten.
Auch das ist ein verrücktes Bild, diese Kindersoldaten in Drag. Aber darin zeigt sich auch etwas, das für Drag generell charakteristisch ist: dieser merkwürdige Dreh, der darin besteht, dass sich die klassische Dragqueen wie das Klischee einer völlig überdrehten, lauten, bigotten Frau benimmt. Dragqueens genießen die negativen Aspekte des Frauseins und schaffen daraus eine Ikone der Weiblichkeit. Auf der anderen Seite gibt es Dragkings, die sich wie besonders misogyne und bösartige Lastwagenfahrer benehmen. Wir haben uns oft gefragt, warum Dragkings und -queens gerade das kopieren, was sie am meisten an Männern und Frauen hassen. Mir ist das ein Rätsel. Aber die Drag-Szene verändert sich gerade sehr stark, zumindest in New York, wo Drag gerade komödiantisch wird und surreale Züge annimmt. Haben Sie mal Ru Pauls Drag Race gesehen?

Ru Paul kenne ich, aber was ist Drag Race?
Eine Fernsehsendung, in der zwölf Dragqueens gegeneinander antreten. Sie müssen ihre eigenen Outfits entwerfen und zum Playback verschiedener Songs auftreten. Eine nach der anderen wird im Verlauf der Sendung eliminiert, bis eine übrig bleibt. Zum Star von Drag Race wurde eine Person namens Sharon Needles. Im Grunde verkörpert sie eine Postpunk-Dragqueen. Alles an ihr ist surreal und fies – hässlich, aber brillant. Ihre Konkurrentinnen wollten schön aussehen, Sharon Needles war abscheulich. Das war für viele Leute anscheinend sehr befreiend, weil es vorher strikte Vorschriften gab, wie eine Dragqueen auszusehen hatte. Die Botschaft lautet nun: Wir akzeptieren alles, was merkwürdig und wunderbar ist. Das wiederum ist ein Zeichen für den Aufschwung der Underground-Kultur.

Zugleich sind in vielen westlichen Gesellschaften Parteien erfolgreich, die sich die Repression nicht nur gegenüber sexuellen Minderheiten zurückwünschen.
Womit wir bei der Frage wären, warum in den USA gerade Gesprächsthema Nummer eins ist, wer welche Toilette benutzen darf. Der Gouverneur von North Carolina hat ein Gesetz beschließen lassen, demzufolge es unzulässig ist, auf eine Toilette des Geschlechts zu gehen, mit dem man sich identifiziert, wenn es nicht das auf der Geburtsurkunde vermerkte Geschlecht ist. Selbst wer eine komplette Geschlechtsumwandlung hinter sich hat, kann verhaftet und mit einer Strafe belegt werden, wenn sie/er die falsche Toilette betritt. Eben erst hörte man von einer Frau, die ihre Haare einer Wohltätigkeitsorganisation gespendet hatte, die daraus Perücken für krebskranke Kinder herstellt. Sie ging danach auf eine Damentoilette und wurde dort angegriffen.

Keine Haare? Falsches Klo! Warum ist Donald Trump so erfolgreich?
Trump macht das Schlimmste, was man machen kann. Er spricht die niedrigsten Instinkte an. Er gibt den Leuten stillschweigend die Erlaubnis, wieder rassistisch und sexistisch und anti-LGBT zu sein, sich nach dieser falschen Fünfzigerjahre-Utopie zurückzusehnen, als alles einfach und ehrlich war, als Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren, als die Welt nicht so verwirrend war. Aber so war es nie. Es war immer verwirrend. Je schneller wir das verstehen, desto besser. Eben deswegen haben wir immer gesagt: Eignet euch die Wahrnehmungsmittel an, nicht die Produktionsmittel! Trump hat genau das getan, und zwar auf sehr negative Weise.

Erschreckenderweise passiert das auch in Europa.
Es passiert überall. Trump bedient sich derselben Tricks wie Hitler, seien wir ehrlich. Hack auf einer Minderheit herum, mach sie für alles verantwortlich! Weite das Spiel noch auf ein paar weitere Minderheiten aus, und erkläre, alles sei deren Schuld! Und wenn man diese Minderheiten erst ihrer Rechte beraubt hat, dann wird die Welt wieder schön sein. Das aber wird nicht geschehen, es ist ein Weg, der immer tiefer nach unten führt. Es sind die ungebildeten Rednecks und die falschen Christen, die Trump wählen. Ich nenne sie falsche Christen, weil sie ständig das Alte Testament zitieren, um ihren Hass auszuleben.

Leviticus ist ein brutales Buch.
Ja, scheiß Leviticus, scheiß Ezechiel! Ich frage solche Leute immer: »Warum zitiert ihr das Alte Testament, wenn ihr Christen seid? Hat Christus nicht das Alte Testament für überwunden erklärt? Hat er nicht gesagt: Gott ist Liebe? Gott vergibt euch allen?« Als junger Mann war ich selbst Lehrer in einer Sonntagsschule, ob Sie es glauben oder nicht. In New York bin ich heute lizenzierter Geistlicher. Ich darf Ehen schließen.

Haben Sie das schon mal gemacht?
Ja, zwei Mal. Es irritiert mich, dass diese Leute ihren eigenen Propheten nicht ernst nehmen, der sagte: »Haltet ihnen auch die andere Wange hin!« Als Christen sollten sie Minderheiten schützen, sie sollten ihr eigenes Leben dafür opfern, wenn es nötig werden sollte.

Die Leute haben Angst. Vor sozialem Abstieg, vor Terror, vor dem Tod. Populistische Politiker spielen mit dieser Angst.
Das ist die Karte, die sie vor allem spielen: die Angst vor den anderen. Habt Angst, sie sind anders! Greift es an, es ist anders! Es bedroht euch, weil es anders ist! Das ist absolut irrational, aber es funktioniert. Es funktioniert wieder. Die Gesellschaft zerfällt immer mehr in Gangs und Cliquen, und das ist offenkundig auch das Ziel dieser Politik. Desintegration verhindert Zusammenschlüsse.

Vielleicht gehen die Leute deswegen immer noch gern auf Konzerte. Sie wollen auf der Bühne Menschen sehen, die live spielen, und sie wollen andere treffen, die das auch wollen.
Sie wollen etwas spüren, sie wollen schwitzen und sich an einen Ort begeben, an dem sie nicht beurteilt werden. Am meisten mögen wir an unseren Konzerten, dass so viele Leute tanzen. Es wird viel gelacht und gelächelt, wir ermutigen die Leute dazu. Wir machen Witze auf der Bühne, wir nehmen uns gegenseitig hoch und versuchen, es möglichst menschlich zugehen zu lassen. Bei uns soll jede das Gefühl haben, dass sie sich so lächerlich benehmen kann, wie sie will, niemand wird sich belästigt fühlen. Das ist das Gegenteil der 20 Prozent: So sieht es aus, wenn die 23 Prozent zusammenkommen, die 23 Prozent, die sich nicht den Mund verbieten lassen, die etwas bewegen wollen. Wir werden oft gefragt, warum wir noch touren. Eben deswegen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Damit Leute abends nach Hause gehen und sich daran erinnern, wen sie getroffen haben. Sie haben sinnlich etwas erlebt, Texte und Musik gehört und Videos gesehen. Wir benutzen bei den Konzerten Videomaterial und Fotos, die wir auf unserer Afrikareise gemacht haben, als wir unseren Voodoo-Dokumentarfilm gedreht haben.

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