„Ich habe kein Buch für alte Punkrocker geschrieben“ – Viv Albertine im Interview

Foto: Franziska Sinn

Das wichtigste Punk-Buch im Jubiläumsjahr des Punk heißt A Typical Girl. Hätte Viv Albertine auf all die Männer gehört, die ihr in ihrem Leben schon gesagt haben, was sie alles nicht kann, wäre sie wohl nie Gitarristin, The-Slits-Mitglied, Regisseurin, Mutter, Hausfrau, Autorin oder Feministin geworden. Mit ihrer Autobiografie hat sie ein Buch wie eine Punkplatte geschaffen: Schnörkellos, provokant und mutig. Ein Gespräch über die weibliche Sicht auf die Punkszene im London der Siebzigerjahre, die Nostalgisierung von Punk und die Rolle der Mütter.

Viv Albertine, Sie haben Ihr Buch 2014 veröffentlicht, in Deutschland ist es aber erst jetzt erschienen. Fühlt es sich überhaupt noch aktuell an?
Oh, seit der Veröffentlichung ist so viel passiert! Als ich mit dem Buch in England auf Lesereise war, kamen mir noch viel mehr Ideen und ich habe noch besser verstanden, warum die Dinge damals so passierten. Deshalb habe ich ein weiteres Buch geschrieben, das nächstes Frühjahr erscheinen wird. Die Leute haben mich zum Beispiel immer wieder gefragt: „Warum hast du 1975 angefangen, Gitarre zu spielen? Als Frau war das damals extrem ungewöhnlich, und außerdem konntest du weder spielen noch singen.“ Eine wirklich gute Frage, denn ich war sehr schüchtern und unsicher. Die meisten Männer, die mich interviewt haben, glaubten, dass Johnny Rotten oder Sid Vicious, also einer der Männer, mich dazu gebracht hätten. Da wurde mir klar: Es war meine Mutter, die eine Rebellin aus mir gemacht hat. Als wir in England an den Punkt kamen, an dem es egal war, ob du singen oder ein Instrument spielen kannst, ob du ein Mann oder eine Frau bist, war ich bereit, denn meine Mutter hatte gute Vorarbeit geleistet.

Ihre Mutter ist im Buch zwar sehr präsent, hat aber nie Verbote ausgesprochen oder sich negativ zu Ihrem Leben geäußert.
Als ich mit 16 mit einer Freundin nach Amsterdam reiste und nicht einmal wusste, in welchem Land das ist, meinte sie nur: „Tschüss, viel Spaß!“ Inzwischen ist mir bewusst, dass ihre Erziehungsmethoden wahrscheinlich zu locker waren. Keine der Slits hatte einen Vater in ihrem Leben, und ich denke, dass wir mit der Band nicht dasselbe hätten tun können, wenn wir Väter gehabt hätten. Einem Vater, den man liebt, möchte man gefallen. Ein Vater, den man hasst, kontrolliert zu sehr. Wir hingegen waren fast wie Waisen. Unsere Mütter waren entweder gar nicht im selben Land oder viel zu gelassen. Diese Gemeinsamkeit hat uns zusammengeführt und uns zu dieser wilden Girl Gang gemacht.

Beim Lesen fand ich die detaillierten Beschreibungen besonders bemerkenswert. Wie konnten Sie sich so gut an Begebenheiten erinnern, die teilweise 40 Jahre her sind?
Ich habe nur hin und wieder etwas aufgeschrieben, das einen wichtigen Eindruck hinterlassen hat. Nie habe ich den Tratsch anderer übernommen. Außerdem habe ich nur sehr wenige Nachforschungen angestellt, was Daten und Namen anging. Eigentlich wollte ich am Anfang des Buchs darauf aufmerksam machen: „Dies ist kein Busfahrplan. Keine Gitarrentypen, keine genauen Angaben von Tourdaten“ – ich kann mich an so etwas nicht erinnern. Und es ist ja auch nicht wichtig. Ich wollte über das schreiben, was einen emotionalen Effekt auf mich hatte. Im Buch geht es ja viel um Situationen, in denen etwas schief gegangen ist. In denen ich Angst hatte oder gedemütigt wurde. Die schönen Begebenheiten und netten Liebschaften habe ich größtenteils vergessen. Die schlechten Erinnerungen, die Fehler und das Scheitern bleiben einem einfach länger erhalten, weil man aus ihnen lernt.

Die Tickets für die Konzerte, die Sie besucht haben, behielten Sie aber.
Das war aber fast noch vor Punk. Musik bedeutete mir so viel, als ich jung war. Mein Zuhause war, emotional gesehen, sehr trostlos, in der Schule war ich nicht besonders gut, ich war sehr schüchtern – und so war die Musik das Aufregendste in meinem Leben. Alles, was mit Musik zu tun hatte, hob ich also auf.

Genauso wie manche der Outfits von damals.
Der englische Titel des Buchs Clothes Clothes Clothes, Music Music Music, Boys Boys Boys stammt von meiner Mutter. Sie meinte vor ein paar Jahre mal zu mir: Wenn sie mich nach der Schule gefragt hat, was wir im Unterricht durchgenommen hatten, konnte ich ihr nie eine Antwort geben. Aber ich wusste immer haargenau, was die Lehrerin anhatte. Die Farbe ihrer Ohrringe, ihr Oberteil, ob es zum Rock passte und so weiter. Kleidung war, genauso wie Musik und Jungs, Teil einer interessanteren, farbenfroheren Welt. Im Gegensatz zu meiner schrecklich langweiligen Welt. Diese drei Dinge waren meine Fluchtpunkte.

„Manchmal schrieben meine Finger die Wahrheit, bevor mein Kopf sie gedacht hatte.“

Sie geben nicht nur über sich selbst viel preis, sondern auch über alle Personen, die ihnen nahe standen. Wie haben ihre Freunde und Familie auf das Buch reagiert?
Als ich das Buch schrieb, war ich sehr ängstlich, dass die Leute es hassen würden, weil ich so ehrlich war. Den meisten Leuten hat aber gerade das gefallen, was mich erst überrascht und dann ermutigt hat, noch mehr zu schreiben. Über meine Familie steht ja gar nicht so viel drin. Nur über meinen Ex-Mann, und bei ihm habe ich mich sehr zurückgehalten. Ich hätte mich gerne mehr über ihn ausgelassen, wollte aber vermeiden, dass meine Tochter für immer mit einem Buch konfrontiert ist, in dem es darum geht, wie schrecklich ihr Vater und die Ehe ihrer Eltern war.
Die anderen Leute im Buch wie Mick Jones und Johnny Rotten waren alle einverstanden mit der Art, wie ich sie dargestellt habe. Ich habe nicht mit jedem gesprochen, zum Beispiel habe ich Paul Weller schon lange nicht mehr gesehen, und über ihn steht ja im Buch, dass er etwas Sexistisches zu mir gesagt hat. Keine Ahnung, was er davon hält, dass das jetzt öffentlich ist. Wahrscheinlich bekam ich deshalb keinen Ärger, weil ich ich über mich selbst schon die schlimmsten Dinge gesagt hatte. Das wirkte offenbar entwaffnend.

Ihr früherer Manager traute Ihnen nicht zu, selbst über Ihr Leben schreiben zu können, und schlug eine Ghostwriterin vor. War das jemals eine Option für Sie?
Auf keinen Fall! Ich wusste zwar selbst überhaupt nicht, ob ich ein Buch würde schreiben können, und als er zu mir sagte „das Buch wird scheiße, wenn du es selbst schreibst“ habe ich ihm zuerst geglaubt. Die Vorstellung, jemanden dafür zu engagieren, hat mich aber derart gelangweilt, dass ich mir gesagt habe: Entweder ich schreibe es selbst, oder niemand schreibt es! Es war mir wichtig, dass die Leser erfahren, welche Selbstzweifel mich plagten und wie schwierig es war. Wenn dir jemand sagt, dass du etwas nicht kannst, wirst du ihn nie vom Gegenteil überzeugen können, wenn du es nicht trotzdem versuchst. Ich war mir lange nicht sicher, ob mein Buch scheiße werden würde und habe  drei Jahre gebraucht, um es fertigzustellen. Ich wollte zeigen, dass ich selbst mit 50, nach einem Leben voller Entscheidungen, noch immer auf Männer treffe, die mir sagen, dass ich etwas nicht kann. Das ist doch unfassbar!
Davon abgesehen: Wenn ich mit einem Ghostwriter zusammengearbeitet hätte, hätte ich nie so offen mit ihm oder ihr gesprochen – über das Bluten beim Sex, darüber, wie ich versucht habe, Johnny Rotten einen Blowjob zu geben und so weiter. Die Dinge kommen aus deinen Fingern, wenn du schreibst, und manchmal schrieben meine Finger die Wahrheit, bevor mein Kopf sie gedacht hatte.