M.I.A. – „Alle sind krank von dem Hass“

Fotos: Roman Goebel

Uniting People Since 2003. Der Spruch prangt wie ein Gütesiegel auf A.I.M., dem fünften Album von Maya Arulpragasam. Auf dem Scherbenhaufen dieser Welt steht M.I.A. wie keine andere Popkünstlerin dafür, dass Widersprüche dazu da sind, ausgehalten zu werden. Als Kind war sie von Sri Lanka ins Vereinigte Königreich geflüchtet, ihr Lebenslauf weist, abgesehen vom Kurz-vor-Megastar-Status, einem Superbowl-Stinkefinger und 1001 Kontroversen, viele Parallelen zu dem von Sasha Perera auf. Die in Berlin lebende Musikerin sprach mit M.I.A. über Irre und Ignoranz, Präsidentinnenhirne und Bäume – die komplette Titelgeschichte aus SPEX No. 370.

Maya, du lebst nach mehreren Jahren in den USA wieder in London, wo du aufgewachsen bist. Fühlst du dich wohl dort?
Ich bin noch nicht sicher. Die Stadt verändert sich. Ich musste einen Sorgerechtsstreit durchstehen, um nach London ziehen zu können. Zunächst wurde entschieden, dass ich mit meinem Sohn 15 Jahre in New York leben sollte. Mir war klar, dass ich das nicht schaffe. Ich brauche meine Familie, aber meine Verwandten dürfen nicht in die USA einreisen. Das war 2010, der Krieg in Sri Lanka war seit einem Jahr zu Ende, und ich musste mich entscheiden: Du kannst entweder ein Leben in den USA aufbauen, musst aber deine Familie, deine Vergangenheit und alles Tamilische an dir aufgeben und dich assimilieren – dann kannst du diese unglaubliche, fantastische amerikanische Ikone werden. Ich hätte die tamilische Oprah Winfrey werden können. Oder du kannst dem widerstehen und dich davon verabschieden. Ich habe dann das Album Maya aufgenommen, das sehr anti-establishment und generell total anti war. Danach wurde meiner Familie die Einreise verweigert, ich war mit einem drei Monate alten Baby in Amerika, und ich hatte ziemliche Probleme mit den Singhalesen. Also habe ich beschlossen, die USA zu verlassen.

In Deutschland gibt es eine große tamilische Community.
Ja, die Tamilen leben vor allem in Deutschland, Kanada und Australien, einige auch in Schweden und Holland. Die Singhalesen leben in Los Angeles, dort gibt es eine der größten Communitys außerhalb von Sri Lanka. Und dort war ich. Es sind Leute zu meinem Haus gekommen, es gab Proteste bei den Grammys, ich war wirklich besorgt und versuchte, die Situation meiner neuen amerikanischen Familie begreiflich zu machen: „Seht her, das passiert mit dem tamilischen Volk, darüber muss ich sprechen, aber ich bin in dieser gefährlichen Situation mitten in der singhalesischen Community, und niemand weiß, was irgendein Verrückter anstellen könnte.“

„Der Brexit war eine Zockerpartie einer Handvoll alter weißer Typen.“

Ich fühle mich zwiegespalten, ich kenne Irre auf beiden Seiten. Sowohl Tamilen als auch Singhalesen haben ihre Macht missbraucht, und beide sind extrem voreingenommen und ignorant, auch in Bezug auf ihre eigene Community.
Ich würde aber nicht sagen, dass Ignoranz eine spezifische Eigenschaft von Menschen aus Sri Lanka ist. Das gilt für jede Community auf dieser Welt. Was mir passiert ist, hatte nicht in erster Linie mit Ignoranz zu tun, das war vorsätzlich böse, es war durchdacht. Die Regierung von Sri Lanka hat Leute in Los Angeles dafür bezahlt, jeden Tag Hasskommentare auf meinen Kanälen im Netz zu posten.

Das war unter der Regierung von Mahinda Rajapaksa. Hat sich das geändert, seit 2015 Maithripala Sirisena die Präsidentschaft in Sri Lanka übernommen hat?
Der Krieg ist vorbei, aber die Probleme sind dadurch noch nicht gelöst. Rajapaksa hat im Grunde Menschen getötet, ihr Land übernommen und einen Großteil davon an China verkauft. Sri Lanka ist noch total militarisiert, die Truppenstärke ist jetzt sogar doppelt so hoch wie am Ende des Krieges. Es herrschen immer noch Rassismus und Unterdrückung. Die Bevölkerung lebt in Angst, viele Menschen haben noch mehr von ihrem Land verloren und damit auch alle Hoffnung. Was ihnen bleibt, sind Alkohol und Drogen.

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Ich habe so schreckliche Geschichten gehört. Es ist schwierig, zwischen Gerüchten und Fakten zu unterscheiden.
Mein Vater hatte eine Farm, wo die meisten Leute vor dem Krieg ausgebildet wurden. Später wurde daraus ein großes Camp für Flüchtlinge, dann war es ein Schlachtfeld. Nach dem Krieg wurde das Gelände von Minen gesäubert, und die Regierung hat es erst vor drei Monaten enteignet. Stell dir also vor, was Tamilen ohne Ausbildung passiert, für die das Land das einzige ist, was sie besitzen!

Es sind immer die ungebildeten Personen, die leiden. Als ich ein Kind war, hat mein Vater von den Tamil Tigers Morddrohungen erhalten, weil er ihnen kein Geld gab. Aber ich habe auf beiden Seiten viele Arschlöcher erlebt.
Mein Vater kennt Leute im Parlament und Regierungsmitglieder, und trotzdem hat er sein Land verloren. Wenn so etwas einer Person wie meinem Vater passiert, kann es jedem passieren.

Wie beurteilst du die aktuellen Entwicklungen in der Türkei?
So kurz nach dem Putschversuch ist das schwer einzuschätzen. Wenn in den Sozialen Medien etwas an einem bestimmten Ort richtig knallt, spielt sich das wirkliche Geschehen, von dem wir nichts mitbekommen, oft woanders ab. Alles ist in dieser Hinsicht politisch. Soziale Medien werden als das Medium des Volkes wahrgenommen, aber das sind sie nicht. In Sri Lanka spielen sich seit Jahren ähnliche Dinge ab wie in der Türkei unter Erdoğan, aber es gibt keinen Militärputsch, es gibt noch nicht mal jemanden, der auf Twitter erklärt: „Hier läuft alles verkehrt, verfickt noch mal!“ Wenn die Sozialen Medien die Scheißzustände wirklich anprangern und etwas an der Situation verändern würden, wäre Sri Lanka der erste Ort, an dem das passieren müsste. Es gab Youtube, Smartphones, Twitter und Facebook, als die Tamilen im Frühling 2009 am Strand von Mullaitivu umgebracht wurden. Man sah, wie hunderttausende im Radius von einer Meile zusammengepferchte Menschen kaputtgebombt wurden – und nichts ist passiert. Aber jetzt sagen alle: „Ach, scheiß auf Social Media!“ Weil alle krank sind von dem ganzen Hass.

Und weil das Medium von vielen Leuten missbraucht wird. Als erste Reaktion auf den Putschversuch hat Erdoğan die Bevölkerung via Facetime auf CNN Türk aufgefordert, auf die Straßen zu gehen und sich dem Militär entgegenzustellen. Das ist nicht nur unglaublich, das ist im politischen Sinne vermutlich ein Präzedenzfall.
Die Türkei befindet sich mitten im Zentrum von so viel verrückter Scheiße, das Land ist durch seine geopolitische Lage so wichtig – ich will mir kein einfaches Urteil über die Situation erlauben. Es ist schwer zu durchschauen, was in der gesamten Region abgeht. Es gibt zu viele mächtige Player.