Blood Orange – Sax mit Blumen

Foto: Chris Schoonover

Game Over, 2016: Wir blicken zurück auf unsere Lieblingsartikel aus den SPEX-Ausgaben des Jahres. Heute: Ein Porträt von Blood Orange.

Das Mitgefühl für Freaks und Außenseiter wurde buchstäblich in Devonté Hynes hineingeprügelt. Was aus ihm herauskommt, klingt jedoch sanft, gefühlvoll und sexy. Seit der britische Künstler in New York lebt, beweist er mit dem emphatischen Stadtgeschichtspop von Blood Orange, dass geschmackliche Vorlieben politisch und politische Verlautbarungen geschmackvoll sein können. Sein drittes Album Freetown Sound handelt Sex, Sexismus, Religion und race relations in einer langen Nacht ab. Dabei standen die Zeichen noch vor einem Jahr auf Selbstbeseitigung.

Die Geschichte der südafrikanischen Weissagerin und Kräuterheilkundlerin Nontetha Nkwenkwe lässt sich am besten mit zwei Worten zusammenfassen: scheiße gelaufen. Als alleinerziehende Mutter von zehn Kindern überlebte Nkwenkwe im Jahr 1918 eine Grippeepidemie in ihrer Heimatstadt King William’s Town und fühlte sich fortan zu Höherem berufen. Sie gründete die Kirche der Prophetin Nontetha, predigte den Verzicht auf Alkohol und setzte sich für die Aussöhnung von gebildeter Bevölkerung und einfachen Arbeitern ein. Dieses Programm war aus zwei Gründen problematisch: Erstens hatten die Machthaber der Provinz Ostkap kein Interesse an Aussöhnung, zweitens missfiel ihnen, dass sich vor allem schwarze Frauen in der schnell wachsenden Kirche organisierten. Nkwenkwe wurde deshalb verhaftet und in ein Irrenhaus gesteckt, aus dem sie, trotz anhaltender Proteste ihres Gefolges, nie wieder herauskam. 1935 starb sie im Alter von 60 Jahren. Ihre Kirche gibt es noch heute.

Devonté Hynes ist über dieses Schicksal geradewegs in ein Internetloch gestolpert. So läuft es immer bei dem britischen Wahl-New-Yorker: Er begeistert sich scheinbar willkürlich für ein Thema, klickt sich von Artikel zu Artikel, stellt Verbindungen zu anderen Geschichten und eigenen Erfahrungen her und verdichtet Teile seiner Erkenntnisse schließlich zu mehrfach verschlüsselten Songtexten. Auf Freetown Sound, seinem dritten Album unter dem Künstlernamen Blood Orange, gibt es das Stück „Augustine“, das Parallelen zwischen den Lebensleistungen von Nkwenkwe und dem Heiligen Augustinus von Hippo herstellt, der mit seinen spätantiken Überlegungen zu Erbsünde, Fegefeuer und Judentum den Zorn der Reformationszeit auf sich zog. Dazu erklingt wirklich ganz hervorragende Sexmusik.

Gegensätze wie dieser sind seit jeher nach dem Geschmack von Hynes. Der Künstler wurde 1985 in Houston geboren, wuchs aber im englischen Essex auf. Seine Mutter stammt aus dem südamerikanischen Küstenstaat Guyana, sein Vater aus Sierra Leone. Als Kind nahm Hynes Cello- und Klavierunterricht, mit Beginn der Pubertät schmiss er beides hin, um sich alle Instrumente beizubringen, die man für eine Rockband braucht. Hynes begeisterte sich gleichermaßen für Metal und Make-up, er trug extravagante Kleidung und hing mit den wenigen offen homosexuellen Jugendlichen der Stadt ab. Im Essex der Jahrtausendwende gab es dafür regelmäßig aufs Maul: Hynes erinnert sich an „Chauvis in Jogginghosen“, die ihn im Bus anspuckten und mehrmals krankenhausreif prügelten. Die erste Flucht seines Lebens führte ihn zum Studium nach London. Dort schloss er sich einer Band an.

Test Icicles gehörten zu den besten und kurzlebigsten Gruppen der Dance-Punk-Ära. Ihr einziges, im Oktober 2005 veröffentlichtes Album For Screening Purposes Only ragte mit Härte, Galligkeit und Crossover-Einschlag aus dem übersäuerten Genre heraus. Wie alle guten Punkbands klangen Test Icicles, als könnten sie jederzeit implodieren, und so kam es dann auch. Schon nach einer Tour lösten sie sich auf, Hynes lästerte im Abschiedsinterview über die entstandene Musik und zog mit Simon Taylor-Davis von den Klaxons in eine WG in East London. »Wir waren die ersten dort«, sagt er heute. „London hatte gerade den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhalten und mit der Aufpäppelung des Ostens begonnen. Es war eine schlimme Gegend: Um Straßenräuber abzuschrecken, zog ich beim Einkaufen meinen riesigen Wu-Tang-Hoodie über den Kopf.“