Einfach das Ende der Welt – Filmfeature zum Kinostart

Der Extremfall von Gedankenübertragung: Nathalie Baye (Mutter) und Gaspard Ulliel (Sohn)

Xavier Dolan kriegt nicht genug. Mit 27 Jahren bringt er seinen sechsten Spielfilm ins Kino: die Geschichte eines hübsch katastrophalen Familientreffens. Vielleicht nicht ganz das Ende der Welt, aber bestimmt das Passendste, was man sich über die Feiertage reinziehen kann.

Liebe, Tod, Krankheit, dysfunktionale Familien, ein homosexueller Held: Aus diesen Elementen hat Xavier Dolan seine explosive, eigenwillige und persönliche Filmwelt geschaffen. Auch diesmal ist wieder alles drin. Zugleich bezeichnet das frankokanadische Kinowunderkind seine Verfilmung eines Theaterstücks des jung an Aids gestorbenen französischen Autors Jean-Luc Lagarce als sein erstes erwachsenes Werk, was nicht zuletzt auch mit einem enormen Staraufgebot einhergeht: Mit Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux, Marion Cotillard und Vincent Cassel wurden für Einfach das Ende der Welt einige der attraktivsten und stärksten französischen Schauspieler dieser Tage gecastet.

Wo hab ich meine Kippe noch mal hingelegt? Gaspard Ulliel versucht sich zu erinnern.
Wo hab ich meine Kippe noch mal hingelegt? Gaspard Ulliel versucht sich zu erinnern.

Erzählt wird der Extremfall eines Familientreffens. Gleich am Anfang lässt der 34-jährige Autor Louis die Zuschauer wissen, dass er nach zwölf Jahren Abwesenheit in sein Elternhaus zurückkehrt, um seinen nahen Tod anzukündigen und damit, wie er sagt, wieder die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Was dann allerdings geschieht, hat mit Kontrolle erwartungsgemäß wenig zu tun, denn nach so langer und unerklärter Abwesenheit ist die Rückkehr mit allen möglichen Ängsten und Erwartungen verbunden. Wut und Enttäuschung, die Hoffnung auf einen Neuanfang und die Ahnung des Endes verbinden sich zu einem stürmischen Aufruhr der Gefühle, den Dolan seismografisch auf die Kamera überträgt, die den Schauspielern aggressiv fordernd und klaustrophobisch eng auf die Pelle rückt und damit auch jede Erinnerung an die Herkunft des Stoffes von der Bühne ausmerzt.

Je lauter und fordernder die Familienmitglieder aufeinander losgehen, desto offensichtlicher wird das Unausgesprochene und Unsagbare zwischen ihnen, all die Lücken, die man als Zuschauer mit den eigenen Familiengeschichten auffüllt. Und immer wenn sich die Chance auf einen Moment der echten Kommunikation eröffnet, ist sie auch schon wieder vorbei.

 
Einfach das Ende der Welt
Kanada, Frankreich 2016
Regie: Xavier Dolan
Mit Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux, Marion Cotillard, Vincent Cassel

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 372 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.