Azealia Banks, Beyoncé & Rihanna – Opfer sehen anders aus

Wie viel Empowerment steckt in den entblößten Brustwarzen von Azealia Banks, in Rihannas unbeschwertem Hüftschwung und in Beyoncés eingeölten Bikini-Posen? Gedanken zur sexualisierten Selbstdarstellung schwarzer Musikerinnen aus SPEX No. 368.

„My nipples are just naturally that long. You’re hating now, but one day I will feed the nation with these nipz.“ Azealia Banks wäre nicht Azealia Banks, wenn sie die Twitter-Diskussionen um das unzensierte Cover ihres Mixtapes Slay-Z unkommentiert ließe. Über Nacht hatte die 24-jährige New Yorker Rapperin die neuen Songs online veröffentlicht, kostenlos. Auch ein Foto schickte Banks hinterher, auf dem sie sich mit nichts als knappen, fransigen Denim-Hotpants und einem dazu passenden Denim-Sombrero bekleidet zeigt. Ihr Busen ist entblößt, ihre Haltung aufrecht in der Hocke. Später folgte eine zensierte Version des Covers, doch bis dahin hatten Banks’ Nippel schon mehrere Millionen Likes generiert.

Nun sind Titten auf HipHop-Plattencovern so spektakulär wie matschige Ärsche in Wacken. Nicht nur, weil kurvige Frauenkörper zum sozialen Kapital der hypermaskulinen Rapkultur gehören. Bei Protagonistinnen wie Lil’ Kim oder Foxy Brown war die Zurschaustellung der eigenen physischen Reize vor zwei Jahrzehnten schon fester Bestandteil des Marketingkonzepts. Was den feinen Unterschied zum aktuellen Beispiel ausmacht, ist der explizit politische Paratext, den Azealia Banks tagtäglich über ihr Lieblingsmedium Twitter abfeuert. Durch Statements wie „Pussy is way more sacred than penis“, Reflexionen über ausstehende Reparationszahlungen an Nachkommen versklavter Afrikanerinnen, oder Argumentationen mit dem Intersektionalitätskonzept „Misogynoir“ erhält die Oben-ohne-Pose eine zusätzliche Konnotation. Die offen bisexuelle Rapperin fährt ganz klar eine Sex-positive, queer-feministische Agenda. Und ist dabei stets black and proud.

Das Bild des ausgebeuteten Frauenkörpers, des Opfers einer männlich dominierten Maschinerie, greift hier nicht mehr. Die Frau stellt ihren Körper aus eigenem Antrieb heraus aus.

Man kann von Banks’ wutentbrannten Twitter-Suaden halten, was man will. Und es ist kein politischer Akt, ihr auf die Titten zu glotzen. Sie selbst tut das alles anscheinend für die Lust an der Lust. „Jedes Mal, wenn mein Manager ein Shooting plant, sage ich: Lass uns ein Nacktfoto machen! Ich liebe es, mich auszuziehen“, erzählte Banks dem US-Playboy, dessen Cover sie im vergangenen Jahr zierte. Aber auch daraus lässt sich emanzipatorisches Potenzial lesen: Das Bild des ausgebeuteten Frauenkörpers, des Opfers einer männlich dominierten Maschinerie, greift hier nicht mehr. Die Frau stellt ihren Körper aus eigenem Antrieb heraus aus.

Auf die Frage, wie viel Empowerment in der sexualisierten Selbstdarstellung von Popstars wie Rihanna und Beyoncé steckt, sagte die feministische US-Autorin Roxane Gay einmal: „Es gibt Entscheidungen, die sie treffen, die absolut vom Kapitalismus angetrieben werden. Aber heißt das, dass diese Frauen vollkommen vom Patriarchat kontrolliert werden? Ich halte sie lieber für empowered und denke, dass sie sich sehr wohl der kapitalistischen Zwänge hinter ihren Entscheidungen bewusst sind – und diese Entscheidungen trotzdem treffen.“ Es war auch Gay, die 2014 ihren grandiosen Essayband Bad Feminist nannte, nachdem Beyoncé von prominenten Feministinnen als solche diffamiert wurde. Zu sehr wichen Beyoncés verführerische Posen im Bikini, ihr eingeöltes Dekolleté, ihr immerzu wackelnder Arsch auf High Heels für viele Aktivistinnen von dem ab, wofür sich Queen Bey ab 2013 explizit ausgab: einer Feministin.

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