»Er nimmt sich sein letztmögliches Kostüm« – Soap & Skin und Dietmar Dath über David Bowie

Soap & Skin vor der Wotrubakirche in Wien (Foto: Michael Dürr)
Soap & Skin vor der Wotrubakirche in Wien (Foto: Michael Dürr)

Welche Songs behandeln auf gelungene Weise Tod und Sterben?
DD: Ihr werdet lachen: »Ziggy Stardust«. Warum? Weil das Ding nicht so tut, als könnte es dem Tod eines Menschen gerecht werden, sondern stattdessen den Tod von Rock’n’Roll genießt und damit verneint. Der sehr kluge Blogger Philip Sandifer hat geschrieben, schon das Gitarrenriff sei »ein Riff, das sein eigenes Sterben beklagt«.
S&S: Björks »New World«. Auch Bowie singt auf Blackstar vom Sehen.

Welche Songs behandeln auf gar nicht gelungene Weise Tod und Sterben?
DD: »Spirit In The Sky« von Norman Greenbaum. Ich finde das Ding superschön, aber das ist es, weil es sein Thema so total verfehlt. Es redet vom Jenseits und suhlt sich im Diesseits. Falscher geht’s nicht.
S&S: Obwohl es auch hier um die sehenden Augen geht: »Bright Eyes« von Art Garfunkel. Ich liebe das Lied seit meiner Kindheit, aber den Text blende ich teilweise lieber aus. Ich hörte das zum ersten Mal im Film Unten am Fluss von Martin Rosen, in der letzten Szene, als das schwarze Kaninchen des Todes auftaucht. Das war die allererste »künstlerische« Darstellung des Todes, die ich als solche auch begriff. Ich muss ungefähr sieben Jahre alt gewesen sein, und ich kann mich noch körperlich an die gigantischen Gefühle erinnern, als ich zu verstehen begann, was dieses Kaninchen vorhat.

Gibt es beim Sterben im Pop einen Gender-Gap? Freddie Mercury, Cobain, Johnny Cash, Dylan, Ian Curtis, 50 Cent, The Notorious B.I.G., Tupac – alles Männer, bei allen spielt der eigene Tod mit, bei manchen als self-fulfilling prophecy.
S&S: Gender-Gap beim Sterben? OMG.
DD: Janis Joplin, Whitney Houston, Amy Winehouse … So etwas wird immer retrospektiv gebastelt, und man findet bei Künstler*innen ja immer alles, wenn sie lange genug aktiv waren. Elisabeth Bronfen hat mal einen Kult von Männern um die schöne Tote beobachtet. Aber der ist seit der Romantik da, der ist nicht Pop-spezifisch.
S&S: Fuck that Kult.

„Gender-Gap beim Sterben? OMG.“ (Soap & Skin)

Im Repertoire von Soap & Skin gibt es viele Lieder über den Tod. Warum?
S&S: »Marche Funèbre« richtet sich gegen autoritäre Zuschreibungen in meiner Kindheit. »Deathmental« dreht sich um Übergriffigkeit und Sadismus. Bei »Vater« ist der Bezug klar. Aber … Lieder »über den Tod« – ich habe immer das Gefühl, das ist ein riesiges Missverständnis. Aber ich mag mich irren. Ich mag Grenzen nicht so gerne, ob innere oder äußerliche, deshalb habe ich sie mir schon immer ganz genau angesehen. Das beginnt bei prägenden Erinnerungen, einschneidenden Handlungen und Lebenssituationen und endet beim Tod, ja. Und davor gibt es noch das, was das Leben fordert, wenn der Tod in unmittelbarer Nähe vorbeispaziert. Und es gibt das, was das Leben unter lebenswidrigen Umständen hervorbringt. Und es gibt Triebe, die sind außer Rand und Band. Und es gibt Fragen über das, was man vom Leben will, oder ob das, was man will, in dieser Welt verloren ist.

Die Todessongs von Männern sind bei aller Dramatik fast immer in Genresprachen wie Rock oder Hip-Hop verhaftet, sodass eine Restdistanz zwischen Sänger und Song-Persona bleibt, man(n) also nicht in Versuchung gerät, das eins zu eins persönlich zu verstehen. Bei Soap-&-Skin-Songs gerate ich aber sehr wohl in Versuchung, das autobiografisch zu lesen, also Soap & Skin mit Anja Plaschg zu identifizieren und umgekehrt. Nehmen Sie das in Kauf? Fordern Sie das heraus?
S&S: Mit derartiger und immer wiederkehrender Fragestellung schleicht sich mir ins Gewissen: Warum bekommt diese Frage derartige Gewichtung? Das ist mir allerdings ein Rätsel, das ich mittlerweile auch gerne aufgebe, lösen zu wollen. Für mich sind »Genresprache« und derartige Benennungen uninteressant. Das scheint eine Aufgabe der Rezipienten beziehungsweise Journalisten zu sein. Wobei ich auch daran zweifle, dass Ian Curtis, Elliott Smith und Kurt Cobain einfach »Genresprachen« benutzt haben. Werden weibliche »Todessongs« – ich übernehme der Einfachheit halber diese Bezeichnung – anders rezipiert als männliche? Ich befürchte ja. Allgemeingültiges wird Frauen im Pop weniger leicht zugesprochen als Männern.

Den Albumtitel Nicht sterben. Aufpassen. von The Schwarzenbach und den Songtitel »Leider bin ich tot« würde ich zunächst nicht mit der Person Dietmar Dath identifizieren, sondern im Kontext Ihrer Beschäftigung mit diversen Todeskünsten wie Splatter und Metal sehen. Wenn ich allerdings jetzt, nach einigen Stunden Recherche zum Thema, »Leider bin ich tot« zum x-ten Mal höre, frage ich mich, ob das nicht doch Dietmar Dath ist, der vom eigenen Leben und Sterben singt. Das wiederum hat reflexhaftes Zurückweichen zur Folge: Will ich das wissen?
DD: Es ist ein Liebeslied. Und das ist für mich fast noch intimer als ein Sterbelied. Es ist ja nicht intelligenter als: »Wenn ich tot bin, wirst du mich vermissen, dann tut’s dir leid.« Das ist einerseits pubertärer Quatsch, aber man fühlt so was eben manchmal, und die Band hat mich eingeladen, das in seiner ganzen Ungeschütztheit zu erforschen. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür.
S&S: »Es ist ein Liebeslied. Und das ist für mich fast noch intimer als ein Sterbelied.« Diesen Satz möchte ich auch gerne auf »Vater« übertragen.

Dietmar Dath im Januar 2016 in Frankfurt am Main (Foto: Evelyn Dragan)
Dietmar Dath im Januar 2016 in Frankfurt am Main (Foto: Evelyn Dragan)

Es folgen Songzeilen zum Thema. Was fällt Ihnen dazu ein? All the people I like are those that are dead. (Felt)
S&S: Auf allen Dingen liegt der Staub derselben Dinge.
DD: So rum stimmt es bei mir nicht, aber so ähnlich: Einige Leute, die ich mag, sind tot, zum Beispiel Lieblingsautorinnen. Joanna Russ vor allem, die lese ich immer, als würde ich mir bei jemand Rat holen, jemand Lebendigem. Texte können das irgendwie, und das wäre meine Frage an Soap & Skin: Wenn man Texte vorliest oder spielt, die von Toten stammen, etwa von Ingeborg Bachmann (wie in Ruth Beckermanns Film Die Geträumten mit Anja Plaschg in der Hauptrolle, Anm. d. Red.), denkt man dann eher: »Die redet aus mir, also: Jemand Fremdes ist da, und ich bin nur die Stimme«? Oder denkt man: »Das bin ich. Ich benutze nur die Worte der Toten, um ich zu sein.« Ich frage danach, weil Bowies Rollen jetzt zum Teil von anderen weitergespielt werden. Michael C. Hall, der in »Lazarus« spielt, hat sogar explizit gesagt: »Ich spiele jetzt David Bowie.« Dabei spielt er eine Rolle, die Bowie angeregt hat. Kann man so was unterscheiden, wenn man für die Toten spricht?
S&S: Erst konnte ich mich entscheiden und denke jetzt, dass sich mein Umgang damit aus einem Wechselspiel beider Möglichkeiten speist. Das Spielen toter Künstler und das Interpretieren von deren Werken ist eine heikle Sache und erfordert für meine Begriffe große Behutsamkeit. Für meinen Geschmack gelingen diese Fremdübertragungen in den seltensten Fällen. In der Arbeit mit Ingeborg Bachmanns Texten, die mich teilweise übel-erregend berührt haben – und das meine ich irgendwie auch im positiven Sinne –, waren immer diese Zweifel in meinem Kopf: Darf ich zeigen, was ich da spüre? Woher habe ich das Recht, ihre Gestalt anzunehmen, wenn ich ihre Worte in meinen Mund lege? Um die Sache dann überhaupt über den Tisch zu bringen, hoffe ich darauf, dass das Mit-Tragen dieser Zweifel eine irgendwie angemessene Form hervorbringt.

I’d rather die young than grow old without you. (Johnny Cash)
S&S: Was sich als begehrenswert ausgibt, ist maskiert. Früher oder später fällt die Maske, in diesem Augenblick demaskieren sich die Angst, der Tod und die Vernichtung des vergänglichen Wesens. (Georges Bataille)
DD: Eine der schönsten Beleidigungen, die es gibt. Fast so gut wie »May you live in interesting times«.

Hope I die before I get old. (The Who)
DD: Be careful what you wish for!
S&S: Oh, ja! Careful with that!

Hope that I get old before I die. (They Might Be Giants)
DD: Be noch carefuler when you wish for what everybody wishes for!
S&S: Der Satz stinkt nach neoliberaler Ego-Ökonomie und Lebensangst.

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. (Rainer Werner Fassbinder / Lassie Singers)
S&S: Kleines Ich sagt: Ich nehme alles. Kleines Leben sagt: Ich auch.
DD: Das gibt es inzwischen sogar als Song von Bon Jovi. Leuchtet mir überhaupt nicht ein. Ist so wie: Wenn ich Kaffee trinke, kann ich nicht schlafen. Das Gegenteil stimmt bekanntlich: Wenn ich schlafe, kann ich keinen Kaffee trinken.

„Pop ist die Möglichkeit, davon träumen zu dürfen, dass David Bowie mich liebt.“ (Dietmar Dath)

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik-Features in SPEX No. 367 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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