Nocturnal Animals – Filmfeature zum Kinostart

Auch bei der Arbeit immer in Schale: Amy Adams und Tom Ford (Foto: Merrick Morton/Focus Features)

Tom Ford macht nicht nur exklusive Mode, unter anderem für Gucci und Yves Saint Laurent. Er dreht auch Filme: Nocturnal Animals ist ein monströses Zwitterwesen aus Drama und Rachethriller, das soeben für drei Golden Globes nominiert wurde.

Eines Tages bekommt die Galeristin Susan überraschend Post von ihrem Exfreund Edward. Neben dem Manuskript seines neuen Romans enthält der Umschlag einen Brief mit der Bitte, dieses zu lesen und sich möglichst bald mit ihm zu treffen. Doch mit der Lektüre wächst zunehmend die Verstörung: Das Buch erweist sich als ausgesprochen düstere und gewalttätige Geschichte über eine Familie, die während eines nächtlichen Trips durch Texas in die Hände bestialischer Hinterwäldler gerät – und sie ist obendrein auch noch Susan gewidmet.

In seiner zweiten, auf einem Pulp-Roman von Austin Wright basierenden Regiearbeit präsentiert der amerikanische Modeschöpfer Tom Ford eine vertraute Story in neuem Gewand: Nocturnal Animals widmet sich dem unheilbaren Schmerz einer gescheiterten Liebe, doch anstatt nur auf ein herkömmliches Beziehungsdrama zu setzen, baut Ford zusätzlich die Romanhandlung als einen Film-im-Film ein, der auf den ersten Blick nur wenig mit Susan und Edward (gespielt von Amy Adams und Jake Gyllenhaal) zu tun hat. Vereinzelte Rückblenden, die das Publikum mit Hintergrundinformationen aus der Vergangenheit versorgen, offenbaren nach und nach, dass der im Wüstensand angesiedelte Rachethriller eigentlich eine vergiftete Metapher für Edwards Verbitterung ist.

Nächtliche Zwitterwesen machen Stress: Jake Gyllenhaal flüstert Aaron Taylor-Johnson was.
Nächtliche Zwitterwesen machen Stress: Jake Gyllenhaal flüstert Aaron Taylor-Johnson was.

Fords Film wirkt manchmal etwas ungelenk, besonders wenn er versucht, einen möglichst grellen Kontrast zwischen dekadenter Kunstwelt und archaischer Provinz zu schaffen. Doch gerade bei dieser Gegenüberstellung geht es dem Regisseur weniger um die Opposition zweier Extreme, als darum, sie ineinander aufzulösen. So nähert sich Nocturnal Animals auf zwei verschiedene Arten derselben Geschichte an: einmal als Drama über eine erfolglose weibliche Selbstfindung, und einmal als überhöhter Genrefilm, in dem ein empfindsamer Mann an seiner Unfähigkeit, einem klassischen Rollenbild zu entsprechen, verzweifelt. Das Schöne an diesen jeweils sehr geschlechtsspezifisch codierten Erzählformen ist, wie durchlässig sie sind. Sie repräsentieren nicht einfach nur verschiedene Perspektiven, sondern verschmelzen zu einem monströsen Zwitterwesen aus Verletztheit und Erkenntnis.

Nocturnal Animals
USA 2016
Regie: Tom Ford
Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon u. a.

Dieser Beitrag ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 372 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.