Little Simz „Stillness In Wonderland“ / Review

Auf ihrem zweiten Album flirtet die Londoner Rapperin Little Simz mit der Idee, sich einfach zu verpissen. Keine gute Idee, schließlich verlangen diese Zeiten nach Leuten wie ihr.

Gelegenheiten, über England den Kopf zu schütteln, gab es im vergangenen Jahr genug. Politik, Gesellschaft, Rassismus – die Entwicklungen auf der Insel können einem schon einmal den erholsamen Schlaf rauben. So auch Simbi Ajikawo aus dem Londoner Stadtviertel Islington. Ajikawo, besser bekannt als Little Simz, könnte eine der Protagonistinnen sein, die in Kate Tempests Album Let Them Eat Chaos um 4.18 Uhr morgens von dem ganzen Schlamassel gebeutelt wach liegen, die Decke anstarren und sich fragen, wie sie eigentlich in diese Scheiße reingeraten sind. Am Ende helfe nur eins, sagt sie gleich zu Beginn ihres zweiten Albums Stillness In Wonderland: Die Augen zu schließen, um überhaupt etwas sehen zu können.

Und eben das tut Little Simz nicht. Die Rapperin, die im vergangenen Jahr auf ihrem Trap-infizierten Debüt A Curious Trail Of Trials + Persons die Messlatte in Sachen Flow und Inhalt im Hip Hop ein Stück weit nach oben verlegte, verengt ihren Blick auch auf dem Nachfolger weder auf den eigenen Bauchnabel noch auf irgendwelche UK-Phänomene. Vielmehr bemüht sie den großen Löffel: So widmet sie sich bereits im Opener „LMPD“ der Situation der afroamerikanischen Bevölkerung, der verdreckten Mutter Erde und den bisher nicht eingelösten Visionen einiger verstorbener Ikonen und Visionäre gleichzeitig. Beispiel? „And Luther King´s soul is still patiently waiting for his dreams to come true“, heißt es in der stilistisch eher dezenten, beinahe meditativen Melange aus Reggae, Neo-Soul und Pianojazz etwa. So explizit wird es im weiteren Verlauf, abgesehen von der bei ihr fast schon traditionellen Schelle gegen das Musikbusiness, allerdings nicht mehr. Parolen und Floskeln sind nicht die Stärke der 22-Jährigen, die sich in „Doorways + Trust Issues“ auch prompt die eigene Widersprüchlichkeit verzeiht: „My imperfection has made me who I plan to be“. Zurecht! Die 15 Tracks auf Stillness In Wonderland sind letztendlich Fäden eines Narrativs, das sich erst auf Gesamtlänge vollständig entspinnt. Das erinnert an die großen britischen Erzähler des Genres: an Kate Tempest ohnehin, aber auch an Mike Skinner.

„Eskapismus ist keine Option“

Dabei lehrt Stillness in Wonderland in all seiner Subtilität vor allem eine Lektion: Eskapismus ist keine Option. Und das obwohl die jazzigen, teils an Kendrick Lamar erinnernden, nahezu butterweichen Arrangements, das Verschwinden als letzte Möglichkeit auf ein besseres Leben mehr als einmal suggerieren und sich Little Simz auch noch konzeptuell an Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland abarbeitet. Wie im für das Album gedrehten Film mäandert Little Simz zwischen Realitäts- und Traumsequenzen, folgt Carrolls weißen Kaninchen bis in den Bau, widersteht allerdings der zu Zeiten von Brexit und Boris Johnson durchaus reizenden Versuchung, sich zusammen mit ihnen in eine Parallelwelt zu buddeln. Vielmehr gönnt sie ihrem politischen Rap jedoch ein Schlupfloch, eine Art nicht-kolonialisierte Traumzone, um danach die realen Fronten allzu klarer benennen zu können. Little Simz scheint zu der seltenen Spezies zu gehören, die sich dann, wenn es warm wird, umso mehr an die zwischenmenschliche Kälte erinnert – und den Kaninchenbau schleunigst wieder verlässt: „Real shit is happening and my people need me. And therefore: I´m out.“ Eine gute, weil solidarische Entscheidung. Denn nicht nur die Rapwelt wird jemanden wie sie noch brauchen.

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