Album der Ausgabe: Solange „A Seat At The Table“ / Review

Solange löst weniger Kastrationsängste aus als ihre weniger dezente Schwester Beyoncé. Gewalt wird auf A Seat At The Table stattdessen feierlich transzendiert.

Welcher Witzbold hat da Regie geführt? Unmittelbar vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der alles andere als Vereinigten Staaten von Amerika stand an der Spitze der US-Albumcharts ausgerechnet A Seat At The Table. Eine Platte also, die schon im Titel das Recht beansprucht, mit am Tisch zu sitzen, und explizit „All my niggas in the whole wide world“ adressiert und klarstellt: „This shit is for us“. In der ersten Woche nach der Wahl dann an der Spitze: We Got It From Here, das unerwartet gelungene Comeback von A Tribe Called Quest, das bereits als das erste Protestalbum der Ära Trump bezeichnet wird. Es ist schon eigenartig: Trumps Wahl, auch von Ku-Klux-Klan-Leuten begrüßt, wird von zwei Alben flankiert, die in ihrer Vielfalt illustrieren, was hinter der Parole „black lives matter“ so alles stecken kann.

Bei Solange etwa ihre Haare („Don’t Touch My Hair“), von denen man – vor allem der weiße Mann – gefälligst seine Finger lassen soll. Auch an anderer Stelle gilt: some shit you can’t touch. „F.U.B.U.“ heißt der betreffende Song, seinen Titel verdankt er dem Akronym für „For us by us“, das schon ein Modelabel aus den Neunzigern groß machte. Darin verknüpft Solange Motive schwarzer Selbstverteidigung und -ermächtigung mit den Verheißungen des black capitalism: Unternehmt was, Leute! Unsere Kultur gehört uns! Im gesprochenen Introlude verifiziert der leibhaftige Master P, seines Zeichens erfolgreicher Rapper, Produzent, Schauspieler, Regisseur und ehemaliger Basketballprofi, die Erfolgschancen schwarzen Unternehmertums. Mit No Limit Records, „a black owned independent company“, wie es in seinem Monolog heißt, hat er es auf rund 350 Millionen Dollar gebracht. Auch ein anderer erfolgreicher Geschäftsmann der afroamerikanischen Musiklandschaft kommt zu Wort. In einem der neun strukturierenden Interludes spricht er über seine Jugend zwischen Segregation, Integration und dem KKK. Sein Name: Matthew Knowles, Vater und Ex-Manager von Solange und ihrer Schwester Beyoncé. Auch Tina Knowles, die Mutter der beiden Hochbegabten, kommt zu Wort und erklärt, dass pro black zu sein nicht anti white heißen muss und dass da beauty ist im black-Sein. Frei nach „black is beautiful“, einem Slogan, den in schwarzgrauer Vorzeit in einem speziellen Akt der kulturellen Appropriation ausgerechnet die Junge Union für sich hijackte.

 A Seat At The Table ist der knowles’sche Gegenentwurf zum altgedienten Papa was a rolling stone-Stereotyp von der dysfunktionalen schwarzen Familie.

Die Anwesenheit von Mutter und Vater darf als Demonstration gedeutet werden: Zwar sind die Eltern geschieden, aber beide kümmern sich. So ist A Seat At The Table auch der knowles’sche Gegenentwurf zum altgedienten Papa was a rolling stone-Stereotyp von der dysfunktionalen schwarzen Familie. Die Musik wird als Psychedelic Soul gefeiert, dabei geht ihr die exzessiv-dramatische Drastik der Produktionen von Sly Stone und Norman Whitfield ab, zugunsten eines von stil- und geschichtsbewussten Neo-Traditionalisten wie Questlove und dem Produzenten Raphael Saadiq verantworteten, superslicken, jeden Retroverdacht unterlaufenden, wohlinformierten Post-R’n’B, der kaum einmal den Midtempobereich verlässt, nicht über die Stränge schlägt. Die exquisit austarierte Gästeliste signalisiert Distinktion und Diversity: Q-Tip von A Tribe Called Quest, Tweet, Sampha, Lil Wayne, Kelly Rowland, David Longstreth von den Dirty Projectors, Kelela, Dave Sitek, das sind nur einige der illustren Namen.

Dann ist da noch Solanges tirillierendes Zwitschern, das ihr allenthalben Vergleiche mit Minnie Riperton einbringt. Und den Verdacht nährt, dass Solange gerade deshalb die Königin der Herzen vieler (weißer und alter?) Männer ist, weil sie weniger Kastrationsängste auslöst als ihre weniger dezente Schwester Beyoncé. Deren vermeintlich untreuen Ehemann hatte Solange öffentlich geohrfeigt, eine Form der Gewalt, die A Seat At The Table feierlich transzendiert. So feierlich, gebildet, streckenweise andächtig und frei von unkontrollierter Aggression, dass Solange mit ihrem dritten Album vor lauter Vorbildfunktion einen sicheren Platz haben wird bei den Feierlichkeiten zum „African-American Music Appreciation Month“, den Barack Obama am Ende seiner Amtszeit noch schnell eingeführt hat. Makellos und wichtig ist A Seat At The Table. Aber auch a seat at the coffee table, mitunter.

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