Avantgarde ist Frau – Heroines of Sound Festival im HAU

Beatriz Ferreyra

Zum dritten Mal finden beim Heroines of Sound wahre Pionierinnen elektronischer und experimenteller Komposition ihre lang verdiente Beachtung. Mit einem Programm aus frühen Klangkünstlerinnen und zeitgenössischen Musikerinnen erforscht das Festival im HAU Hebbel am Ufer in Berlin akustische Visionen, die Genregrenzen überschreiten. SPEX hat mit den Macherinnen gesprochen.

„Tatsächlich habe ich während meines Studiums so gut wie nie etwas von einer Komponistin gehört”, beschreibt Bettina Wackernagel, Dramaturgin und neben Mo Loschelder und Sabine Sanio eine von drei Kuratorinnen des Heroines of Sound Festivals das Phänomen der Abwesenheit weiblicher Studienobjekte in der Komposition. „Gut, es gab Clara Schumann, die Boulanger-Schwestern … aber von Pril Smiley, Laurie Spiegel oder Pauline Oliveros habe ich erst später gehört.”

Wo sind sie, die Komponistinnen? Warum wissen wir nichts von ihnen? Sowohl in der historischen Musikwissenschaft als auch in der modernen Musik ist der Beruf des Komponisten nach wie vor männlich besetzt. Zwischen all den Mozarts und Beethovens, den Mahlers, Schönbergs und in jüngerer Zeit den Stockhausens, Cages und Schaeffers – denn dudes brauchen keine Vornamen – sind selten wegweisende und einflussreiche Künstlerinnen zu entdecken. Weil es sie nicht gab? Weil ihre Werke der Überlieferung nicht stand gehalten haben?

„Diese Komponistinnen waren anerkannt und erfolgreich”, so Wackernagel, „und trotzdem kennt sie das Publikum nicht. Die Rezeptionslinien sind abgebrochen, und wir fragen uns: wieso?” Bestes Beispiel hierfür sind die der groupe de recherches musicales (GRM) nahe stehenden Komponistinnen Beatriz Ferreyra und Christine Groult, die als zwei der titelgebenden Heldinnen früher Klangkunst beim diesjährigen Heroines of Sound in den Fokus gerückt werden.

„Die Rezeptionslinien sind abgebrochen, und wir fragen uns: wieso?”

Ein weiterer Schwerpunkt liegt mit Cathy Berberian bei einer der bedeutendsten Pionierinnen neuer Gesangspraxis im 20. Jahrhundert. Die amerikanisch-armenische Mezzosopranistin arbeitete mit ihrer Stimme an den Grenzen von Virtuosität und Experimenten, gestaltete Kompositionen von John Cage und Luciano Berio mit. Ihr gewidmet sind auch die Performances von Anna Clementi, die neben ihrer eigenen Musik zwischen Jazz und konzeptuellen Pop zwei für Berberian geschriebene Werke interpretiert, sowie Ute Wassermanns Version der onomatopoetischen Comic-Komposition „Stripsody”.

Mit der Kombination aus Komponistinnen zeitgenössischer E-Musik und Vertreterinnen aktueller Ästhetik und Konventionen herausfordernder elektronischer Musik wollen Wackernagel, Sanio und Loschelder die historische Perspektive mit gegenwärtigen künstlerischen Positionen zusammenbringen und die Verbindungslinien erlebbar machen. Neben Konzerten und Performances wird auch in begleitenden Gesprächspanels und Videoscreenings quasi archäologische Ausgrabungs- und Rekonstruktionsarbeit an verschütteten Rezeptionslinien geleistet.

„Diese Komponistinnen waren Ausnahmekünstlerinnen, aber mitnichten singuläre Erscheinungen.”

In den letzten Jahren ist den weiblichen Protagonistinnen früher elektronischer Komposition wieder vermehrt Aufmerksamkeit zuteil geworden, jedoch gibt es für eine den Künstlerinnen gerecht werdende Darstellung ihrer Errungenschaften noch jede Menge zu tun. „Auffällig ist die Experimentierfreude der Komponistinnen. Sie haben Klangbilder für Hörspiel, Film und Fernsehen komponiert, Studios gegründet, Musiksoftware und einen visuellen Synthesizer erfunden. Und doch sind sie heute so gut wie unbekannt.”

Den Auftakt des Heroines of Sound vom 8. bis 10. Dezember bildet die Performance-Video-Installation „SHIROSHI” von Miako Klein. Neben dem musikalischen Programm aus vokaler Kammermusik, Live-Elektronik, der Theremin-Virtuosin Dorit Chrysler und Lucrecia Dalts Electronic Sound gibt es im Foyer des HAU Filmporträts von unter anderem Electric Indigo, Maryanne Amacher und Suzanne Ciani sowie eine Sound-Bar.

Die kuratorische Arbeit von Bettina Wackernagel, Mo Loschelder und Sabine Sanio betreibt Aufklärung über die Diversität, die Umtriebigkeit und den innovativem Schaffensdrang von Frauen in der kontemporären Komposition. Mit ihrer Präsentation des Reichtums an prägenden Soundexperimenten und ästhetischen Visionen wollen sie inspirieren und neugierig machen: „Bemerkenswert ist, dass die Künstlerinnen vorrangig als Ausnahmeerscheinungen und Ikonen gewürdigt werden. Richtig ist, diese Komponistinnen waren Ausnahmekünstlerinnen, aber mitnichten singuläre Erscheinungen.”

Heroines of Sound 2016
08. – 10.12. Berlin – HAU Hebbel am Ufer

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