Paterson – Dichter und Loser säumen seinen Weg / Feature zum neuen Film von Jim Jarmusch

Wenn Jim Jarmusch Busfahrer, Schachspieler und Bulldoggen filmt, darf man davon ausgehen, dass sie verborgene Talente besitzen. Die Frage ist nur, ob man ihre Talente auch wahrnimmt. Jarmuschs Helden sind so spektakulär unspektakulär wie die Kleinstadt, in der sie leben: Paterson, New Jersey. Der nach ihr benannte Film ist ein Loblied auf die Banalität, komponiert aus Schattierungen der Unerheblichkeit und wunderbar modulierter Unsicherheit. Und er nutzt, im wörtlichen Sinne, die Leinwand als Raum für Beschreibung. So poetisch war Jarmusch noch nie.

Jim Jarmusch macht keine Actionfilme. Darauf kann man sich schnell einigen. So sehr sich seine Helden auch bewegen – sei es zu Fuß durch die Straßen New Yorks wie Chris Parker in Jarmuschs Erstling Permanent Vacation (1980) oder per Nachtflug über die Kontinente wie vor zwei Jahren die Vampire in Only Lovers Left Alive – sie umkreisen stets dieselben Fragen. Jarmusch macht aber auch keine Dramen, in denen sich Figuren in psychologischer Weise irgendwie entwickeln. Sein Werk steht vollkommen einzigartig da, meist beschrieben mit Stimmungsvokabeln wie „cool“ oder „lakonisch“. In Paterson aber stellt Jarmusch nun etwas ins Zentrum, worum es bei ihm am Rande immer schon ging: die Poesie, die in der Wiederholung liegt, das Glück der Routine, die kreativen Impulse, die sich aus der aufmerksamen Beobachtung unseres Umfelds ergeben.

„Pay attention to distractions.“ So lautet eine der Oblique Strategies, jener Spielkarten, die Brian Eno und Peter Schmidt 1975 herausbrachten, um beim Durchbrechen kreativer Blockaden zu helfen. „Achte auf die Ablenkungen.“ Das könnte auch das Motto für Paterson sein. In fast jeder Einstellung des Films gibt es etwas, das die Aufmerksamkeit streut und wegführt von dem, was man als die Haupthandlung begreifen möchte. Seien es die Zwillingspaare, die ein ums andere Mal ins Blickfeld des Protagonisten rücken, des dichtenden Busfahrers Paterson. Seien es all die wissenswerten Nebensächlichkeiten, die man über den Ort der Handlung, die Stadt Paterson im US-Bundesstaat New Jersey erfährt: dass der Komiker Lou Costello hier geboren wurde; dass der Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, den Bob Dylan in einem Song und Norman Jewison in einem Film verewigten, hier verhaftet wurde; dass Allen Ginsberg in der Stadt aufwuchs; dass Iggy Pop nach einem Gig in Paterson zum Sexiest Man Alive gekürt wurde. Und natürlich dass William Carlos Williams, der große Dichter der US-amerikanischen Moderne, einen ganzen Werkzyklus, der zwischen 1946 und 1958 in fünf Bänden erschien, nach der Kleinstadt benannte.

In Paterson stellt Jarmusch  etwas ins Zentrum, worum es bei ihm am Rande immer schon ging: die Poesie, die in der Wiederholung liegt, das Glück der Routine.

Schon hat man sich verfangen in einem Dickicht aus Details, die es fast unmöglich machen, die Hauptfrage zu beantworten: Handelt Paterson von einem Busfahrer, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt? Oder handelt der Film von einem Poeten, der zufällig seinen Lebensunterhalt als Busfahrer verdient? Auch wenn sich beides ähnlich anhört, sind das zwei sehr unterschiedliche Wege, um von diesem Film zu erzählen.

Der erste verläuft in einer geraden Linie, wie sie herkömmliche Biopics ziehen und mit der man versucht, sich auf das – vermeintlich – Wesentliche zu konzentrieren. In dieser Version spielt Adam Driver einen Busfahrer, dessen Leben im Verlauf einer Woche geschildert wird. Es ist ein von Routinen bestimmtes Leben: Von Montag bis Freitag steht er morgens um kurz nach sechs auf, frühstückt seine Cheerios, spaziert, eine altmodische Lunchbox schwingend, zur Arbeit und fährt den lieben langen Tag seinen 23er-Bus durch Paterson, die Stadt, mit der er den Namen teilt. Abends kehrt er heim zu seiner Frau Laura, mit der er zu Abend isst, um anschließend auf ein Bier in Docs Bar einzukehren, was er damit verbindet, seinen Hund auszuführen.

Unterbrochen wird dieser gleichförmige alltägliche Ablauf von kleinen Vorkommnissen, die sich graduell einzig in ihrer Unerheblichkeit unterscheiden: Patersons Kollege trägt ihm im Busdepot die Litanei seiner Lebenssorgen vor; in seiner Lunchbox findet sich jeden Tag ein anderes Foto seiner Frau; ein paar Jugendliche warnen ihn vor der wachsenden Gefahr der Hundeentführungen; in Docs Bar spitzt sich die Auseinandersetzung zwischen einem einstigen Liebespaar zu. Als am Freitag Patersons Bus wegen einer Panne mitten in der Stadt liegen bleibt, platzt das wie ein Ereignis von ungeahnten Ausmaßen in all die Routinen. Letztlich wirkt der schadhafte Bus aber nur wie der Vorbote einer größeren Katastrophe, die sich am Wochenende ereignet. Trotzdem steht Paterson am Montag danach wie gewohnt um kurz nach sechs auf. Und in dieser Version der Geschichte schreibt der Busfahrer eben nebenher Gedichte.

Aber diese geradlinige Betrachtungsweise lässt so vieles weg. Erzählt man die Story andersrum als die eines Dichters, der nebenher Bus fährt, wird die Poetik des Beiläufigen zum zentralen Prinzip des Films. Macht man all die „Ablenkungen“ und die Menge an unerheblichen Vorkommnissen zur Hauptsache, hat man es plötzlich mit einem Netz an Bezügen und Verweisen zu tun. Aus einem Film über die banalen Routinen eines dichtenden Busfahrers, der mit seiner alten Lunchbox und der Weigerung, sich ein Smartphone zuzulegen, wie ein Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert wirkt, wird Paterson zu einem Film über die treibende Kraft der Kreativität und ihre Möglichkeiten selbst an unwahrscheinlichen Orten.

Eine Langform des hier in Auszügen veröffentlichten Features zum neuen Jim-Jarmusch-Film Paterson ist in der aktuellen Printausgabe SPEX No. 371 erschienen. Das Heft kann auch versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.