Alain Badiou
 „Versuch, die Jugend zu verderben“ / Review

Unser Autor Pascal Jurt nennt es „altväterliches Ding“: Bei Edition Suhrkamp ist gerade Versuch, die Jugend zu verderben von Alain Badiou erschienen.

Der von manchen als radikalster Denker unserer Zeit verehrte Philosoph Alain Badiou, dessen Ideen bereits Musiker zu Plattentitel inspiriert haben, hat ein Buch über die Jugend geschrieben. Dies vorab: Dieses „Manifest gegen die kapitalistische Geschichtslosigkeit“, das zugleich „ein Plädoyer für ein Leben jenseits des ideenlosen Konsumzwangs, und ein Kompass für all jene, die in unserer immerjungen Gesellschaft die Orientierung verloren haben“, sein will, ist mit seinem an Sokrates gerichteten Vorwurf im Titel Versuch, die Jugend zu verderben ein ganz altväterliches Ding geworden. Der Neo-Kommunist, der einmal mehr versucht, die Philosophie zu rehabilitieren, sieht die Jugend von zwei inneren Feinden bedroht. Der erste ist die „Leidenschaft für das unmittelbare Leben“, der zweite „die Leidenschaft für den Erfolg, der Wunsch, reich und mächtig zu werden, ein angenehmes Leben zu führen“. Neben einem allgemeinen Teil zum Sinn und Nicht-Sinn des Jungseins heute ist das Buch in zwei Kapitel zum gegenwärtigen Werden der Söhne und der Töchter eingeteilt.

Der Neo-Kommunist, der einmal mehr versucht, die Philosophie zu rehabilitieren, sieht die Jugend von zwei inneren Feinden bedroht.

Während den Söhnen die Antizipation misslinge, weswegen sie im Angstzustand der Stagnation verharrten, zehre als Rückwirkung des Erwachsenseins die Adoleszenz der Töchter sogar deren Kindheit auf. Ihr Angstzustand sei die Frühreife. Diese nebulösen, mit etabliertestem modernistischen Besteck der französischen Literaturgeschichte sowie mit Freud und Lacan aufgetischten Spekulationen und auch gentlemansexistische Sätze wie „Eine Frau ist immer schon selbst der irdische Beweis dafür, dass Gott nicht existiert, dass er nicht existieren muss. Es genügt, eine Frau anzublicken – was man anblicken nennt –, um sich davon zu überzeugen, dass Gott nicht gebraucht wird“ sind nur das eine. Noch ärgerlicher ist die Tatsache der entlastenden Funktion dieses rein akademischen Radikalismus, der jedoch dem bildungsbürgerlichen Leser zumindest eines eröffnet: einen Weg in eine quasi-unpolitische Haltung zur Welt, die alle anderen als in Kompromisse verstrickte Reformisten denunziert.

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