Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung / Review

Vermutlich auf Geschichtenfang – Amanda Lee Koe. Foto: Kirsten Tan

Es sind vor allem die Abgründe des Menschlichen, die die singapurische Autorin Amanda Lee Koe mit ihrer Kurzgeschichtensammlung beleuchtet. Ministerium für öffentliche Erregung ist im Cultur Books Verlag erschienen.

Der Winter ist fast da und mit ihm kommt die Dunkelheit. Während wir in Schal und Mütze gewickelt, die Schultern vor Kälte zusammen gezogen an der Bushaltestelle warten, lockt die erleuchtete Fensterfront am Haus gegenüber mit Einblicken in die Intimität wie die Normalität eines anderen Lebens. Wer hat sich nicht schon dabei erwischt, im Vorbeigehen einen Blick in fremde Wohnzimmer, fremde Küchen zu werfen, in denen Mütter oder Väter das Abendbrot vorbereiten und Kinder am Esszimmertisch über ihren Hausaufgaben brüten. Vermutlich sind es diese Augenblicke, in denen Amanda Lee Koe ihre Geschichten findet.

Die Kurzgeschichtensammlung Ministerium für öffentliche Erregung wurzelt in solchen fein beobachteten Alltagsmomenten aus dem lebendigen Treiben Singapurs, nur dass Amanda Lee Koe es versteht, die Schattenseiten hinter der Alltäglichkeit zu ergründen. Eine Kellnerin erkennt in ihrem Gast den König von Caldecott Hill, einen Schauspieler und Idol ihrer Kindheit. Er lädt sie auf sein Zimmer ein, am nächsten Morgen wird sie zu seinem Selbstmordversuch befragt. Ein gealterter Rockstar trifft im Heim auf seine Jugendliebe und lockt sie mit seinen Erinnerungen aus der Starre ihrer Demenz. Zwei ungleiche Fremde treffen sich vor der britischen Botschaft, sie verbringen Zeit miteinander, die junge Studentin verliebt sich in die fragile ältere Dame. Ein Callboy trifft auf einen seiner früheren Peiniger und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.

Koe schreibt für ein einheimisches Publikum; sie versteht ihre Geschichten zugleich als Klageschrift und Liebesbrief an Singapur und verortet ihre Texte in einer literarischen Tradition des Landes, die sich durch ihren besonderen sozialrealistischen Blickwinkel auszeichnet. Sie selbst, 1987 in Singapur geboren, lebt zeitweise dort, zeitweise in New York, gibt ihr eigenes Literaturjournal Ceriph heraus und arbeitet unter anderem als Literaturredakteurin für den Esquire. Ihre erste Buchveröffentlichung Ministerium für öffentliche Erregung, im englischen Original bereits 2013 erschienen, erhielt 2014 den Singapore Literature Prize for English Fiction und wurde unter die zehn besten englischsprachigen Bücher Singapurs der letzten 50 Jahre gewählt.

Amanda Lee Koe versteht ihre Geschichten zugleich als Klageschrift und Liebesbrief an Singapur und verortet ihre Texte in einer literarischen Tradition des Landes.

Ihre Geschichten, in denen Koe sensibel die feinen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen auslotet und erkundet, sind wohl gerade wegen ihrer Konzentration auf menschliches Fehlen erstaunlich universell. In den Momenten, in denen eine konkrete Kontextualisierung durch lokale Riten, Traditionen oder Speisen passiert, erinnert man sich, dass diese Begegnungen nicht im Europäisch-Bekannten stattfinden, bevor man sich wieder in ihnen verliert. Dabei erfährt der Leser in jeder Geschichte etwas über die Gesellschaft und die Komplexität singapurischen Lebens zwischen dem Aberglauben verhafteten ländlichen Gebieten und der mondänen, internationalen Stadt, über Sprachen, Verhältnisse und Vorurteile eines vergangenen Singapurs und das Land im Hier und Jetzt.

Obwohl kaum eine der Kurzgeschichten mehr als 20 Seiten in Anspruch nimmt, gelingt es Amanda Lee Koe in wenigen Worten Charaktere entstehen zu lassen, an deren Rück- und Schicksalsschlägen man Anteil nimmt. Das Herz bricht für die „hässliche Frau“ in der Geschichte „Faustpfand“, die unter der aggressiv nach außen gelebten Schönheit ihrer Kolleginnen leidet und nach einer sich zunächst zart entwickelnden Beziehung zu dem hübschen, aber armen Jungen vom Imbiss, Liebe und Bestätigung im Käuflichen sucht. „Wie viel?“, fragt der Junge, als sie ihn nicht gehen lassen will und mit allem, was sie an Kraft aufbringen kann, an ihrem Arrangement festhält. Handy und Laptop hat sie ihm schon gekauft. Es bleibt ihr nicht viel mehr, als für seine Zeit und Aufmerksamkeit mit barer Münze zu bezahlen.

„Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll, aber ich glaube, ich kann es nur mit weißen Mädchen machen“, sagt der „Bär“, ein großer amerikanischer Austauschschüler in dem kritischsten aller Momente, als die Außenseiterin mit Vintage-chic-Outfit im Begriff ist, ihre ersten sexuellen Erfahrungen zu sammeln. Dabei ist er, der Bär, in seiner Heimat doch auch ein Nerd.

„Sie wird für die Liebe geschaffen sein“ ist hingegen gleichzeitig Fluch und zynischer Losspruch der märchenhaft anmutenden Geschichte über Zurotul, eine junge Frau aus einer ärmlichen Familie auf dem Land, die nur deswegen nicht mit ihrem Vergewaltiger verheiratet werden kann, weil es Vier waren und der Vater nicht weiß, wem sie nun rechtmäßig zusteht.

Ihr Buch ist keine Klagemauer der weiblichen Realität.

Koe zeigt keine Zurückhaltung in ihrer Darstellung sexueller Verhältnisse. Sie interessieren die Abhängigkeitsverhältnisse und Machtdynamiken im menschlichen Zusammenleben. Ungeniert legt sie den Finger an Orte, die einer Gesellschaft weh tun, wenn sie ungeahndete Gruppenvergewaltigungen aufarbeitet und von Frauen aus prekären Verhältnissen erzählt, die sich im Ausland als sozial schlechtergestellte Haushaltshilfen verkaufen.

Gleichzeitig ist ihr Buch keine Klagemauer der weiblichen Realität, keine Sammelschrift weiblicher Opferberichte. Amanda Lee Koes Frauen sind wehrhaft und zäh. Und menschliche Interaktion schon immer ambivalent. Es geht auch um Rassismen und Machtstrukturen, in denen sich junge Immigranten und Außenseiter gefangen sehen, wenn sie das Zaudern des Jungen in „Faustpfand“ zeigt, bevor er zum ersten Mal Geld für seine „Liebe“ nimmt.

Die Ideen für ihre Geschichten wie kleine Postkarten aus Singapur findet Koe im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße: „Der Auslöser kann etwas ganz Alltägliches sein: zu beobachten, auf welche Art und Weise ein älterer Mann seine Frau auf der Straße berührt, und dann – bam! – öffnet sich durch diese Geste ein Fenster und du siehst dahinter in eine ganze Welt.“ Man wünschte sich, jeder Blick in ein erleuchtetes Fenster auf dem winterlichen Nachhauseweg könnte solche Blüten treiben.

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