Stinkefinger aus der digitalen Zukunft – Ryan Trecartin

Installationsansicht: Ryan Trecartin, Premise Place (Edit 1), 2009, Multimedia-Installation mit 7-Kanal-Videos auf Monitor. (Alle Fotos: (c) The Artist, Courtesy Sammlung Goetz, München)

Der US-amerikanische Video- und Installationskünstler Ryan Trecartin begreift die kommunikationstechnischen Neuerungen der Gegenwart als Aufforderung zum sensorischen Overload. Mit seinen hyperhysterischen, in Shuffle-Dramaturgie erzählten Videoarbeiten wurde er zum Shooting Star jener Kunst, die man mit dem Zusatz Post-Internet schmückt. Jetzt präsentieren die Münchner Kammerspiele in Kooperation mit der Sammlung Goetz seine Multimedia-Installation The Premise Place (Edit 1) aus dem Jahr 2009 zum ersten Mal in Europa. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir einen Text über Trecartin, der erstmals in SPEX No. 335 erschienen ist.

Als Ryan Trecartins irrsinnige Videos im Jahr 2006 bei der Whitney Biennale erstmals in der amerikanischen Kunstöffentlichkeit auftauchten, erregten sie sofort große Aufmerksamkeit. Doch vor allem seit seiner Ausstellung im New Yorker PS1 vor einigen Monaten wird die Laufbahn des 1981 in Texas geborenen Künstlers vor allem in den USA von einem beispiellosen Medienhype begleitet, der mitunter fast an Übergeschnapptheit grenzt.

In gewisser Weise scheint die aufgekratzte und hysterische Stimmung von Trecartins Videos auf die Betrachter überzuspringen – und besonders bei den Autoren entfachen die Arbeiten ganz offensichtlich das Bedürfnis nach neuen Wortkreationen, was schlichtweg daran liegt, dass sie wirklich nicht leicht in Sprache zu fassen sind. Während der Schriftsteller Wayne Koestenbaum gleich ein eigenes Genre erfindet – „Trecartinesia“ –, reichen andere Beschreibungen von „Youtube-basiertes Absurdes Theater“ über „Ritalin Rembrandt“ bis hin zu „Édouard Manet mit einem iPod anstatt einer Staffelei oder Ed Ruscha mit einem Joystick anstatt eines Autos“. Dass die Rezeption von Trecartins Arbeiten, die mit ihrem seltsamen Amalgam aus digitalen Oberflächen, expressiver Performancekunst und absurdem Diskurstheater als Inbegriff des digitalen Post-Milleniumzeitalters gelten, überwiegend von überholt geglaubten Geniebegriffen (Wunderkind, Supertalent etc.) bestimmt wird, ist dabei natürlich mehr als absurd.

Trecartin hat die Kunstwelt mit seinen visuellen und sensorischen Überforderungen tatsächlich ziemlich aufgemischt. Während sich im letzten Jahrzehnt die Videokunst zunehmend dem Kino, seinen Erzählformen und seiner visuellen Ästhetik angenähert hat – mit großen Budgets, aufwändigen Sets und vermehrt auch dem Einsatz von Hollywood-Celebrities als Darsteller –, lassen Trecartins Arbeiten die herkömmlichen Bewegtbilder wie antiquarische Überbleibsel aus einem vergangenen Jahrhundert erscheinen.

Man kann Trecartins Videos in voller Länge sehen (wenn man es nervlich aushält) oder an jeder beliebigen Stelle hereinzappen.

Seine Videos, die mit billigsten Mitteln und in Do-it-yourself-Ästhetik produziert sind, fangen den mentalen Zustand einer Generation ein, die mit dem Internet groß geworden ist. Sie entstehen schon seit Jahren in enger Kooperation mit einer konstanten Schar von Freunden und Mitarbeitern wie zum Beispiel der Künstlerin Lizzie Fitch und sind eine messiehafte, hyperbeschleunigte und hyperhysterische Ansammlungen verschiedener akustischer und visueller Schichten und Versatzstücke, die Internetformate und digitale Kommunikationsformen wie Youtube, Facebook, Chatrooms und E-Mail aufgreifen und sich außerdem an TV-Formaten wie Reality-Talk- und Talentshows bedienen.

Als Trecartin mit dem Video „A Family Finds Entertainment“ (2004) erstmals seinen unverkennbaren Stil etablierte, gab es Youtube zwar noch nicht. Doch die absichtsvoll dilettantischen Selbstdarstellungen einer psychopathischen Figur namens Skippy, die wie alle anderen Charaktere permanent und insistierend in die Kamera quasselte, während sich digitale Parallelwelten zunehmend in die Handlung drängten, schienen bestimmte technologische Entwicklungen des Internetzeitalters bereits vorauszusehen.

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In „Tommy-Chat Just E-mailed Me“ (2006) wird der Bezug schließlich direkt benannt. Die „kurze Videoarbeit mit narrativen Elementen, die innerhalb und außerhalb einer E-Mail-Korrespondenz stattfindet“ (Trecartin), entspricht dem permanenten Kommunikationsfluss und der Allgegenwart diverser Netzoberflächen, wenn man gerade auf verschiedenen Internetseiten unterwegs ist und dabei gleichzeitig Mails versendet und empfängt. Grell-bunte Textanimationen legen sich über einen kaum nachvollziehbaren Plot, in den eine lesbische Bibliothekarin mit einem schreienden Baby sowie drei weitere Figuren involviert sind (die von Trecartin selbst dargestellt werden).

Wie bei all seinen Videos werden weibliche und männliche Geschlechterrollen spielerisch vermischt, was nicht zuletzt den wechselnden Identitäten im virtuellen Raum entspricht. Trecartin initiiert damit jedoch keinen erneuten Genderdiskurs, sondern positioniert sich vielmehr in einer Post-Gender-Ordnung, in der Crossdressing und das Spiel mit sexuellen Identitäten kein politisches Statement mehr darstellen, sondern als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden. Dabei profitiert Trecartin natürlich von den künstlerischen und politischen Errungenschaften vergangener Generationen. Leigh Bowerys bizarre Verwandlungen tauchen hier ebenso als Referenz auf wie John Waters’ trashige Skurrilitäten, außerdem ist Trecartin beeinflusst von dem wenig bekannten Videokünstler Tom Rubnitz, der in den späten 1980er Jahren mit der Dragszene im New Yorker East Village in Verbindung stand. Vor allem aber haben Cindy Shermans monströse Weiblichkeitsdekonstruktionen (und ihre Rollenspiele als Clown) Eingang in Trecartins digitale Fieberfantasien gefunden.

  • Johannes Buss

    Sehr schöner Artikel und Zusammenfassung. Als ich Trecartin 2011 durch Zufall im Pariser musée d’art moderne gesehen hab mit einer grossen Ausstellung, war ich schon erstmal sehr verdutzt, erstanunt und dachte, ja der beschreibt „jetzt“. Das Skulpturale oder Installative im Zusammengang mit den vielen „Filmen“, die man sich ansieht oder auch nicht, ergeben ähnliche Stimmungen wie am Flughafen, im Baumarkt, vorm Fernseher oder „im Internet“. Danke Esther Buss.