Das Öffentliche ist privat: Marwa Arsanios auf Hausbesuch – nicht im Museum Ludwig

Marwa Arsanios während ihrer Performance "Words as Silence, Language as Rhymes", 2012 im Pinchuk Art Center. © / Courtesy Marwa Arsanios

Für das vom Museum Ludwig initiierte Projekt Hausbesuch bespielt die Künstlerin Marwa Arsanios die Kölner Wohnung der Chicks-On-Speed-Musikerin Melissa E. Logan. Im Zentrum der Performance: die Ökonomie häuslicher Arbeit und feministische Textarbeit.

Was passiert mit musealer Arbeit, wenn nicht nur das Private öffentlich, sondern auch das Öffentliche privat wird? Neue, experimentelle Darbietungsformen in Zeiten von sozialen Medien und sharing economy erprobt das Museum Ludwig seit Anfang 2016 mit der Ausstellungsreihe Hier und Jetzt.

Das Projekt Hausbesuch findet daher nicht im Museum statt, sondern bespielt Kölner Privatwohnungen und -häuser. Sechs internationale Künstler und Kollektive zeigen ab dem 5. November Arbeiten, die sich konzeptuell, architektonisch oder zwischenmenschlich mit den ausgewählten Wohnräumen beschäftigen. Auf dem Prüfstand stehen dabei immer Begriffe wie Privatsphäre, Intimität und Gastfreundschaft.

Für die interdisziplinär arbeitende Künstlerin Marwa Arsanios ist die Unterscheidung dieser Bereiche nicht sinnvoll: „Statt über den Unterschied von Privatem und Öffentlichem nachzudenken, sollte man die Kategorisierung an sich hinterfragen und vielmehr die Durchlässigkeit in den Blick nehmen.“ Mit ihrem Beitrag zu Hausbesuch untersucht die in Beirut lebende Arsanios tradierte weibliche Rollen im häuslichen Kontext. Ort des Geschehens ist die Wohnung von Melissa E. Logan, Mitglied des Musikerinnen-Künstlerinnen-Kollektivs Chicks on Speed, die als alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn in einer Altbauwohnung im Belgischen Viertel in Köln wohnt.

„Als Bühne des Alltags und Ort der Erforschung von reproductive labor und care work ist Melissa E. Logans Wohnung perfekt geeignet.“

Als Bühne des Alltags und Ort der Erforschung von reproductive labor und care work sei Logans Wohnung perfekt geeignet, erklärt Arsanios: „Ihre Art zu leben und die Tatsache, dass sie ihre Wohnung auch als Arbeitsplatz nutzt, spiegelt sich in den Texten wider, die während der Performance rezitiert werden. Es geht darin vor allem um die verschiedenen Formen der unbezahlten häuslichen Arbeit, die noch immer größtenteils von Frauen ausgeführt wird.“ Vor Ort erweckt die Schauspielerin Laura Sundermann Logans Bibliothek zum Leben und liest Auszüge aus einer breiten Vielfalt feministischer Literatur von Silvia Federici über Nina Power bis Leopoldina Fortunati. Texte von Arsanios werden ebenfalls inszeniert, oder genauer: durch die lecture performance aktiviert.

In der kontinuierlich wiederholten halbstündigen Performance, die selbst eine Form der physischen und geistigen immateriellen häuslichen Arbeit darstellt, und den Akt des lauten Lesens verdichtet sich die Koexistenz von Intimität und Öffentlichkeit. Privates und Beruf, Einkehr und Darbietung sind im häuslichen Wohnraum identisch.

Die Performance von Marwa Arsanios ist durchgängig vom 5. bis 27. November zu sehen. An der Veranstaltungsreihe Hausbesuch, die samstags und sonntags an sechs unterschiedlichen Orten in Köln stattfindet, nehmen außerdem åyr, Neïl Beloufa, Pia Camil, Calla Henkel & Max Pitegoff und Mélanie Matranga teil. Zum Auftakt gibt es am 4. November um 19 Uhr eine Eröffnungsveranstaltung mit Künstlergespräch im Museum Ludwig. Weitere Informationen hier.