»Was ist das für 1 live?« – Verlegerin & Orbanism-Initiatorin Christiane Frohmann im Interview zur Frankfurter Buchmesse

Christiane Frohmann ist studierte Literaturwissenschaftlerin, viel eher aber noch Praktikerin: Sie ist Verlegerin und Herausgeberin, gemeinsam mit Leander Wattig konzipiert sie Veranstaltungsformate, aktuell den Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse. SPEX sprach mit ihr über das Schreiben von Algorithmen, Marketing-Speech und tröstliche Selfies nach Flugzeugabstürzen.

Die Straße vor der Berliner S-Bahnstation Schönholz heißt auch genauso: Straße vor Schönholz. Von ihr biegt die Germanenstraße ab, die sich an einem Sowjetischen Ehrendenkmal vorbeiführend in einem Netz von ähnlich teutonischen Straßen verliert. Kaum zehn Minuten dauert es von der Ringbahn bis hierher, und doch könnte der Unterschied zwischen diesem Teil Pankows und dem Kern Berlins kaum größer sein. Befestigte Gehwege gibt es wenige, skeptische Blicke schon mehr. Ein einstöckiges Einfamilienhaus reiht sich mit respektvollem Abstand an das nächste, nach hinten ziehen sich die Gärten raus.

Christiane Frohmann scheint nicht so ganz in die verschlafene Kleinbürgerszenerie zu passen. Normalerweise doziert sie in freien Assoziationen über Datendada oder Hashtag-Manipulation auf Twitter, setzt sich mit Geflüchteten an einen Tisch oder veröffentlicht deren Geschichten als eBook oder in Print, wenn sie nicht gerade digitale Mammutprojekte mit 1000 Kurztexten in einem Reader betreut oder sich gemeinsam mit Eventkonzepter und All-Around-Büchermensch Leander Wattig um Orbanism kümmert, ein Veranstaltungsformat der etwas anderen Art. Letztes Jahr brachten die beiden den Rapper Xatar auf die Frankfurter Buchmesse, ließen im Spätherbst ein multimediales Remix-Festival in Berlin folgen. Gerade bereiten sie sich auf den nächsten Orbanism Space vor. Zu Gast sind unter anderem Margarete Stokowski, Sascha Lobo und Thomas Meinecke.

Christiane Frohmann mag das lieben, was sie tut, nicht immer aber liebt sie das, was sie dafür tun muss. Wenn nämlich schon Banken den Slang der Snapchat-Generation adaptieren, dann ist ein Motto wie »Was ist das für 1 live« des diesjährigen Orbanism Space schon etwas kritisch von Anbiederung an aktuelle Sprachmemes her. Aber auch das zeichnet Orbanism aus: Alles und alle erstmal abfangen, mit reinholen und ein komplexeres Thema wie instantanes Publishing etwas einladender gestalten, als es sonst vielleicht wirken würde.

SPEX: Christiane, du sprichst dezidiert von »digitaler Literatur«. Was genau verstehst du darunter?
Christiane Frohmann: Mit »genuin digitaler Literatur« meine ich nicht einfach Blogs. Auch wenn in einem Roman ein Chat abgebildet oder simuliert wird, ist das noch lange keine digitale Literatur in diesem zugespitzten Sinn. Genuin digitale Literatur nutzt nicht einfach nur Technologie, sondern reflektiert ihre Produktionsbedingungen mit und lotet die Grenzen des Digitalen aus. Die entsprechenden Autorinnen und Autoren treten beinahe schon prätentiös anti-genieästhetisch auf, quasi in der [Kenneth-]Goldsmith-Nachfolge. Das ist natürlich selbst auch total konstruiert: Wenn du kein genialer Kopf bist, kannst du nicht auf die Ideen für bestimmte automatisiert ablaufende Konzepte kommen. Du gibst zwar die klassische Autorschaft ab, im Prinzip aber hat sich die Genieästhetik nur ins Schreiben von Konzepten für Algorithmen verlagert. Das ist für mich aber ein erträglicher Widerspruch, weil dahinter ein inklusiver Gestus steckt.

Aber ist das nicht auch eine Sackgasse?
Natürlich ist es das. Es gibt auch maschenhafte Algorithmen- oder Bot-Literatur. Was zieht, wird reproduziert. Das wirkt möglicherweise trotzdem effektvoll, ist aber konzeptuell langweilig und also unkreativ »unkreativ«. Die Kunst ist, immer wieder einen neuen Dreh zu finden und sich nicht zu wiederholen.

»Was zieht, wird reproduziert. Das wirkt möglicherweise trotzdem effektvoll, ist aber konzeptuell langweilig und also unkreativ ›unkreativ‹.«

Der Künstler Gregor Weichbrodt etwa hat ein Browser-Add-On geschrieben, welches aus Usersicht die Namen und Profilbilder aller Accounts mit den eigenen austauscht. Wenn es aktiviert wird, bin ich als User nur noch von meinen eigenen Klonen umgeben und führe Selbstgespräche. Das lässt sich als Kritik interpretieren, könnte aber auch schnell zum selbstlaufenden Gag verkommen.
Oberflächlich betrachtet ist das mit Gregor Weichbrodts Add-on so wie mit der Werbung, die beim ersten Mal funktioniert und danach nicht mehr. Ich denke aber, dass »performative Aufklärung«, wie ich das nenne, auch dann noch in dir mental weiterarbeitet, wenn du etwa das Add-on schon wieder als nervig oder banal abgetan hast. Das ist ihr Verdienst.

Ähnlich skeptisch war ich, als ich das Motto des Orbanism Space sah: »Was ist das für 1 live?«.
Das ist Absicht. Die Orbanism-Veranstaltungen sollen zugänglich sein. Wenn es ein Meme gibt, das gerade funktioniert, dann das mit »1 Life«. Sogar auf der Buchmesse – Verlags-und Literaturleute sind ja von Haus aus die schlimmsten Distinktionshanseln. Man will gern die Generation YouTube wirtschaftlich erschließen, betrachtet sie aber mit nackter Arroganz, weil man performative Kulturen nicht versteht. Meine eigene Arroganz wird eher getriggert, wenn ich sehe, wie Menschen Sachen abtun, die sie schlicht nicht begreifen. Ich erkläre das meinen Kindern immer so: Wenn du im ersten Moment jemanden anglotzt, weil er anders aussieht, ist das dein Vorbewusstsein und du kannst da nichts gegen machen. Was du im zweiten Moment machst, entscheidet darüber, ob du ein Arschloch oder ein guter Mensch bist. So ähnlich ist es da auch: Ich habe mich willentlich entschieden, nicht arrogant zu sein, sondern auf freundliche Weise gegen die Arroganz von anderen anzugehen. Bei Orbanism haben wir dies zum Prinzip unserer gemeinsamen Arbeit gemacht: Wir eröffnen Menschen neue Erfahrungsräume, die ihnen den Zugang zu neuen oder festgefahrenen Themen erleichtern. Ich höre dann, dass »Was ist das für 1 live« Marketing-Speech sei. Ja, ist es – die Buchmesse ist eine Marketingveranstaltung! Leander, der eher der Branchen-Mensch von uns beiden ist, war sofort von dem Motto begeistert, während ich es mir zwar ausgedacht hatte, aber zunächst in Skrupeln versank. »Was ist das für 1 live« ist nicht zu viel Meme für die klassischen Verlagsleute und noch genug für die YouTuber. Die Mission des Orbanism Space ist es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass beide sich im Netz längst einen gemeinsamen eigenen Raum teilen. Wir machen die Buchmesse cooler, während ich schon wieder da stehe und sage: »Cool is over!« (lacht) Es ist sehr kompliziert.