Im dilettantischen Fieber: Die Demo Dandies suchen Unerhörtes

Zwei Felixe, eine Mission: vergessene Demobänder der Stille zu entreißen.

Raus mit der Kassettenkiste! Hörspielmacher Felix Kubin und Klangkünstler Felix Raeithel a.k.a. Demo Dandies suchen für das Radio Revolten Festival in Halle nach vergrabenen Aufnahmen, um sie von ihrem verstaubten Nicht-Dasein in zugigen Kellergewölben zu erlösen. Mit SPEX sprachen die beiden über ihr Projekt, bisherige Funde und Kassettenkultur.

Die Demo Dandies gibt es ja schon eine Weile, Sie waren damit in Hamburg und Berlin unterwegs und haben bereits zwei Tape-Compilations herausgebracht. Warum widmen Sie sich dem Unveröffentlichten?
Felix Kubin: Früher gab es in manchen Radiosendungen wie zum Beispiel der »Plattenkiste« vom NDR eine Rubrik namens »Musik vom Hörer«, bei der Demos vorgestellt wurde. Ich empfand das immer als außerordentlich spannend, gerade weil das Ergebnis oft so unperfekt war. Und es war da immer das Gefühl: Das ist einer von uns. In der fehlenden Perfektion, dem Scheißen auf Konventionen, liegt ja viel Kraft und Ehrlichkeit. Es geht um Ausdruck statt um Virtuosität. Heutzutage wird mehr home recording-Musik produziert denn je. Aber vieles davon versucht, nach großer Produktion zu klingen und ist unglaublich langweilig. Unser Demo-Dandies-Abend scheint hingegen ganz andere Schwingungen zu erzeugen, da kommen Leute, die extra für diesen Abend Musik anfertigen, oder solche, die etwas besonders Krudes, schwer Einzuordnendes aus ihrem Archiv kramen. Wir sind beide überrascht – auch noch nach mehreren Jahren – wie einfallsreich, naiv, bizarr und subversiv viele der Stücke sind, die wir bekommen haben. Es wirkt, als hätten sich die Musiker endlich mal gehen lassen und sich etwas getraut. Genau diese Eigenschaften hatte auch die frühere Szene der Kassettentäter. Unbeobachtet vom Erfolgsdruck wurde da wildes Zeug produziert.

Felix Raeithel: Demo Dandies scheint wie ein Wecker zu funktionieren. Ich hatte auch den Eindruck, dass einige Einsendungen die Erstlingswerke von Heimwerkern sind. Oft sind es ja auch die frühen Experimente mit Musik, die spannende und neue Dinge hervorbringen. Dinge, die im dilettantischen Fieber zusammengefriemelt sind und auf bestimmte Produktionsrichtlinien scheißen, oder auch erstmal keinem Businessplan folgen.

Was hoffen Sie unter den eingesendeten Demos zu finden?
FK: Bei den ersten zwei Abenden in Hamburg und Berlin war natürlich viel elektronische Musik dabei. Das hatte sicherlich mit unserer eigenen Affinität zu elektronischer Musik zu tun. Es gab aber auch psychedelischen Neo-Folk, zeitgenössische Klassik für drei verzerrte Harfen, Swing, 60s-Punk und Spoken-Word-Eskapaden. Der gemeinsame Nenner war die Unberechenbarkeit und Frische an Ideen. Wenn etwas allzu betulich daherkommt, blenden wir es vorzeitig wieder aus. Aber vor allem von den Hamburgern, die sich ja sonst in den Klauen von Diskurspop, Liedermachern und gezähmtem Hip-Hop befinden, haben wir ganz andere Töne vernommen. Dadurch wurde uns klar, dass es da viel mehr Potenzial gibt, wenn man eine eigene Plattform dafür schafft.

FR: Ich glaube auch, dass Demo Dandies gerade spannend für recording music ist, also Musik, die sich als Aufnahme manifestiert. Bands oder Musiker, die live auftreten, haben eh gute Chancen, ihre Musik hörbar zu machen. Eine Musikerin aber, die in ihrem Keller Schlagzeug, Synthie und Xylophon für sich einspielt und Tonbandeinspielungen dazumischt, hat da schwierigere Vorraussetzungen.

Bei Ihrer Veranstaltung werden Sie live vor Ort sein, die Demos können perönlich am DJ-Pult abgegeben werden und in Ihrer Ausschreibung legen Sie viel Wert auf das analoge Format. Wie positionieren Sie das Projekt in einer digitalisierten (Musik-)Welt?
FK: Uns geht es vorrangig um ein soziales Zusammenkommen, das hat einfach mehr Erotik und Nachwirkung als ein virtuelles Treffen zum Beispiel in einem digitalen Forum. Bei unseren ersten beiden Demo-Dandies-Abenden in Hamburg und Berlin haben sich viele Künstler persönlich kennengelernt, einige kamen sogar maskiert, es war wie das Geheimtreffen einer Loge. Allerdings lehnen wir die digitalen Medien nicht ab, wir nutzen sie vor allem vorbereitend und ergänzend zu unserer Veranstaltung. Es gibt unsere Website demodandies.de und diverse andere Accounts. Einige Demos bekommen wir als MP3s vorab geschickt, und im Nachhinein bereiten wir den Live-Stream als Zusammenschnitt für den Internetsender ByteFM auf. Auch während der Live-Sendung nutzen wir das Internet: Wir twittern, welchen Titel wir gerade spielen und projizieren das auch zeitgleich per Videobeam im Veranstaltungsraum. Außerdem haben wir vor, unsere Tapekompilationen demnächst auch bei Bandcamp vorzustellen.
Als Myspace aufkam, empfand ich das als logische Fortsetzung der Kassetten-Szene. Ich habe dort viel Neues und Eigenartiges entdeckt, bis die Seite dann aufgekauft und konsequent kaputtdesigned wurde. Aber das Live-DJing hat eine ganz andere Kraft, es ist eben auch eine Performance. Und es unterwandert die Idee des unantastbaren DJs, denn wir machen genau das, wovor sich jeder DJ fürchtet: Wir spielen, was die Leute mitbringen.

Im Rahmen des Radio Revolten – Das internationale Radiokunst-Festival in Halle (Saale) vom 1. bis 30. Oktober 2016 spielen die Demo Dandies bisher Unveröffentlichtes. Infos zu den Teilnahmebedingungen gibt es hier

Demo Dandies X Radio Revolten
22.10. Halle (Saale) – Radio Revolten Club

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