Ab heute im Kino: »Tschick« / Fatih Akin im exklusiven Oton

Heute kommt Tschick, Fatih Akins Verfilmung des gleichnamigen Romans von Wolfgang Herrndorf, in die Kinos. Während des Gesprächs mit SPEX und den Beginnern äußerte sich der Regisseur bereits ausführlich zum Film und seinen Hintergründen. Wir haben das ungekürzte Gespräch im exklusiven Oton.

Als Fatih Akin zusammen mit den Beginnern auf einer Hamburger Dachterrasse für die Titelgeschichte von SPEX N°369 trafen, war an eine Veröffentlichung von Tschick noch nicht zu denken – sagte zumindest Akin. Erst wenige Wochen zuvor hatte er die Dreharbeiten abgeschlossen und war nun mit dem Schnitt beschäftigt. Wie es laufe? »Keine Ahnung – aber habt ihr Ideen für gute Musik?« Die Beginner schon: »Ruf mal die Tage an.« Nun findet sich mit »Thomas Anders feat. Megaloh« ein Track von der neuen Beginner-Platte Advanced Chemistry im Abspann des Films. Doch auch abseits des Geschäftlichen interessierten sich Jan Delay, Denyo und DJ Mad brennend für das neueste Projekt ihres Kollegen. Zusammen mit SPEX fragten sie Akin zu seiner Arbeit, das Gerangel um Filmrechte und den kleinen Geheimnissen eines Regisseurs aus – das ungekürtze Gespräch im Oton nun online.

Nach dem eher mäßigen Erfolg von The Cut drehst du gerade die Herrndorf-Verfilmung Tschick, Fatih.

Akin: Im Moment ist es geil, weil er noch nicht draußen ist. Dann ist ein Film am wertvollsten. Aber der wird okay sein.

Jan: War das so ein Auftragsding?

Akin: Nein, ich wollte das unbedingt machen. Vor fünf Jahren schon, als ich das Buch gelesen habe. Mich hat der Huckleberry-Finn-Aspekt daran gereizt.

Jan: Ich habe es leider noch nicht gelesen. Soll aber stark sein.

Akin: Ist auf jeden Fall witzig. Damals lag Herrndorf jedenfalls im Sterben und hatte natürlich keinen Bock, sich mit den Filmrechten auseinanderzusetzen. Ich habe trotzdem jede Woche angefragt, ob ich sie haben könnte. Parallel bekam ich mit, dass ganz Film-Deutschland dasselbe machte.

Jan: Oliver Berben und so.

Akin: Alle! In dieser Zeit kam dann mein anderer Film zustande, The Cut. Also habe ich mich auf den finanzierten Film konzentriert, was vier Jahre gedauert hat. Als ich dann irgendwann nach Jahren aus meinen Locations in Jordanien und Kuba zurückkam, lese ich, dass David Wnendt jetzt Tschick machen soll. Der Typ, der Feuchtgebiete gemacht hat. Gut, sollte dann wohl nicht sein.

Wie ging es dann weiter?

Akin: Ziemlich genau vor einem Jahr hat mich mein Anwalt angerufen und gefragt, ob ich Tschick machen will. Ich so, äh was? Das macht doch der Wnendt. Nee, die hätten den gefeuert, sieben Wochen vor Drehbeginn. Das war dann die Chance, also musste ich das machen.

Jan: Musstest du dich dann schon mit dem vorgefertigten Set abgeben, weil keine Zeit mehr war?

Akin: Er hatte schon den Hauptdarsteller besetzt. Der war 18! Und im Roman sind die Kids 14. Das Buch lebt davon, dass die Kids so jung aussehen, dass sie sich Klebeband ins Gesicht kleben, um sowas wie Bärte zu haben. Das war ein Problem. Mit 18 kann der Junge easy zur Tankstelle gehen und Benzin kaufen. Mein erster Tag am Set bestand also erst einmal darin, den Jungen umzubesetzen.

Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg)
Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg)

Aber du hast nicht mit deiner angestammten Crew gearbeitet, oder?

Akin: Nein, darum hat mich der Produzent gebeten. Ich nahm es als Chance mal etwas neues zu probieren, mit meinen Leuten bin ich ja verheiratet. Dann kam ich aber mit dem Kameramann nicht klar. Super Typ, aber es funktionierte nicht zwischen uns. Wir hatten eine konträre Auffassung von Musik. Für ihn war Dur Moll und für mich umgekehrt. (lacht)

Das Drehbuch blieb auch nicht in seiner alten Fassung?

Akin: Das Buch war nicht gut. Das musste ich umschreiben. Ich hatte aber nur noch sieben Wochen bis Drehbeginn. Also arbeitete ich tagsüber an den Vorbereitungen und kümmerte mich nachts um das Buch. Und notfalls hätte ich mit dem Roman ans Set gehen können.

Denyo: Du hast es allein umgeschrieben?

Akin: Hark Bohm, ein Drehbuchautor, und ich.

DJ Mad: Bei diesem Arbeitspensum, wie machst du das mit deiner Familie? Die ist ja auch noch da.

Akin: Das ist anstrengend.

Denyo: Ich habe das für mich auch so geregelt, dass ich nachts arbeite. Allerdings musste ich nicht wie Fatih monatelang an anderen Orten drehen.

Akin: Man braucht eine tolle Partnerin, denn letztendlich bleibt es an ihr kleben. Du bist da draußen der große Zampano, aber Monique ist diejenige, ohne die nichts ginge.

Wie geht man als Regisseur mit einem so dichten Roman wie Tschick um?

 Akin: Ich hätte tatsächlich mit dem Buch ans Set gehen können, da ist alles schon drin.

Jan: Wie macht man so etwas eigentlich? Wie verwandelst du die Romanvorlage in ein Drehbuch? Was ist wichtig, was nicht?

Akin (greift sich eine Schachtel Zigaretten und den Block des Autors): Die Kippen sind jetzt der Roman und du kopierst jede Seite auf die Größe von dem Block. Dann nimmst du dir eine Hand voll Buntstifte. Der Grüne steht für Dialoge. Gerade bei Herrndorf lebt die Geschichte von den Dialogen. Der Rote steht für Regieanweisungen. Es ist ein sonniger Tag, sie trug ein rotes Kleid, sowas.

Kameramann Rainer Klausmann mit Akin und erstem Kameraassistenten Michael Hain am Set
Kameramann Rainer Klausmann mit Akin und erstem Kameraassistenten Michael Hain am Set

Jan: Da überspringst du auch viel?

Akin: Ja. Und immer wenn du das Gefühl hast, eine Szene sei vorbei, ziehst du mit dem Lineal einen Strich. An die Seite schreibst du dann Anmerkungen, wie du das jeweilige Setting drehen willst. Kamerafahrt nach links, soundso lang. Da entstehen dann Unmengen an Notizen, woraus du dir eine erste Fassung baust.

DJ Mad: Hast du das auf der Filmschule so gelernt?

Akin: Die Taktik habe ich von Coppola, Alter! Das Making-Of von The Godfather. Da erzählt er das genau so. (allgemeines Gelächter) Danach kürzt du. Das merkt man schon beim Lesen. Manche Sachen gehen im Film, andere nicht. Deshalb ging das bei Tschick recht schnell. Der Roman war auch dankbar, der ist schon sehr kinonah aufgebaut.

Denyo: So ein bisschen wie die Arbeit eines DJs?

Akin: Genau.

Was hat dich eigentlich an dem Thema gereizt? Gibt’s da einen persönlichen Bezugspunkt?

Akin: Das gebrochene Herz dieses Jungen, weil ihn ein Mädchen namens Tatjana nicht auf eine Party einlädt. Ich bin heute zwar älter, habe Monique und die Kinder, aber dieses Gefühl ist noch immer präsent. Den Schmerz habe ich so oft erlebt. Dass mich die Tatjanas dieser Welt vor 30 Jahren nicht auf ihre Parties eingeladen haben, tut heute noch weh.