Schwabinggrad Ballett / Arrivati »Beyond Welcome!« / Review

Hamburgs Musik machende Aktivisten haben mit der aus Geflüchteten und Immigranten bestehenden Performancegruppe Arrivati ein Album irgendwo zwischen Afro, Jazz, Postpunk, Kraut und Sprechgesang aufgenommen, das ein glaubwürdiges Bild des Landes nach der Utopie zeichnet.

Das Schwabinggrad Ballett besteht aus den üblichen Verdächtigen der Hamburger Musikszene um Buback und Konsorten. Oder anders gesagt: Musik machenden Aktivisten mit politischem Anstand. Künstler, die nicht nur zu Selbstgedrehten über Interventionen quatschen, sondern konkret werden. Die ihre Kreativität spürbar in den Dienst des Anliegens stellen, aktuellen Missständen ein Gesicht zu geben. Seit dem Millennium dekonstruiert die Gruppe in Musik, Performance, Theater und Tanz präzise die politischen Bedingungen, die zu menschlichem Leid führen.

Dem Begriff der Willkommenskultur wird die eigene Obszönität vorgeführt.

Der Bandname bezieht sich übrigens auf die Vordenker dieser unbequemen Spielart des Balletts. Den Straßenmusikern aus dem Münchner Schwabing, die 1962 das Losklopfen des Muffs unter deutschen Talaren mitanstießen, und jener eisigen Stadt, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg seinen Wahnsinn vorführte. Und umreißt damit ganz gut, worum es in diesem Ballett geht: um eine lustvolle und post-hippieske Protestkultur, die sich mit harten, blutigen und schmerzhaften politischen Settings auseinandersetzt. Was erfahrungsgemäß aus musikalischer Sicht häufig langweilt und dem selbst mal der Staub abgeklopft gehörte, lebt im Fall des Schwabinggrad Balletts von der Versiertheit seiner Protagonisten. Oder vielmehr davon, dass die Gruppe um einige Neuankömmlinge und deren Können gewachsen ist. Die 13 Stücke können nur deshalb so eindringlich zwischen Afro, Jazz, Postpunk, Kraut und Sprechgesang changieren, weil auf ihnen zwei musikalische Welten zusammen spielen: die etablierten Hamburger Musiker und die Performancegruppe Arrivati, die sich aus Flüchtlingen und Immigranten zusammensetzt.

In Stücken wie »Ma Place« oder »U Log Bang Me« zeigt sich die Schönheit dieser Verschmelzung mal schweißtreibend, mal schwelgerisch, gleichzeitig zeichnet die Vielfalt der Stimmen und Klänge ein glaubwürdiges Bild des Landes nach der Utopie, auch wenn es sich in der deutschen Realität leider nur in der programmatischen Form einer Kommune zeigen kann. Das Schwabinggrad Ballett und Arrivati wissen um diesen Umstand, würdigen ihn eines giftigen Blicks und ziehen mit allem, was Rhythmus, Melodie und Gefühl zum Ausdruck verhilft, in den urbanen Raum. Dem Begriff der Willkommenskultur, der für große Teile des Proletariats am Ende nicht viel mehr bedeutet, als winkend am Bahnhof zu stehen, führen sie so die eigene Obszönität vor. Bezeichnend heißt dieses tolle Album: Beyond Welcome! Bitte mehr davon.