Beginner vs. Fatih Akin – Hamburger Coole im Gespräch

Klassentreffen mit einem letzten Rest Privatsphäre: Beginner & Fatih Akin über den Dächern Hamburgs (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)

Hamburg, ein Hotel direkt an der Elbe. Denyo, DJ Mad und Jan Delay machen sich gerade über ein Körbchen Erdbeeren her, als Fatih Akin mit einem zerbeulten BMX-Rad vorfährt. Das Stelldichein für die SPEX-Wahlverwandtschaft N° 15 hat etwas von einem Klassentreffen nach 20 Jahren Berufserfahrung. Beide Parteien müssen liefern: Die Beginner melden sich mit Advanced Chemistry, ihrem ersten Album seit 13 Jahren, als derbste deutsche Hip-Hop-Truppe zurück; Akin bringt im September die Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick in die Kinos, nachdem ihm sein Völkermorddrama The Cut Morddrohungen einbrachte, kommerziell aber floppte. Wo er zuletzt gedreht habe, fragt Denyo. In Hoyerswerda. Oha, Nazis gesehen? »Weniger als in den Neunzigern.«

Beginner, warum wolltet ihr dieses Gespräch unbedingt mit Fatih Akin führen?
Denyo: Man könnte das den Hamburger Spirit nennen. Fatih kommt aus demselben kulturellen Umfeld wie wir, hat einen ähnlichen Humor, man fühlt sich in seiner Gesellschaft sofort zu Hause.

Was genau ist dieser Hamburger Spirit?
D: Das sind jetzt die alten Klischees: Für mich bedeutet das, dass man auf dem Teppich geblieben ist, Humor hat und immer Lust, etwas zu starten.
Jan Delay: Sich selbst nicht so ernst zu nehmen und trotzdem alle wegzudissen.
D: Echt sein. Hamburg ist ein Typ, mit dem man einfach gerne abhängt.

Fatih, wann hast du die Beginner zum ersten Mal wahrgenommen?
Fatih Akin: Puh, ewig her. Das muss in den frühen Neunzigern in der Fabrik gewesen sein, auf irgendeinem Hip-Hop-Festival. Cora E. und solche Leute haben da noch gespielt, und ihr habt »Dies ist nicht Amerika« performt.
JD: War das der Auftritt zum Sampler Kill The Nation With A Groove? Das war unser erster großer Gig, muss also genau am 5. März 1993 gewesen sein. Das weiß ich, weil ich das Plakat in meinem Kinderzimmer hatte.
FA: Man spürte sofort, dass gerade etwas Besonderes passiert. Die anderen Gruppen waren auch cool, aber die Jungs hier versprühten eine wahnsinnige Energie.
JD: Das war ein ganz besonderes Konzert für uns. Wir hingen da mit Torch rum.

Euer neues Album heißt Advanced Chemistry. So wie Torchs legendäre Rap-Gruppe.
D: Ohne Torch wären wir nicht hier. Er hat uns damals motiviert, auf Deutsch zu rappen. Er hat den Weg bereitet. Er war der Ausgangspunkt. Es ist Zeit, das klar zu machen.
JD: Ich erinnere mich noch genau, wie wir beim Konzert ankommen mit unseren Rucksäcken. Wir lesen das Line-up, und irgendwie waren die Absoluten Beginner für 1:30 Uhr eingeplant, als letzter Act!
D: Wir dachten, das wäre ein Versehen, und liefen zu Ali, der das veranstaltete.
JD: Der sagte dann: »Nur die Ruhe, das haben mein Freund Jäki und ich uns gerade überlegt.« Gemeint war Jäki Eldorado, der erste Punk Deutschlands. So nannte er sich jedenfalls. Er meinte nur: »Ich hab eure Sachen gehört, und glaubt mir: Das wird legendär!« Letztendlich hatten die beiden recht.
D: Nicht, dass das jetzt in irgendeiner Form legendär in Bezug auf Technik, Sound, Texte oder sonst etwas gewesen wäre. (Gelächter)
FA: Das musste es auch gar nicht sein. Ihr habt damals eine kraftvolle Andersartigkeit ausgestrahlt.

Denyo (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)
Denyo (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)

»Unsere Musik lebt von einer gewissen Naivität, die nicht einfach vom Himmel fällt.« (Denyo)

Bambule, das bekannteste Album der Beginner, und Gegen die Wand, Fatih Akins bekanntesten Film, trennen sechs Jahre. Trotzdem wirken beide Werke wie Brüder im Geiste.
D: Unsere zwei Welten waren schon viel früher sehr nah beieinander. Dein erster Film, Kurz und schmerzlos, 1998, hatte viel mit Hip-Hop zu tun und schöpfte aus der Szene. Unsere Musik versuchte, zu beobachten und zu beschreiben, so wie deine Filme. Es war eine Besonderheit der Hamburger Szene zu dieser Zeit, dass viele verschiedene Subkulturen miteinander in Berührung kamen. Statt sich auf die Köpfe zu hauen hat man gemeinsam etwas angezettelt.
FA: Ich fand das immer inspirierend. In Bezug auf die Beginner vor allem den Rhythmus der Lyrics. Ich saß jetzt nicht da und habe Dialoge geschrieben, die auf den Rhythmus passen. Aber ich habe die Platten gehört, während ich Dialoge geschrieben habe. Und das hat wohl abgefärbt. Rhythmus, alles ist Rhythmus.
D: Dieser Hamburger Spirit meint die Subkultur der Stadt: die schmuddelige, nicht vorzeigbare Seite Hamburgs. Deren Energie hat unsere Kunst beeinflusst.

Diese schmuddelige Seite der Stadt trugen Filme wie Gegen die Wand in die Welt.
JD: Noch mehr Kurz und schmerzlos, finde ich. Das Bo und andere Bekannte von uns haben den Soundtrack gemacht. Das war eine ähnliche Herangehensweise wie unsere, die ganze Szene war involviert.
FA: Es gab damals diesen Film in Frankreich, La Haine. Ein absolutes Meisterwerk. Der Film hatte zwei Soundtracks. Einmal die Musik aus dem Film, die war ganz gut. Aber es gab noch eine zweite Platte, nämlich Musik inspiriert vom Film. Das war die geilere Scheibe. Ich mache also meinen ersten Film und gebe mir dasselbe Prinzip: Musik aus dem Film, die ganz nett war. Aber auch eine richtige Hip-Hop-Platte mit den Leuten von hier. Das war das Geilste! Mein erster Film – und gleich zwei Soundtracks. Das muss man erst mal nachmachen!
D: Auf der Platte waren auch Samy Deluxe drauf, Eins Zwo … La Haine war für die Szene hier wahnsinnig wichtig.
FA: Ja. Aber in dem Sinne, etwas zu adaptieren, nicht zu imitieren.
DJ Mad: Wir sind mit dem unbedingten Willen zur Individualität aufgewachsen. Wir fanden zwar auch Run-D.M.C. geil, wollten aber eben nicht einfach nur wie die klingen. Das hätte uns kein Recht gegeben, die Ohren der Leute zu penetrieren.
D: Das lag auch daran, dass wir Außenseiter waren. Das hat uns nicht nur gezwungen, radikal unser eigenes Ding zu machen, sondern auch über den Tellerrand zu schauen. Dadurch kamen wir Anfang der Neunziger in ein linksalternatives Milieu, wo es nur logisch war, für bestimmte Dinge zu sein und gegen andere.

Jan Delay (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)
Jan Delay (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)

»Wir sagen nicht: ›Hey, die AfD ist ein Kackverein!‹ Das wäre doch langweilig.« (Jan Delay)

Damals kam es als Nachwehe des Mauerfalls zu einem massiven Rechtsruck in Deutschland.
D: Das verstärkte das Verlangen nach Positionierung noch. Bis dato wusste ich kaum, was Nazis waren. Plötzlich gab es sogar in Hamburg rechte Skinheads.
FA: Es gab diese Zeit um ’92 und ’93, als ich mein piece immer bei diesem Laden in der Hafenstraße gekauft habe. Da trafen sich die Autonomen mit komischen Türken, die ich noch nie in Altona gesehen hatte. Sie kamen zusammen, um sich bei HSV-Spielen mit Glatzen zu boxen. Da bin ich ein paar Mal mit. Damals habe ich meinen ersten Landfriedensbruch bekommen. (lacht) Seitdem ich Hip-Hop höre, war für mich das Tolle daran die Message.
D: Wann hast du denn aufgehört, Hip-Hop zu hören?
FA: Nie wirklich. Die Beats waren ja immer noch geil. Aber die Faszination war weg. Deshalb hat mich eure neue Platte auch überrascht. Ich dachte erst, dass ich nicht viel erwarten kann, ihr seid ja auch alt geworden. (lacht) Aber nix da, die ist geil geworden. Die ist klassisch und gleichzeitig neu.
DJM: Hip-Hop in Deutschland gibt es seit gut 35 Jahren, und wir sind schon zwei Drittel davon dabei. Trotzdem ist es noch neu für uns, wie sehr sich Hip-Hop in Deutschland festgebissen hat. Hip-Hop ist zu einem soliden Standbein der Musikindustrie geworden, so ähnlich wie Schlager. Er ist erwachsen und gesetzt geworden.

Was bedeutet das für euch?
DJM: Dass wir auf einmal nicht mehr den neuen Scheiß machen, sondern etwas Etabliertes. Unsere Hörer sind erwachsen und womöglich trotzdem schon ihr ganzes Leben lang Hip-Hop. Dafür muss man eine andere Art von Musik entwickeln.

Welche wäre das?
DJM: Eine, die ernsthafter ist. Für witzige Gags und Blödeleien ist vielleicht gar kein Platz mehr.
FA: Auf der Platte setzt ihr euch doch mit Hip-Hop auseinander und verhandelt diesen Umstand auch.
JD: Wir wollten ja vor fünf Jahren schon eine Platte machen.
D: Aber wir waren einfach nicht am Start. (lacht) Wir haben alles versucht, aber es kamen nicht so viele geile Songs dabei rum.
JD: Das lag primär an der Technik. Musik ist wie Sport, das muss man trainieren.

Und das Training dauerte fünf Jahre?
DJM: Es war wichtig, eine neue Form zu finden. Platten wie Bambule sind wie von selbst entstanden, weil unser Leben fast gänzlich zu dritt stattgefunden hat. Das ist heute nicht mehr so. Wir haben Kinder und wohnen an verschiedenen Orten.
D: Fatih, vielleicht kennst du das. Unsere Musik lebt von einer gewissen Naivität, die nicht einfach vom Himmel fällt.
FA: Na ja, das ist eine Sache der Willenskraft. Dein eigener Anspruch wächst mit jedem Film.

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