Frank Ocean »Blond« / Review

Was Frank Oceans Album Blond alles nicht ist: Morgenradiotauglich. Dreitürer mit Heckspoiler. Nüchtern. Das Album des Jahres. Obwohl…

Was Frank Oceans Album Blond ist: Stangenware, Weltmarke, Sportschuhe. »Nikes« heißt der erste Song, mit dem die digitale Version des Albums ansetzt. Der wichtigste Soulsänger dieser Tage kriegt endlich wieder seinen Mund auf – und was macht er? Quäkt durch eine Heliumblase irgendwas von Schuhen, Schecks und Meerjungfrauen auf Koks am Pool. Es klingt nach totaler Mickymausisierung. Mit Stimmvolumen will hier keiner beeindrucken, mit geordneten Verhältnissen auch nicht, mit geordneten Gedanken noch weniger.

Blond ist noch eines nicht: die Platte, die alle Welt von Frank Ocean erwartet hat. Nach jahrelangem Hin und Her um längst verstrichene Fälligkeitsfristen veröffentlicht er im Laufe von zwei Nächten gleich zwei Langwerke samt zugehörigen Bewegtbildern: ein wirklich nicht gutes Album (Endless, eine Sammlung von Outtakes mit starken Momenten, aber wie die Holzboxen, an denen der Kunsthandwerker Ocean sich im 45-Minuten-Video zu schaffen macht, erschreckend krude zusammengeschustert) und ein nicht wirklich gutes Album. Zumindest nach aktuellen Groß-Pop-Maßstäben: Es ist beeindruckend, wie unaufregend Blond klingt, mit welcher Konsequenz es keinerlei Hit-Avancen macht, wie sehr es sich den Erwartungen an ein Meisterwerk und den Regeln der Mainstream-Wertschöpfung verweigert.

Die Superstar-Features hätte man kaum besser verstecken können: Beyoncé darf im Outro eines Songs in zweiter Reihe ein paar Uh-uh-uhs trällern, Kendrick Lamar trifft es gar noch besser und hat außer der Wiederholung einer Handvoll einzelner Wörter, die Ocean ihm vorsingt, nichts weiter zu tun für seinen Songwriting-Credit. Weitere Namen in diesem Suchspiel: Bon Iver, James Blake, Sebastian, Tyler, The Creator, Yung Lean. Bis auf André 3000 und die Gospelsängerin Kim Burrell wurde keiner dieser Gäste wegen Erkennbarkeit seiner Trademark-Skills gebucht. Warum dann? »He don’t care for me, but he cares for me / And that’s good enough«, heißt es in »Nikes«.

Frank Ocean erklärt nichts. Und doch legt er alle Karten offen. Es hat etwas gedauert, aber jetzt haut er auf einen Schlag alles raus, hält mit Endless auch missratene Ideen und Unfertiges nicht zurück, gibt sich auf Blond die Blöße. Auf dem Cover zeigt sich Ocean grün blondiert, fotografiert von Wolfgang Tillmans unter der Dusche in Berlin. Ein schwuler schwarzer Musiker benennt sein Album nach der amerikanischsten aller Haarfarben. Aus dem Zustand der Micky-Maus-Entkörperlichung heraus droppt Frank Ocean den Namen des im Februar 2012 vom Mitglied einer Nachbarschaftswache getöteten 17-jährigen Trayvon Martin: »R.I.P. Trayvon, that nigga look just like me.« Es ist die absolute, lebensbedrohliche Vollreduktion auf Körperlichkeit. Mehr explizit politische Zeilen will und muss Blond nicht liefern.

Frank Ocean in Pink: alternatives Albumcover für "Blond"
Frank Ocean in Pink: alternatives Albumcover für „Blond“

Die Gestaltungsmittel sind Stangenware. Gitarre und Keyboard sind nach wie vor die zentralen Elemente, seine Stimme schickt Ocean durch die gängige Palette an Verkünstlichungs-Plug-ins. Trotzdem entfernt sich diese Musik zunehmend von Standards wie Genre, Songwriting-Handbuch und schlüssigen Strukturen. Funk und Soul im traditionellen Sinn, beim Vorgängeralbum Channel Orange (2012) noch dominant für den Referenzrahmen, kann man kaum irgendwo festnageln. Die klassische Verführermusik wird zum Soundtrack vollkommener Verblasenheit. Die Songs fransen aus, arbeiten mit erratischen Brüchen, legen mit dem Refrain los oder quetschen ihn notdürftig zwischen mäandernde Strophen, die sich gedankenstromartig meist ums gleiche süße Nichts drehen. Um Jugenderinnerungen, Einsamkeit, Liebe im Nicht-Liebe-Sinne, das liebe Geld und den nächsten THC-Urlaub, wenn sonst gerade nichts Aufregenderes passiert.

»Marihuana« und »Nirvana« sind zwei zentrale Worte. Ocean reimt dreimal von innen nach drinnen gestülpten Inception-Szenario-Wortsalat wie: »I be dreaming a dream in a thought / That could dream about a thought / That could think about dreaming a dream.« In solchen Momenten kommt Oceans Icherzähler auf Blond ganz zu sich, faltet sich die Großkunst in mehreren Lagen aus ihm heraus. Es fühlt sich an wie ein sonisches Quaalude, das er an anderer Stelle einwirft, jenes pharmazeutische Wundermittel zur Hirnverbiegung, das Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio mit ihrem Neunzigerjahre-Börsenhai-Klamauk Wolf Of Wall Street wieder popularisierten. Blond hat mit der im Film vorgeführten Hetero-Alphamännchen-Hysterie nichts zu tun. Aber das Album ist dominiert von einer vergleichbaren Poetik der Benebeltheit. Die Warnungen der Mutter, Teufelszeug wie Alkohol und Marihuana zu meiden oder höchstens unter ärztlicher Aufsicht zu konsumieren, dringen zwar via Mailbox irgendwie noch durch, werden aber launig mit Verweisen auf die in Hunderttausenderschüben reinkommende Asche abgewiegelt: »Now I’m making 400, 600, 800k, momma.« Als wäre der Kontostand ein Argument für geistige Gesundheit.

Aber genau in einer solchen Welt wälzen sich die Ich-Protagonisten von Blond durch ihre Nicht-Probleme: einer Welt, in der Geld das ultimative Argument ist, nur – und das ist das herrlich Perfide an diesen Songs – keiner weiß, wofür, wogegen und warum. Im Epilog des Albums erklärt ein junger Frank Ocean, er möchte eine spezielle Superpower besitzen: für immer schlafen können, ohne dabei zu sterben. Der angestrebte Idealzustand: totale Abwesenheit bei versicherter Anwesenheit, Leben und Tod so nah aneinander geschmiegt, wie nur möglich. Kann man von einem zeitgenössischen Schnulzenpopalbum mehr Welthaltigkeit verlangen?

5 KOMMENTARE

  1. Wow was ein grässliches Review. Die Nase so hoch dass die Augen komplett von der Schönheit unmittelbar vor ihr abgewendet sind. Das hier sind die 2 besten Alben eines grandiosen Jahres

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here