Wie wir leben wollen N° 9 – Schlechtes Klima? Ab nach Lima!

Klima? Da war doch mal was … Ein wenig ist der Klimawandel in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt hinter anderen gesellschaftlichen und politischen Herausforderung zurückgeblieben. Zu Unrecht: Der Klimaforscher und ehemalige Boyband-Sänger Nick Nuttall und die Musikerin Bernadette La Hengst, die sich auf ihrem aktuellen Album ihrerseits der Thematik widmet, erinnern an ein viel zu oft beiseite geschobenes Problem, das nicht zuletzt eine wesentliche Ursache für weltweite Migrationsbewegungen ist. Aus Anlass des heutigen Welterschöpfungstages ist der komplette Text aus SPEX N° 364 nun online zu lesen.

Text: Bernadette La Hengst & Nick Nuttall

Bernadette La Hengst: Nick, du bist der Kommunikationschef und Pressesprecher des Klimasekretariats (UNFCCC) der Vereinten Nationen in Bonn. Wir haben uns 2014 getroffen, um für das Theater-Bonn-Festival »Save The World« zusammen eine musikalische Performance über Klimawandel zu entwickeln. Dabei hast du als climate future man das Publikum vor den Konsequenzen des Klimawandels gewarnt. Mithilfe der singenden Klimafee (mir) haben wir gemeinsam mit dem Publikum versucht, die Welt mit einem Lied zu retten. Hat leider nicht geklappt. Wie genau sieht unsere Zukunft denn im schlimmsten Fall aus?

Nick Nuttall: Jeder Teil der Erde und jede Person ist betroffen – immer mehr extreme Wetterverhältnisse wie Dürre, Überschwemmungen und Stürme; zerstörte Korallenriffe, ausgetrocknete Regenwälder wie der Amazonas, kleine Inselstaaten können nicht mehr überleben. Das Weltklima hat sich auch in der Vergangenheit immer wieder verändert, aber jetzt sind die Veränderungen von Menschen herbeigeführt, und in der heutigen Welt mit über 7 Milliarden Menschen überlastet der Klimawandel den sowieso schon belasteten Planeten immer mehr.

BLH: Für mich als Musikerin und Theatermacherin ist es wichtig, über politische Themen zu recherchieren, und darüber hinaus einen eigenen emotionalen Zugang dazu zu finden. In diesem Fall wollte ich die Themen Klimawandel und Share Economy miteinander verbinden. Harald Welzer oder Naomi Klein sagen, ohne die Abschaffung des Kapitalismus können wir den Klimawandel nicht stoppen, wir brauchen alternative Wirtschaftsmodelle wie Share Economy. Glaubst du, es ist möglich, diese Ideen in der Welt zu verbreiten, speziell in den Schwellenländern oder in China?

NN: Welches politische System auch immer, es muss weitgehend drei Dinge anbieten: Entkarbonisierung der gesamten Wirtschaft; einen intelligenteren Umgang mit der Natur; von unseren Wäldern und Ozeanen bis hin zur Schaffung von Arbeitsplätzen für die nächsten Generationen. In Bezug auf Share Economy gibt es einige Teile der Welt, die so arm sind, dass es dort nichts zum Teilen gibt! Aber wo immer das theoretisch möglich wäre – in China zum Beispiel –, warum nicht?! Die Chinesen, wie auch die Inder, Mexikaner, Brasilianer, Südafrikaner werden immer bewusster und offen für neue umweltfreundliche Ideen. Die Chinesen haben sogar einen neuen Ausdruck: ecological civilization.

Nicht produzieren, sondern teilen /
Die Zeit verlieren und länger verweilen /
Anstatt verkaufen lieber verschenken /
Wir haben Freunde anstatt nur Klienten.
Say good bye to lethargy /
Save the world with this melody!

BLH: In den späten Siebzigern warst du Sänger einer amerikanischen Boyband, glaubst du, diese Erfahrung hat nachhaltig deine Arbeit beeinflusst?

NN: Also, ich singe im Büro – sogar einige deiner Lieder! Anscheinend macht es meinen Mitarbeitern gute Laune. Ich bin nicht sicher, ob meine kurze und nicht sehr erfolgreiche Karriere im Musikgeschäft meine Arbeit heute direkt beeinflusst. Aber als ich jung war, habe ich Popsongs mit provokativen Texten geliebt, wie Joni Mitchell, John Cale oder Paul Weller sie schreiben. Ich bin mir sicher, diese Texte haben meine kommunikativen Fähigkeiten stärker beeinflusst als mein Studium in Englischer Literatur.

BLH: Was kann Kunst erreichen, was Politik nicht kann? Ich glaube ja daran, dass ein politischer Popsong durch Emotionalität etwas verändern und die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann. Glaubst du, Popmusik ist nur der Soundtrack zu politischen Bewegungen?

NN: Wir brauchen mehr denn je Künstler und Musiker, um Leute zu mobilisieren und zusammenzubringen für große Ideen. Politiker können selten emotional berühren oder sind häufig ideenlos. Popmusik ermöglicht es den Leuten im besten Fall, andere Perspektiven einzunehmen und neue Dinge in sich selbst zu erkennen, durch eine andere Erzählweise, einen anderen Fokus oder andere Beweggründe.

BLH: Der COP 21 in Paris ist der nächste große Schritt auf dem Weg einer Einigung aller Länder auf einen neuen Klimavertrag. Was bedeutet das konkret? Wann wäre der Gipfel aus deiner Sicht gescheitert – und was wäre ein Erfolg?

NN: Der Paris-Vertrag wird zum ersten Mal alle Länder zusammenbringen, vom kleinsten Land Tuvalu bis hin zu Mexiko, China, USA und Europa, um einen Rahmen zu finden für eine neue Zukunft ohne Umweltzerstörung, basierend auf einer stark abnehmenden Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Erfolg oder Misserfolg werden in Paris nicht nur davon abhängen, was die Nationen auf den Tisch legen, sondern auch von der Frage, wofür sie sich verpflichten über die nächsten Jahrzehnte in Bezug auf finanzielle Hilfen für arme Länder, mit deren Hilfe auch diese ihre Emissionen reduzieren könnten. Entscheidend ist das Zustandekommen einer langfristigen Marschrichtung, eine große Vision, um die Balance des Planeten Erde wiederherzustellen; zurück zu dem, was er vor der industriellen Revolution war. Es geht in anderen Worten darum, dass am Ende dieses Jahrhunderts die Verschmutzung der Atmosphäre auf null oder nahezu null gebracht wird.

BLH: Warum gehen vor allem die deutschen Medien von einem Scheitern der Verhandlungen aus?

NN: So viele haben diese Verhandlungen so lange verfolgt, sie sind verständlicherweise frustriert von dem Schneckentempo des Fortschritts. Und dann kommen sie eben aus Deutschland, wo vergleichsweise so viel erreicht worden ist, etwa mit erneuerbaren Energien. Vermutlich fällt es ihnen schwer zu verstehen, warum andere nicht schneller oder genauso schnell vorankommen. Wir wollen aber hoffen, dass wir diese skeptischen Stimmen in Paris überraschen.

»Und wir bewegen uns so souverän /
Durch das Zeitalter des Anthropozän /
Zu lange pflegen wir unsere Distanz /
Zur Welt in morbider Eleganz.
Say good bye to lethargy /
Save the world with this melody!*

BLH: Was genau meint die Leiterin des UN Klimasekretariats Christiana Figueres, wenn sie sagt, sie sei einverstanden mit dem Wort »Revolution«? Glaubt sie, dass der COP 21 eine weltweite Klima-Revolution auslösen kann?

NN: Ja, weil wir kurz vor etwas wirklich Außergewöhnlichem stehen. Zum ersten Mal treffen nicht nur alle Regierungen zusammen, sondern auch zahlreiche Städte, Firmen und Gruppen der Zivilgesellschaft von Nord bis Süd, Ost bis West – es ist eine soziale, ökonomische aber auch eine Art Umweltrevolution.

BLH: In den letzten Monaten waren die größten politischen Themen in Europa die Flüchtlingspolitik und der Krieg in Syrien. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Flüchtlingsbewegung und dem Klimawandel? Ist es möglich, mit arabischen Regierungen über den Klimawandel zu reden, wenn sie noch nicht einmal eine demokratische Zukunft für ihre Länder sehen?

NN: 2011 hat die deutsche Regierung eine Debatte im UN Sicherheitsrat angeregt. Das UN-Büro für Koordination humanitärer Angelegenheiten hat damals die Vermutung aufgestellt, dass 2008 mindestens 36 Millionen Menschen aufgrund plötzlicher Ausbrüche von Naturkatastrophen vertrieben worden sind, über 20 Millionen davon aufgrund von Wetterkatastrophen. Was Syrien betrifft, so hat eine neue wissenschaftliche Studie herausgefunden, dass Wasserknappheit im Fertile Crescent in Syrien, Irak und der Türkei den Viehbestand getötet, die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben und die Kinder krank gemacht hat, und dass dadurch 1,5 Millionen Landbewohner in die syrischen Randgebiete der sowieso schon überfüllten Großstädte vertrieben wurden – gerade als das Land überschwemmt wurde mit Flüchtlingen aus dem Irak-Krieg. Ich glaube, die Medien müssen diese komplexen Verbindungen besser verstehen, vor allem den Klimawandel als Bedrohungs-Multiplikator. Auch viele Anführer der arabischen Welt wollen Maßnahmen gegen den Klimawandel, egal wie ihre politischen Ansichten sind: Selbst die großen Ölproduzenten erkennen jetzt das Bedrohungspotenzial des Nichthandelns.

* »Save The World With This Melody« (Bernadette La Hengst)

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 364 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei hier bestellt werden.

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