Von Posern, Schaumwein und Saxofonen: Das Open Source Festival im Rückblick

Volle Tribünen und eine Frage: Hü oder hott? (Alle Fotos: Philipp Kressmann)

Die Galopprennbahn im Grafenberger Wald verwandelt sich einmal im Jahr in ein Festivalgelände. Auch die elfte Ausgabe des Düsseldorfer Open Source Festivals bestach wieder durch prominente Besetzung. Da, wo sonst auf das schnellste Pferd gewettet wird, gastierten am vergangenen Samstag unter anderem Hot Chip, Bilderbuch, Get Well Soon und Schnipo Schranke. SPEX war mit von der Partie.

Bei strahlend blauem Himmel singt Konstantin Gropper am frühen Abend sichtlich gut gelaunt vom drohenden Weltuntergang. Der Multiinstrumentalist präsentiert ein Best-of seines bisherigen Oeuvres inklusive der doch sehr feingeschliffenen Aufnahmen seines aktuellen Albums Love, die auch live nichts in punkto Eleganz verlieren. Beim Auftritt des früheren Popakademie-Studenten stellt sich unvermittelt die Frage, was eigentlich unheimlicher ist: dass der unverbesserliche Perfektionist Gropper klingt wie vom Band oder dass Menschen gerade zu den apokalyptischsten Songpassagen von Get Well Soon besonders euphorisch tanzen.

So viel Heiterkeit kann nur noch vom ungebrochenen Geschichtsoptimismus der Jazzlegende Idris Ackamoor aus Chicago getoppt werden. Der Multiinstrumentalist setzt mit seiner Band The Pyramids den Kommunengedanken schon zu Beginn performativ in Szene. Das wiedervereinigte Jazzkollektiv macht sich nämlich erst mit dem Publikum bekannt, um sich von dort aus auf die Bühne zu begeben und das Set mit dem Titelstück des kürzlich erschienenen Albums We Be All Africans zu beginnen. Generell dominieren mit »Rhapsody In Berlin« und »Silent Days« die aktuellsten Stücke der afroamerikanischen Band, die mit ihrem 1973 veröffentlichten Debüt Lalibela die internationale Jazzszene nachhaltig prägte.

Der permanent auf Improvisation fußende Freejazz von Ackamoor und der live besonders bassbetont agierende Afropop seiner vierköpfigen Gruppe stechen am stärksten aus dem Programm des Open Source Festivals heraus. Das Publikum feiert den 65-Jährigen – wohl auch, weil es ein Gespür dafür hat, dass es gerade diese Form von Saxofonklängen ist, von der breite Teile des zeitgenössischen US-Rap profitieren. Wie beispielsweise Oddisee, der am späteren Abend mit seiner Live-Band Good Compny überzeugt.

Stabil Elite_Kressmann
Das Sektglas darf nicht fehlen: Stabil Elite trinken mit Spumante vor.

Auch Stabil Elite kommen nicht ohne jenes Blasinstrument aus, das auf dem aktuellen Album Spumante eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Für die Stammbesucher des Salon des Amateurs ist der Gig im halbwegs tiefen Westen ohnehin ein Heimspiel. Das Düsseldorfer Quintett beweist, dass es auch das spielerische Popformat beherrscht und seine einstige Trademark Krautrock nicht nur im Studio variieren kann. Die Liebe zum Detail hat die Band aber beibehalten: Szymanski, Croon und Co. prosten sich zu »Alles Wird Gut« und »Tief Im Westen« stilsicher mit italienischem Schaumwein zu.

Bilderbuch_Kressmann
Poser par excellence: Maurice Ernst von Bilderbuch

Das dürfte ebenso den Geschmack von Bilderbuch treffen, die im vergangenen Jahr für das Update des Austropop sorgten. Mit Schmunzeln und Wiener Schmäh widmet Sänger und Luxusliebhaber Maurice Ernst seine Funknummer »Gigolo« allen »Porschefahrern, Yachtbesitzern und Pferdeliebhabern«. Die Band, die Posen anscheinend im Master Of Arts studierte, liefert ein technisch einwandfreies Set ab, bei dem neues Material jedoch ausbleibt. Der düstere Grime des britischen Künstlers Gaika muss wegen persönlicher Gründe leider ausfallen. Die dissonanten Soundfragmente des MCs und Produzenten, der kürzlich via Twitter seinem Unmut über den Brexit Ausdruck verlieh, wären das perfekte Pendant zu den kurzweiligen Showeinlagen von Bilderbuch gewesen, die sich hingegen nicht zu schade sind, über »Joghurt auf der Hose« zu singen.

Hot Chip_Kressmann
Geht es ums Raven, hat Alexis Taylor den Hut auf.

Da wirken Hot Chip um einiges eleganter: Alexis Taylor, der gerade sein minimalistisches Album Piano veröffentlicht hat, kehrt für über eine Stunde in den Dance-Kosmos zurück, in dem weder Hot-Chip-Klassiker wie »Boy From School« noch »Ready For The Floor« fehlen dürfen. Auch modetechnisch liegt Taylor erneut vorne und erteilt eine Lektion in Sachen Accessoires: Zum befleckten Jackett trägt der Synthiepop-Veteran einen Hut, der wie ein respektabel zerzaustes Vogelnest aussieht.

Mit dem Springsteen-Cover »Dancing In The Dark« sorgen Hot Chip für ein würdiges Finale des Open Source Festivals, das auch diversen Newcomern ein Forum bietet. Neben The Rival Bid, die mit ihren britisch geprägten Gitarren den UK-Klassikern Tribut zollen, sind das unter anderem Hill Myna, deren Achtziger-Stilistik stark an den nostalgischen Sound von Drangsal erinnert. Da verfällt man auf der Galopprennbahn fast in den Wettmodus: Welche dieser Bands werden demnächst wohl auf den größeren Bühnen zu bewundern sein?