Radiohead »A Moon Shaped Pool« / Review

Die Helden werden alt. Sie schauen zurück, ziehen Bilanz, reflektieren über all die vergangene Zeit. Was bleibt? Wie geht es weiter?

Radiohead haben ein neues Album herausgebracht. Es ist wie immer ein Ereignis: Sie haben Karten verschickt, sich aus dem Internet gelöscht, uns mit Schnipseln, dann mit Videos versorgt und dann, beinahe ohne konkrete Vorwarnung, das Album zum Download angeboten. Die Fangemeinde hat fleißig mitgefiebert, sich im Wettbewerb um die besten Sprüche in den Kommentarspalten überschlagen. So weit, so erwartbar.

Die inszenierte Umgehung, ja Umdrehung jeder Plattenpromotion wurde von Radiohead mit In Rainbows vor fast zehn Jahren maßgeblich auf den Weg gebracht. Für die Redaktionen von Musikmagazinen ist das inzwischen nicht mal mehr eine Qual – man betrachte nur die letzten zwei Wochen mit den neuen Beyoncé– und James Blake-Alben –, sondern schlicht Alltag. Und spannender als jeder Vermarktungsprozess ist zum Glück noch immer die Frage, wie es denn nun klingt, das neunte Studioalbum.

Die Antwort ist: Es klingt wie ein Alterswerk. Aber keine Sorge, Radiohead sind in Würde gealtert. Über Allem liegt ein blasser Schleier, unter dem Schleier spielen die Geigen. Die gab es bei Radiohead schon des Öfteren, aber noch nie so konsequent auf Albumlänge. Da zitiert eine Band sich selbst, arbeitet nochmals alles auf, bringt Songs zu Ende, die teilweise schon, wie etwa »True Love Waits«, seit über 20 Jahren auf ihre Fertigstellung warten.

Die gealterten Männer (Thom Yorke wird übernächstes Jahr 50!) ziehen Bilanz: Was war das für ein Wirbelsturm, den sie um die Jahrtausendwende losgetreten hatten? Als sie mit sperriger, entrückter, melancholischer Musik zur Über-Band ihrer Zeit aufstiegen, zu einer, die man eigentlich nur aus Distinktionsgründen schlecht finden konnte? Mit einer Musik, die einen abheben ließ in andere Sphären, in eine andere Logik, in andere Gesetze von Harmonie und Instrumentierung. Zu solchen Höhenflügen schwingen sich Radiohead heute nicht mehr auf. Stattdessen rollen sie mit A Moon Shaped Pool vieles auf, was sie schon einmal gesagt haben – und fügen hinzu, was noch gesagt werden muss.

Über Allem liegt ein blasser Schleier, unter dem Schleier spielen die Geigen.

»Burn The Witch« erinnert an die treibenden Radiohead-Stücke aus der Hail-To-The-Thief-Ära. Wo »Sit Down. Stand Up.« sich aber noch vor Energie fast überschlug, bleibt hier alles kontrolliert, eingehegt. Das perfekte Arrangement von Jonny Greenwood lässt den Song vor dem Crash rechtzeitig abbiegen. Der leiernde Beginn von »Daydreaming« erinnert kurz an die leisen Momente von Amnesiac. Lebten auf dem 15 Jahre alten Album aber selbst diese Momente von ihrer Unvorhersehbarkeit, entpuppt sich »Daydreaming« nach spätestens 30 Sekunden als relativ konventionelle Ballade.

Auch diese erscheint eingehegt, vor dem wahren Ausbruch bewahrt. Zwar schwirren überall diese tollen Soundeffekte umher, und da ist Yorkes Stimme, am Ende sogar heruntergepitcht zu einem unverständlichen Gebrumme – doch alles fügt sich so makellos in die depressive Grundstimmung, dass es beinahe glatt wirkt.

So geht A Moon Shaped Pool weiter. Die depressive Grundstimmung bleibt, alles fügt sich ein. Bevor »Decks Dark« rhythmisch in In-Rainbows-Manier nach vorne preschen kann, verhallt es schon wieder, ähnliches gilt für »Identikit«. Als einzige echte Überraschung stellt sich »Ful Stop« heraus: ein düsterer, vertrackter, undurchsichtiger Track, in diesen Eigenschaften eigentlich typisch Radiohead, doch irgendetwas ist anders. Sind es die Harmonien, ist es Yorkes Gesang?

»The Numbers« und »Present Tense« beschließen den wechselhaften Mittelteil: Der trübe Nebel hängt zwar noch tief über den Songs, aber ein paar Sonnenstrahlen blitzen durch. Yorke schaut auf und blinzelt ihnen entgegen. »Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief« hat die Ehre, A Moon Shaped Pool in einem Song rekapitulieren zu dürfen. Es traten auf: verrauschte Samples, verhallte Piano-Sounds, Streicher. Es war wieder schön mit euch, Ende. Und danach »True Love Waits«, die Pianoballade, deren Fertigstellung man gar nicht mehr erwartet hatte. Die Rückschau ist vollständig.

Aber was bedeutet es, wenn mit Radiohead eine der experimentierfreudigsten und innovativsten Bands der letzten 20 Jahre ein wohlproduziertes, rückschauendes Alterswerk vorlegt? Wenn sie sogar zu der melancholischen Geste greift, einzelne Masterband-Fetzen aus den Aufnahmesessions ihrer letzten sechs Studioalben als Teil einer Special Edition von A Moon Shaped Pool zu verkaufen? Vielleicht sind sie tatsächlich fertig. Es ist alles gesagt, die Bilanz ist gezogen, das virtuelle Verschwinden war erst der Anfang.

Oder handelt es sich bei A Moon Shaped Pool um eine Zäsur, welcher Art sie auch immer sein mag? Vielleicht sind und bleiben Radiohead auch einfach nur Radiohead, und nach dem Blick zurück kommt der nach vorn, zur nächsten Überraschung, dem nächsten Ereignis.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here