Alfred Hilsberg – »Als redete ich gegen Beton« / Interview & »Das ZickZack-Prinzip« im Hebbel Am Ufer

Foto: Alfred Hilsberg beim Kommt-Gut-Festival an Silvester 1980 in Hamburg (Foto: Sabine Schwabroth)

Man könnte ihn als Erfinder der Neuen Deutschen Welle preisen, wäre der Begriff nicht schnell zum Unwort mutiert. Und würde eine so einseitige Festlegung seine vielgestaltigen Aktivitäten nicht verschleiern. Alfred Hilsberg ist seit der Punk-Revolution als Autor, Labelbetreiber, Entdecker und Förderer zahlloser Bands eine der zentralen Figuren im popkulturellen Untergrund Deutschlands. Nun erscheint eine umfassende Biografie über das Leben und Wirken des 69-Jährigen. Im Gespräch mit SPEX erzählt Hilsberg, was im Buch alles nicht steht. Am 26. April sind er und der Buchautor Christof Meueler zu Gast im Berliner Hebbel Am Ufer.

Alfred Hilsberg, warum haben Sie für unser Treffen ein Café in Wolfsburg vorgeschlagen? Wir hätten uns doch auch in Ihrem Wohnort Hamburg treffen können.
Ich wollte mich in Wolfsburg treffen, da die Gründe, weshalb ich von hier weg musste, so vielleicht lebendiger werden, als wenn ich sie abstrakt zu erklären versuchte. Von unserem Küchenfenster aus konnte ich auf das gigantische, mindestens zwölf Meter durchmessende Logo am Volkswagen-Werk blicken. Damals war auch noch der Blick frei auf die vier großen Schornsteine des VW-Heizkraftwerks, das heute als Kulturstätte genutzt wird.

Wer in der Provinz groß wird, flieht gerne in die nächste Großstadt oder gleich nach Berlin. Das ist doch das Normalste der Welt.
Wolfsburg hat durch den Volkswagenkonzern eine Monokultur, die es weltweit vermutlich nur ein paar Mal gibt. Die Stadt hat ein Zentrum – das ist das Werk. Daran angrenzend der Bahnhof, das Stadion, eine Fußgängerzone zum Shoppen, schließlich drum herum die Arbeitersiedlungen, getrennt nach Karrieregraden. Die höheren Angestellten und Ingenieure wohnen in Bungalows, die einfachen Arbeiter in kasernenartigen Wohnblöcken. Als Wolfsburg von Adolf Hitler 1938 zum Standort des Volkswagen-Werks auserkoren wurde, nannte er die Siedlung Kraft-durch-Freude-Stadt. Gelegentlich übernachtete er auch in Wolfsburg. Das Hotel gibt es noch, aber als ich vor einigen Jahren an der Rezeption fragte, in welcher Suite der Führer einst übernachtet hatte, schlug mir gespielte Unwissenheit entgegen.

»Von einem Tag auf den anderen galt ich als Faschist, weil Sid Vicious und Siouxsie Sioux Hakenkreuze getragen haben.«

In Ihrem Buch Das ZickZack-Prinzip …
Das ist nicht mein Buch. Das ist ein nicht autorisiertes Buch, das der Journalist Christof Meueler über mich geschrieben hat. Ich hätte ein anderes Buch geschrieben, in dem es weniger um Namen und Anekdoten geht und mehr um eine Einordnung der Entscheidungen und Ereignisse meines Lebens in einen kulturpolitischen Zusammenhang. Es hätte eine Kulturgeschichte des deutschen Undergrounds werden können. Ein Aspekt, den ich zu erklären versucht hätte, ist, dass ich über die ganzen Jahre, in denen ich Musik von Hunderten Künstlern veröffentlicht habe, zu kaum einem persönlichen oder gar privaten Kontakt aufgebaut habe.

Christof Meueler beschreibt, wie Sie aus Wolfsburg regelrecht nach Hamburg flüchteten. Sie schlossen sich dort in den späten Sechzigern K-Gruppen an und arbeiteten in einer Filmkooperative. Sie vertraten dabei den sehr dogmatischen Standpunkt, dass Filmkunst um jeden Preis politisch zu sein habe und der ästhetische Blick des Regisseurs als eitle Autorenposition abzulehnen sei. Zehn Jahre später gewährten Sie als Chef Ihres Schallplattenlabels ZickZack hingegen den Musikern alle Freiheiten. Wie geht das zusammen?
Ich habe schon während der Siebzigerjahre in den Auseinandersetzungen mit den K-Gruppen gelernt, was falsch lief in dem Versuch, die Gesellschaft umzugestalten. Dieser Lebensabschnitt, in welchem ich an die absolute Priorität des Kollektiven glaubte, wurde aber schlagartig durch die Reaktion meines Sponti-Umfelds auf das Phänomen Punk beendet. Von einem Tag auf den anderen war ich in deren Augen ein Faschist, weil Sid Vicious und Siouxsie Sioux in London offen Hakenkreuze getragen haben. Dass hier Zeichen als spielerische Provokation benutzt wurden, passte nicht in deren linken Horizont. Es war, als redete ich gegen Beton. Der totale Bruch mit meinem bisherigen Umfeld war die konsequente Folge. Ich habe mich neu orientiert.

Die Punk-Revolution hatte in der BRD übersichtlichere Dimensionen als in England.
Aber in jeder größeren deutschen Stadt passierte etwas. In Düsseldorf war Carmen Knoebel eine wichtige Protagonistin, in Berlin waren es Monika Döring und Burkhardt Seiler, auch bekannt als »der Zensor«, in Hannover Hollow Skai – und diese Liste könnte man fortführen. Wie Carmen, die in Düsseldorf ja nicht nur den Ratinger Hof betrieben hat, sondern auch ein Label führte und ihren Mann Imi Knoebel managte, habe auch ich, vielleicht in einem Akt von Selbstüberschätzung, all die Leerstellen gesehen. Es fehlten die Schallplatten und die Läden, in denen sie verkauft werden konnten. Es fehlten die Bands, die Auftritte, die Orte, an denen sie hätten auftreten können, und es fehlten die Leute, denen auffiel, dass all das fehlte. Und wenn man so etwas erkennt, dann versucht man diese Lücken zu füllen. Dann will man gar nicht mehr schlafen, dann will man nur noch gestalten.

Sie waren mit dafür verantwortlich, dass nach Jahren des Textens auf Englisch mit einem Mal wieder auf Deutsch gesungen wurde. Sie stopften mit den Veröffentlichungen auf Ihrem Label die Lücke, die die Nazis in die Narration deutscher Subkulturen geschnitten hatten.
Allen war bewusst, dass der Kern des Problems in den Zerstörungen der Nazizeit lag. Nicht nur war eine Traditionslinie unterbrochen worden. Man hatte geradezu ein schlechtes Gewissen, wenn man sich anschickte, auf Deutsch zu singen. Das war selbst 1990 noch so, als Jochen Distelmeyer mit Blumfeld auf Deutsch zu singen begann. Da ist der Journalist Günther Jacob über ihn hergezogen. Gleichzeitig, und das ist kein Widerspruch, habe ich mir das Mäntelchen der Kollektivschuld nicht übergezogen. Für mich spielte weniger die Auseinandersetzung mit der Nazizeit eine Rolle, sondern vielmehr dass es eine fast absolute Dominanz englischsprachiger Musik in Deutschland gegeben hat. Das wurde von niemandem in Frage gestellt. Unter Musikern wurde argumentiert, dass Blues und Rock ja nun einmal aus angloamerikanischen Ländern stammten und man also auf Englisch zu singen habe.

Wie sehen Sie in diesem Sinne Kraftwerk? Die haben schon in den Siebzigern deutschsprachig getextet.
Das muss ich korrigieren: Sie haben für verschiedene Märkte verschiedene Sprachversionen ihrer Schallplatten produziert. Damit hatten sie in England und Amerika auch großen Erfolg. Der Erfolg hierzulande blieb ihnen mit ihren deutschsprachigen Produktionen bis in die späten Neunzigerjahre weitgehend verwehrt. Das Modell Kraftwerk war clever, aber es hat in Deutschland lange nicht funktioniert. In Deutschland hat man deutschsprachige Musik weitgehend nicht als akzeptabel betrachtet. Es gab Ausnahmen wie den frühen Lindenberg, und natürlich gab es immer braven Deutschrock und auch Liedermacher. Aber radikale Musik, wie sie in England selbstverständlich war, die gab es in Deutschland nicht. Erst als man in Deutschland Ende der Siebziger begann, mit Radikalität den eigenen Alltag zu beschreiben, änderte sich etwas. Das hatte eine neue Qualität, und diese Musik habe ich gefördert und veröffentlicht.

Waren Sie überrascht über die Negativität, die der neuen Musik in der deutschen Presse entgegenschlug?
Ich hatte nichts anderes erwartet. Seit den Sechzigerjahren habe ich gelesen, beobachtet, analysiert und mit anderen Leuten darüber diskutiert, dass – beziehungsweise weshalb – es eine standardisierte Sichtweise auf subkulturelle Phänomene gibt, bis hin zum Verschweigen in der bürgerlichen Presse.

»Es fehlten die Schallplatten, die Läden, die Bands, die Auftritte, die Orte. Und es fehlten die Leute, denen auffiel, dass all das fehlte.«

Der beste Moment der ansonsten schwachen Ausstellung »Geniale Dilletanten« über die Subkultur der Achtzigerjahre in Deutschland ist kein Text, sondern ein Ölbild von Michaela Melián: Darauf sind Sie zu sehen, wie Sie, in Anzug und Sonnenbrille auf Ihrer Matratze liegend, telefonieren. Haben Sie für Melián posiert?
Das hat sich Michaela so ausgedacht. Und im Übrigen habe ich nicht für sie posiert. Sie und ihre Band F.S.K. haben tatsächlich einmal meine Wohnung betreten, und sie hat dann aus dem Gedächtnis dieses Bild gemalt. Das hat mich sehr verblüfft.

Wollten F.S.K. Geld von Ihnen?
Nein. Die Einstürzenden Neubauten wollten einmal Geld von mir. Die haben mich mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt und aus der Zigarrenkiste dann auch Geld bekommen. Das hätten die aber auch zu einer zivilen Tageszeit bekommen können, und ohne drohen zu müssen. Ich sehe aber ein, dass sich die Geschichte besser liest, wenn man sie dramatisch inszeniert.

Warum ist über Jeffrey Lee Pierce und The Gun Club so wenig in Meuelers Buch zu lesen? In gewisser Hinsicht war es doch Pierce, der Ihr zweites großes Label, What’s So Funny About.. in den Achtzigern und Neunzigern in eine neue Umlaufbahn katapultiert hat.
Wenn ich anfangen würde, über mein Verhältnis zu Jeffrey Lee zu erzählen, müsste man ein neues Buch beginnen. Es fällt mir schwer, in der Öffentlichkeit über ihn zu sprechen, da sich an ihm genau die Problematik erklären lässt, warum ich über die Jahre hinweg eigentlich niemanden habe an mich herankommen lassen. Nicht zuletzt, um mich selbst zu schützen. Vielleicht kann ich so viel erzählen: Ich konnte persönlich nur schwer damit umgehen, wie es mit ihm zu Ende ging. Das ging so weit, dass wir uns in den letzten Jahren seines Lebens kaum noch gesprochen haben. Und irgendwann kam die Nachricht von seinem Tod. Einfach so, mitten ins Leben. Ich bin nicht einmal zu seiner Beerdigung geflogen, obwohl ich es hätte tun sollen, wenn nicht müssen. Ich habe das im Nachhinein sehr bedauert.

Warum sind Sie nicht geflogen?
Ich hatte schlicht und einfach nicht das Geld für einen Flug nach Amerika. Im Rückblick muss ich sagen, dass Jeffrey Lee und ich vielleicht auch zu viele Parallelen in unserer Psyche und in unseren Verhaltensweisen gehabt haben. Es wäre voraussagbar gefährlich geworden, hätten wir mehr Nähe zugelassen. Ich spreche vom psychischen Begriff des übermäßigen Suchtpotenzials. Wir haben immer eine Distanz zwischen uns aufrechterhalten, nie haben wir miteinander gesoffen. Mir war immer wichtig, dass ich mein eigenes Leben weiterführen kann, egal von wem ich nun gerade eine Schallplatte veröffentlicht habe. Ich konnte mich schlichtweg nicht auf alle Dimensionen dieser Probleme einlassen. Ich musste mich irgendwie schützen, und mein Schutz war, eine gewisse Nähe einfach nicht zuzulassen. Sonst wäre ich untergegangen.

Das komplette Interview mit Alfred Hilsberg ist in der neuen Printausgabe SPEX N° 368 zu lesen, die aktuell im Handel erhältlich ist oder hier versandkostenfrei bestellt werden kann.

Christof Meueler
Das ZickZack-Prinzip. Alfred Hilsberg – ein Leben für den Underground
Heyne

Der unglaubliche Gestus der Neuheit: Das ZickZack-Prinzip im Musik-Underground
Mit Alfred Hilsberg, Christof Meueler, Michaela Melián und Diedrich Diederichsen / Moderation: Pascal Jurt
26.04. Berlin – Hebbel Am Ufer (HAU)
Alle Informationen und Karten gibt es hier.

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