Doppelreview: Prezident »Limbus« vs. Aesop Rock »The Impossible Kid«

Während Aesop Rock nach innen horcht, grenzt sich Prezident selbstbewusst nach außen ab.

Ein Album mit Kimya Dawson als The Uncluded, ein Album mit Rob Sonic als Hail Mary Mallon und im letzten Jahr eine EP mit Homeboy Sandman – die Bilanz von Aesop Rock seit seiner letzten Solo-LP Skelethon sieht aus, als habe sich der Rapper mit Wahlheimat in San Francisco vom menschenscheuen Eigenbrötler zum kontaktfreudigen Philanthropen entwickelt. Um dieses Missverständnis gleich wieder auszuräumen, igelte sich Ian Bavitz für die Arbeit an seiner siebten Platte The Impossible Kid ein Jahr lang in einer Hütte im Wald ein, produzierte dort alle Beats selbst und verzichtete komplett auf Gaststrophen anderer Rapper. Doch im Gegensatz zu Skelethon, das unter dem Eindruck des Todes von Def-Jux-Kollege Camu Tao entstand, klingt The Impossible Kid trotz Themen wie Isolation, Depression und dem grundsätzlichen Gefühl, fehl am Platz zu sein, nicht mehr ganz so rabenschwarz. Immerhin gönnt sich Aesop Rock ab und zu sogar eine Albernheit, über die er auch auf Hokey Fright mit Kimya Dawson gekichert hätte, oder rappt in »Blood Sandwich« auf herzerwärmende Weise über seine beiden Brüder.

Wer nie so recht gelebt hat, dem ist auch kein rechter Tod vergönnt.

Statt sich wie Aesop Rock in die Einsamkeit zurückzuziehen, wählt der Wuppertaler MC Prezident auf seinem vierten Album Limbus (Coverartwork oben) den umgekehrten Ansatz und begibt sich als Beobachter mitten unter die von ihm verabscheuten Mitmenschen. Im ersten Song und Herzstück »Der ewige Ikea« lässt er sich in Anlehnung an Dantes Göttliche Komödie von einem Typen in Cordhose – »Autor bei der Vice oder YouTuber« – in den zehnten Kreis der Hölle führen, in dem die langweiligsten Menschen als bizarre Zwitterwesen aus Mensch und Smartphone oder Bürostuhl die Ewigkeit verbringen müssen. »Denn wer nie so recht gelebt hat, dem ist auch kein rechter Tod vergönnt.«

aesop

Auch im Limbus bleibt sich Prezident treu und gibt zu rumpelnden und schlingernden Beats von Jay Baez und den Kamikazes den versoffenen Kneipenphilosophen, der über seinen Whiskey gebeugt laut vor sich hin flucht. Hierin liegt auch der größte Unterschied zwischen Aesop Rock und Prezident, die sich zwar beide als Außenseiter sowohl der Rap-Szene als auch der Gesellschaft inszenieren, dabei aber unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Während Aesop Rock mit The Impossible Kid nach innen horcht, grenzt sich Prezident auf Limbus selbstbewusst nach außen ab. Während der eine in seiner selbstgewählten Isolation immer wieder seinen Lebensweg anzweifelt, verzweifelt der andere beim Blick auf die Lebenswege seiner Mitmenschen.

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