Im Zweifel für den Zweifel – Schorsch Kamerun im Gespräch über sein Roman-Debüt »Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens«

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Foto: Sandra Then-Friedrich

In seinem Debütroman Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens wird Schorsch Kamerun an keiner Stelle nostalgisch. Vielmehr sucht der Goldene-Zitronen-Sänger nach Nischen für Subkultur. Warum das nötig und weshalb das fehlende Urvertrauen Motor für seine Form von Kunst ist, verrät Kamerun im Gespräch mit SPEX.

Schorsch Kamerun, was kann man in einem Roman besser ausdrücken als in der Musik?
Schorsch Kamerun: Ich als Autodidakt sehe das als Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Die Idee war, über einen Schmerz zu schreiben, den eine bestimmte Zeit mit sich brachte, ohne diesen direkt auf mich zu beziehen. Dafür habe ich Protagonisten gesucht, weil das Konzept des personalisierten Autors das nicht hergegeben hätte. Dabei habe ich auch probiert, mich zu öffnen. Das ist anders als bei den Zitronen, die nicht imstande wären, ein Liebeslied zu schreiben. In meinem Buch erlebt man durchaus Nähe. Das lässt unsere Band genauso wenig zu wie meine Theater- und Collagentexte.

»Im Roman ist das anders als bei den Zitronen, die nicht imstande wären, ein Liebeslied zu schreiben.«

Trotzdem kommst Du nicht ganz ohne die Zitronen aus. Einige Kapitel schließen mit Texten Deiner Band, der es genau wie der Gruppe Deines Protagonisten darum geht, nicht mitsingbare Musik zu machen.
Eigentlich werden nur die zwei Zitronentexte »Angst und Bange am Stück« und »Diese Menschen sind halbwegs ehrlich« assoziativ genannt. In denen geht es um autoritäre Gewalt und diverse Ängste, die mit dem Ausschluss von Andersartigkeiten zu tun haben, was aktuell auch wieder ein gruseliges Thema ist. Einbettungen von Songtexten sind ja oft Mittel von sogenannter Popliteratur, was mein Buch aber vordergründig nicht sein will. Das ist schon zu oft erzählt.

Die Hauptfigur, die durch Punk sozialisiert wurde, fühlt sich in keinem Milieu richtig wohl. Ständig hinterfragt sie ihren Stil. In dieser Hinsicht ist Dein Text durchaus ein Künstlerroman.
Auch meine Figur hat eine Band gegründet und diese durchlebt in einer Passage den Moment, in dem sie merkt, dass die Karikatur von einem Schützenfest sich am Ende nicht anders anfühlt als das Original. Auch die Zitronen mussten erleben, dass wir im Bürgerspektakel, das wir eigentlich persiflieren wollten, manchmal selbst drin standen. Plötzlich ging es darum, von den eigenen Leuten loszukommen. Seit Debord weiß man, dass jedes kritisch gemeinte Spektakel, das man anzettelt, sich selbst mit anstachelt. Genauso verhält es sich mit urbanen Veränderungen, Stichwort »Gentrifizierung«. Zum Beispiel führen auch nichtkommerzielle Läden wie der Golden Pudel Club zur Aufwertung ihrer Umgebung. Solche Widersprüchlichkeiten beeinflussen mich, lösen ständige Zweifel aus. Das zwingt zu Flexibilität und führte dazu, dass die »Ästhetik des Widerspruchs«, wie ich das nenne, eine zentrale Rolle in meinem Buch spielt.

Einmal reflektiert Tommi über den Wandel von Protestkultur: »Heute sind solche als sehr ernst wahrgenommenen Angriffe gegen die Staatsmacht nicht mehr so leicht denkbar. Der Feind riecht neutral bis multi-stinkend, und sein Duft hat zu viele Schichten, als dass man ihm leicht etwas Großteiliges entgegenhusten könnte.«
Ich glaube, dass es immer Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Trotzdem, nehmen wir mal den Ton-Steine-Scherben-Song »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Heute ist das, was man kaputtmachen könnte, wesentlich fluider, ungreifbarer geworden. Das galt für bestimmte Autoritäten, an denen sich mein Romanheld reibt, noch nicht. In der Zeit, in der ich groß wurde, gab es noch Altnazilehrer und rumpelnde Politiker. Ein Franz-Josef Strauß wütete noch gegen eine Jugend, die sich nicht normkonform aufführte. Solche Auseinandersetzungen sind eigentlich erledigt, weil auch der Mainstream längst so tough rüberkommen will wie der Geruch der Straße. Damals ließ sich das bürgerliche Leben noch irritieren, heute ist das längst zur Marke geworden. Vielleicht sich deshalb dem IS anschließen als eine der letzten Möglichkeiten, noch radikal aufzufallen? Das stimmt natürlich nur halb. Aber was ich erzählen will ist, dass es in Zeiten von ständiger Selbstoptimierung problematischer ist, anzugreifen. Weil wir ein Stück weit den Feind im Haus zu Gast haben. Der heutige Kapitalismus weiß die Komplexität des Systems für sich zu nutzen, was es nicht einfacher macht.

»Heute ist das, was man kaputtmachen könnte, wesentlich fluider, ungreifbarer geworden.«

Die SPEX-Autoren Tom Holert und Mark Terkessidis haben Mitte der Neunzigerjahre den Band »Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft« herausgebracht. Die Hauptthese bestand darin, dass selbst die ausgefallenste Subkultur vereinnahmt werden kann. Wie begegnest Du diesem Dilemma?
Ich finde, es lohnt sich, nach Strategien zu forschen, die Veränderungen begehbar machen können. Wir haben gerade in Hamburg das Stück Die disparate Stadt am Schauspielhaus rausgebracht und uns für eine alptraumhafte Melancholie als Grundmetapher für unseren Auftritt entschieden, in der ein kollektives Dagegenhalten als parallele Spur gegen den Dauerevent als Möglichkeit auftreten kann. Ähnliches versuche ich als Stimmung im Buch herzustellen. Nur lustiger und überzeichneter.

Alexander Kluge nennt das Urvertrauen die anthropologische Konstante des Menschen. Deiner Figur scheint das zu fehlen. Tommi hat ein »gestörtes Urvertrauen« und ist »in seinem Inneren leicht zu verunsichern«.
Alexander Kluge hat eine andere Biografie. Er kommt aus einem anderen Schrecken. Kluge hat noch den Schuss gehört und den echten Krieg erfahren, den er auf gelungene Weise in immer neue Assoziationen packt. Meine Generation hat mehr den Phantomschmerz abbekommen, bei dem die Ängste trotzdem massiv weitergegeben wurden. Tommi erfährt dieses beklemmende Gefühl in seinen vier Wänden, aber auch draußen, egal ob Alternativszene oder Stadttheater. Auch mein eigenes Spektakel trägt somit alle Zweifel weiter und mein verletztes Urvertrauen lässt mich möglicherweise genau die Kunst versuchen, die immer neu ausprobiert, all die Widersprüchlichkeit zu beschreiben, in der wir leben. Trotzdem habe ich großen Spaß an manchen Grellheiten.

Eine Besprechung des im Ullstein Verlag erschienenen Romans von Schorsch Kamerun wird in der kommenden Printausgabe SPEX N° 368 veröffentlicht. Das Heft kann ab 14.04. versandkostenfrei im Onlineshop bestellt und ab 21.04. im Zeitschriftenhandel gekauft werden. 

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