Kendrick Lamar »Untitled Unmastered« / Review

In Kendrick Lamars ungemastertem Realismus ist nicht mal der Priester unbestechlich.

Die Angst ist kein Fantasieprodukt unserer Köpfe, sie ist in Körper und Habitus eingeschrieben. Sie wohnt in den Posen der Jungs an der Straßenecke, in ihren Goldketten, in den präzisen Winkeln ihrer Baseballcaps, in Codes und Prinzipien, »die gerade durch ihre Notwendigkeit die ganze Verwundbarkeit jugendlicher schwarzer Körper bezeugen.« Nicht umsonst setzt der Denker Ta-Nehisi Coates (siehe SPEX N° 366) in seinem Buch Zwischen mir und der Welt bei der Angst an. Denn es ist die Angst vor Entleibung, die ihn als Nachfahre schwarzer Versklavter in einer weißen Welt definiert, in der junge Menschen sterben, weil sie Kapuzenpullis tragen.

Ein anderer bedeutender schwarzer Denker unserer Zeit, Kendrick Lamar, hat diese Angst in Form des besten Rap-Albums des vergangenen Jahres, To Pimp A Butterfly, thematisiert. Songs, die nicht ins Konzept gepasst hatten, erscheinen nun als Untitled Unmastered. Es ist das rauere Butterfly. Wie eine gebrannte und auf einem fremden Computer eingelegte CD mutet die Playlist an, die den acht Stücken keine Namen, nur Daten gibt. Ein echtes Cover fehlt ebenfalls. Stimmung aber ist auch eine Information, und die ist auf Untitled Unmastered ähnlich wechselhaft wie auf dem Vorgänger.

Es ist das rauere Butterfly.

Lamar spielt meisterhaft mit einer Palette an Stimmen, Flows und Posen, um das gesamte Panorama der Konflikte in seiner Hood Compton zu entfalten. Depressionen spielen eine Rolle, missbrauchte Frauen und Ausbeutung durch den Kapitalismus des weißen Mannes. In den entschlossensten Momenten gibt Lamar den Pimp, der einen Höhenflug gegen den nächsten eintauscht: »Diamonds all appraised / And I’m bossing up«. In abgeklärteren Stücken widmet er sich wie gewohnt der Spiritualität. Doch weil in Lamars ungemastertem Realismus auch kein Priester unbestechlich ist, gilt es als lebenswichtig, den eigenen kritischen Verstand zu nutzen: »Head is the answer, head is the future / Don’t second guess yourself, come on, give me some help«.

Soundtechnisch knüpft das Album teilweise an die jazzigeren Momente des Vorgängers an (Thundercat am Bass, Terrace Martin am Saxofon). Neu ist die Neunzigerjahre-Schroffheit, mit der das erste Stück direkt einsetzt – eine Seriosität, die an Ostküstenklassiker wie »C.R.E.A.M.« oder »NY State Of Mind« erinnert, macht sich bemerkbar, während typische Keyboard-Akkorde, doch die kalifornischen Wurzeln markieren. Nach 33 Minuten verhallen Lamars repetitive »Pimp, pimp! Hooray!«-Rufe, und zurück bleibt die Frage, wie man umgeht mit dieser nicht metaphorischen, sondern sehr körperlichen Angst. Ta-Nehisi Coates füllt die Leere nicht mit Trost. Er bemerkt: »Dieser Frage nachzugehen, habe ich festgestellt, ist letztlich die Antwort.«