Fatima Al Qadiri »Brute« / Review

Fatima

Das zweite Album von Fatima Al Qadiri arbeitet über weite Strecken mit vorgefertigten Klangchiffren, die in ihrer Standardisierung einen ähnlich hohen Wiedererkennungswert haben wie die Ikonografie der Teletubbies.

Betrachtet man das Cover von Brute flüchtig und, wie es heute öfter vorkommt, in Daumennagelgröße, könnte man meinen, eine Figur aus Planet der Affen zu erblicken. Was nicht völlig abwegig ist. Genau besehen erkennt man in der Gestalt mit dem runden Gesicht jedoch ein Teletubby, das in der Uniform einer Polizeispezialeinheit steckt, mit kugelsicherer Weste, Helm und Plexiglasvisier.

Brute, das zweite Soloalbum von Fatima Al Qadiri, gibt sich musikalisch zwar nicht unbedingt niedlich, arbeitet über weite Strecken aber mit vorgefertigten Klangchiffren, die in ihrer Standardisierung einen ähnlich hohen Wiedererkennungswert haben wie die Ikonografie der Teletubbies. Digitale Presets von Chor- und Instrumentalklängen fügen sich zu scheinbar harmlosen Miniaturen in Moll, die in ihrer Künstlichkeit zunächst bloß ein wenig abweisend und melancholisch wirken. Die distanzierte Glätte bricht allerdings immer wieder auf, bevorzugt durch Bässe, die wie drohendes Unheil in das konfektionierte Sounddesign schneiden, oder mit impulsartig pochenden Beats, die sich weit von verhakelten Bassmusik-Patterns entfernen und eher an unvermitteltes Hämmern an Türen denken lassen. Die Gewalt, die Brute im Titel andeutet, überrumpelt einen so auch beim Hören. Sicher fühlen kann man sich nie.

Die Gewalt, die Brute im Titel andeutet, überrumpelt einen auch beim Hören.

In gewisser Hinsicht liefert Al Qadiri mit Brute einen direkten musikalischen Kommentar zum theoretischen Komplex, an dem sich Hyperdub-Labelchef Steve Goodman alias Kode9 in seinem Buch Sonic Warfare abgearbeitet hat. Die LRADs (Longe Range Acoustic Devices), über die man dort lesen konnte, Schallwaffen, die Frequenzen über weite Strecken gezielt richten und bei den Zielpersonen starke Hörschäden bis zur Taubheit hervorrufen können, sind auf Brute höchst gegenwärtig. Schon im ersten Track »Endzone« hört man die Durchsage eines Polizisten über ein LRAD: »You are no longer peacefully assembling« – kurz darauf beginnt der Angriff mit Lärmbeschallung, ähnlich einer besonders aggressiven Alarmanlage. In den USA hat die Polizei solche LRADs zum ersten Mal 2009 eingesetzt, bei den G20-Protesten in Pittsburgh.

An anderer Stelle des Albums verschafft sich die Exekutive in Gestalt einer Polizeisirene Gehör (»Curfew«). Man mag in dieser Perspektive eine einseitige Darstellung von Gewalt erkennen – seit Terror vermehrt als internationales Phänomen auftritt, kann man eigentlich ganz froh sein, wenn es einen funktionierenden Polizeiapparat gibt. Andererseits macht sich Al Qadiri auf Brute keine plumpen ACAB-Parolen oder ähnlich radikale Positionen zu eigen, sondern erinnert lediglich daran, was die Polizei dort anrichtet, wo sie gewaltfreie Demonstrationen grundlos attackiert, mit Pfefferspray zum Beispiel, wie am Rande von Occupy Wall Street geschehen. Ob ein Staat sein Gewaltmonopol gebraucht oder missbraucht, gibt stets Auskunft darüber, wie es um die demokratische Verfassung des Landes bestellt ist. Fatima Al Qadiris künstlerisch kontrollierte Wut und ihre Trauer über Polizeiwillkür sind da mehr als legitim.

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