Pippi und die Scherben – ein Weckruf

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Der Rechtsstreit zwischen Kesha und ihrem Label-Boss und Produzenten Dr. Luke zeigt einmal mehr den strukturellen Sexismus und den Missbrauch von Machtpositionen bei US-Majors auf. Aber wie sieht es damit in Indie-Deutschland aus?

»Privilege is when you think something is not a problem /
Because it’s not a problem to you personally.«

Eins vornweg: ich will keine Beispielnamen hören, die belegen sollen, dass das Musikgeschäft gar nicht mehr sexistisch ist – und wie viel Emanzipation es doch in den letzten Jahren gegeben hat! Ja! Aber die Namen, die dann gedroppt werden, sind meistens Namen von Musikerinnen aus Ländern, die Deutschland feministisch um 30, 40 Jahre voraus sind. Diese Künstlerinnen hätte hierzulande keine_r aufgebaut. In diesem Weckruf soll es aber um Sexismus speziell in Indie-Deutschland gehen. Zum Glück hat SPEX ja eine anti-sexistische Attitüde und Tradition. Umso merkwürdiger, dass sich diese Haltung nicht nachhaltig auf die Strukturen in Indie-Deutschland ausgewirkt hat.

Das Scheinargument »aber es gibt doch diese und jene Musikerin da und da …« erstickt jede Problemdiskussion im Keim. Fortschritt und Emanzipation bedeuten 50 Prozent Teilhabe und nicht fünf bis zehn. Daran gibt es nichts zu rütteln. Es sei denn, man ist der Meinung, Frauen hätten sich im Berufsleben nicht zu verwirklichen und seien vor allem für Herd und Kinder da.

Privilegierte Menschen sind es gewohnt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Und der »Indie-Deutschland-Dieter« bietet in Gesprächen gerne Lösungen an, indem er das ärgerliche Problem verharmlost, negiert oder kurzerhand selbst löst. Die einfache Lösung, auf die es in solchen Gesprächen schnell hinausläuft: »Es gibt gar keinen Sexismus mehr.« Das ist ungefähr so als würde man behaupten, unser Wirtschaftssystem sei gar nicht kapitalistisch, weil es doch staatliche Schulen und Flohmärkte gibt. Überhaupt hat der Indie-Dieter immer genau ein Argument parat, warum das ganze Gerede über Sexismus in der Musikwelt Quatsch sei. Mit dem einen Argument, und sei es noch so einleuchtend, meint er, alle strukturellen Probleme außer Kraft setzen zu können.

Die Indie-Musikerin in Deutschland ist der Fehler im System.

Klar, deutsche Musikerinnen können ihre Lieder auch auf Soundcloud stellen. Die alles entscheidenden Fragen aber lauten, ob es für sie als weiblich identifizierte Menschen theoretisch möglich wäre, sich innerhalb von Indie-Deutschland Strukturen zu schaffen, die ihnen zum Beispiel Folgendes ermöglichten: ein Album nach dem anderen rauszubringen, mit namhaften Produzenten zu arbeiten, Artikel in den Musikmedien zu bekommen, und zwar mit jedem Album immer größere. Ein Label zu finden, das Geld investiert, auch in Promotion. Indie-Radio-Rotation. Entscheidend ist außerdem, ob ihr Name auch einen Monat nach Erscheinen des Albums noch fällt. Ob man sich ihre Lieder mehr als einmal checkermäßig anhört. Ob sie Schulen begründen dürfen und ob ihre Songtexte zu Überschriften im Feuilleton werden. Ob man respektvoll mit ihnen über ihre Musik redet – oder doch lieber nur über die wilde Message und das Rolemodel-Ding. Ob sie in den Jahreslisten auftauchen. Ob sie als einflussreich auf andere Bands gelten. Ob sie auch mal ein paar Jahre pausieren dürfen und dann trotzdem wieder Beachtung finden. Ob sie faul sein dürfen. Ob sie fleißig sein dürfen. Ob sie das Privileg haben, sich durch Live-Konzerte ein Publikum zu erspielen. Ob sie auf Festivals gebucht werden.

Wie viele Musikerinnen aus Indie-Deutschland fallen uns ein, und sei es aus den letzten 35 Jahren, auf die mindestens drei oder vier dieser Kriterien zutreffen? Eben. Aber es ist auch kein Wunder, dass es zum Beispiel so etwas wie die »deutsche Björk« nicht gibt. Und jetzt schließen wir die Augen und überlegen uns, wie viele männliche Acts aus Indie-Deutschland uns da einfallen. Und wusstet ihr, dass in Deutschland auf Festivalbühnen zu circa 92 Prozent Männer stehen? Egal, wie alternativ die Festivals sind.

Es gibt übrigens sehr viel mehr unbekannte Musikerinnen hierzulande, die alles versuchen und nie einen offiziellen CD-Release hinkriegen, als viele meinen. Es ist nicht mehr so wie vor 20 Jahren, als es diese Musikerinnen und Bands von Frauen gar nicht erst gab.

Ach ja, Deutschland, da war doch was: Deutschland ist ein Land, in dem viele Männer es anscheinend nicht so gerne sehen, wenn Frauen Karriere machen. Wie verhält es sich da erst mit Alternativkarrieren in Musik und Medien, die auch noch als cool und beneidenswert gelten? Auch die Gesetzgebung spielte da immer prächtig mit. Man denke nur an das unsägliche Ehegattensplitting. In Deutschland wird die Ehefrau, die nicht arbeitet, mit Geld belohnt. Noch bis zum Jahr 1975 konnten Männer ihren Frauen den Beruf sogar offiziell verbieten, wenn sie nachweisen konnten, dass die Frau ihre Pflichten als Ehefrau verletzt. Die Tatsache, dass Frauen es in Deutschland besonders schwer haben im Beruf, ist international anerkannt und erforscht. In kaum einem anderen europäischen Land ist der Pay Gap so hoch wie in Deutschland. Leider führen diese Missstände aber nicht dazu, dass Frauen andere Frauen unterstützen. Ich habe im Indie-Bereich selten Macherinnen hinter den Kulissen getroffen, die ernsthaft Bock darauf gehabt hätten, Musikerinnen zu fördern und sie mit Budgets, und seien sie auch noch so klein, zu versorgen.

Während die Booking-Agentur für die gerade angesagte Mädchenband sieben Konzerte bucht (was auch an misogynen Veranstaltern liegen mag), bucht dieselbe Agentur für die gerade angesagte Jungsband 70 oder 700 Konzerte. Musiker dürfen wachsen. In dieser Diktatur der Angepassten werden Musikerinnen behandelt wie kritische Dissidenten. Man freut sich keinesfalls über die Vielfalt, die sie in das System bringen. Man behandelt sie mit angstvoller Skepsis. Oder man ignoriert sie und lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern. Erzählt ihnen aber die ganze Zeit, wie krass toll sie polarisieren, auch wenn sie die normalsten Sachen machen. »Die Frau in der Musik stört immer«, um es mit Francoise Cactus und Stereo Total zu sagen.

Deutschland ist ein Land, in dem viele Männer es anscheinend nicht so gerne sehen, wenn Frauen Karriere machen.

Tauscht man sich mit anderen Musikerinnen aus, stellt man schnell fest: Wir machen alle haargenau die gleichen Erfahrungen, jedenfalls wenn wir weiß sind. Egal, welche Haarfarbe wir haben. Egal, welche Musik wir machen und welche Geschichten wir erzählen. Egal auch wie wir aussehen, wie alt wir sind oder wie bewusst uns das alles ist. Wenn wir schwarz wären, hätten wir es noch schwerer.

Die Indie-Musikerin in Deutschland ist der Fehler im System, und deshalb muss das System den Fehler in ihr erzeugen. Das ist übrigens eine psychopathische Strategie. Wir haben aber keine Lust, euer konstitutives Außen zu bleiben.

Also überlegt in Zukunft lieber zweimal, ob es auch wirklich zutrifft, wenn ihr diejenigen Adjektive aus dem Giftschrank holt, die (auch international) für Sängerinnen en vogue sind: »charmant«, »unfertig«, »kommerzverdächtig« (die »Schlampe« will wohl Geld verdienen), »schräg«, »zauberhaft«, »dilettantisch«, »so subjektiv«, »auf der Suche««, »schrottiger Sound«. Und das Schlagzeug, na, das »rumpelt«, und zwar: immer! Die Adjektive, die der Indie-Dieter oder die Indie-Heidi für die männlichen Helden reserviert haben, gehen natürlich eher in diese Richtung: »genial«, »meisterhafte Dichtkunst«, »lässiges Könnertum«, »ein Meister des …«, »virtuos«, »gerechter Zorn«, »rebellisch«, »wichtig«.

Hinzu kommen bei den Jungs zuverlässig Vergleiche mit den größten Dichtern, Provokateuren und Bands aller Zeiten. Bei den Frauen bevorzugen viele Vergleiche mit Figuren aus der Sesamstraße, aus Kinderbüchern, Cartoons und der Klatsch/Promi-Presse. Wie oft ich schon »Pippi Langstrumpf« war! »Ein scheues Reh« schickt man aber vielleicht nicht so gerne auf Tournee wie die »jungen Wilden«, die »die Fackel der Ramones weitertragen«. Im selben Atemzug wie der Indie-Dieter und die Indie-Heidi behaupten, es ginge »nur um Musik«, werden limitierende Geschlechterrollen aus der unerschöpflichen Trickkiste der weiblichen und männlichen Stereotype angewandt – bis es irgendwann gar nicht mehr möglich ist, dass so etwas wie Ton Steine Scherben dabei herauskommt, wenn Prinzessin Lillifee und Pippi Langstrumpf zusammen Musik machen.

Indie-Deutschland bestreitet, dass es Sexismus gibt, weil es nicht böse sein will. Aber genau dieses Bestreiten des von ihm mitverursachten Sexismus macht Indie-Deutschland so böse. 

Sandra Grether schrieb in SPEX unter anderem über das Riot-Grrl-Movement und gründete mit Parole Trixi eine der ersten deutschen Riot-Grrrl-Bands. Heute ist Grether Sängerin und Gitarristin bei Doctorella und arbeitet als Autorin, Bloggerin und feministische Aktivistin. Ihr obenstehender Text ist in der Printausgabe SPEX N° 362 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei hier bestellt werden.

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