Doppelreview: Daniel Haaksman »African Fabrics« / Diverse »Gqom Oh! The Sound Of Durban«

Es gibt viel davon in Afrika, aber fragt man irgendeinen Musikliebhaber aus irgendeiner afrikanischen Stadt, Region, Kultur nach instrumentaler, (post-)industrieller elektronischer Tanzmusik – die Wahrscheinlichkeit von Ablehnung ist hoch.

Man muss an dieser Stelle nicht erklären, wie falsch westliche Vorstellungen von Afrika als entweder unberührter Bernhard-Grzimek-Savanne oder trostlosem Katastrophengebiet heute sind. Gibt es beides auch, klar. Aber vielerorts leben auf dem Kontinent normale Mittelkasse-Ökos, urbane Hipster auf aktuellem globalen Stand und Kids, die das Internet mit ständig neuen Tanzmusikhybriden auffüllen. Daniel Haaksman, der sehr schön öffentlich genervt sein kann von den braven Clubmusikgenres des globalen Nordens und sich darum jahrelang in Brasilien rumtrieb (von wo er manches Mal etwas zu viele Sirenen und Trommelwirbel mitbrachte), ist nun über den exzessiven Konsum von YouTube-Clips und Cloud-MP3s in Afrika gelandet. Sein zweites Künstleralbum African Fabrics schaltet zwei Gänge zurück, von Remmidemmi (oder wie das bei ihm hieß: Rambazamba) zu luftigen Samstagabend-an-der-Strandpromenade-Melodien. Mit Gästen aus Südafrika, Uganda, Mosambik, Simbabwe und Angola – darunter der legendäre Kuduro-Erfinder Tony Amado – zeigt African Fabrics, was sich bei allen Unterschieden in afrikanischen Kulturen gerade entdecken lässt: durchgeknallte Typen, millionenschwere Popstars, pralles Leben. Außerdem angenehm rücksichtsloses Bricolagieren und immer wieder anders gebrochene Beats, ob die nun Bacardi House genannt werden oder Tarraxo oder Zouk Bass oder sonstwie.

Von Remmidemmi (oder wie das bei ihm hieß: Rambazamba) zu luftigen Samstagabend-an-der-Strandpromenade-Melodien.

Es gibt viel davon in Afrika, aber fragt man irgendeinen Musikliebhaber aus irgendeiner afrikanischen Stadt, Region, Kultur nach instrumentaler, (post-)industrieller elektronischer Tanzmusik (vulgo: Techno et cetera) – die Wahrscheinlichkeit von Ablehnung ist hoch. Melodien, Instrumente, Stimmen müssen schon dabei sein. Eine Ausnahme von dieser Regel ist der einzige Industriestaat des Kontinents, Südafrika. Vor allem in den Gettos der südwestlichen Millionenstadt Durban existiert seit zwei, drei Jahren eine, wie es die südafrikanische Wochenzeitung Mail & Guardian kürzlich so schön nannte, »nihilistische Ecstasy-Szene«. Hier ist wie ein Meteorit aus heiterem Himmel Gqom eingeschlagen. Gesprochen wird das mit zungengeschnalztem Doppelkonsonant, es ist ein lautmalerischer Zulu-Ausdruck für »Rumms«, und die Musik hinter dem Namen klingt so außerweltlich wie Kryptonit: abstrakt, bedrohlich, spannungsgeladen. Oft gehörte Umschreibungen wie »skelettierter Kwaito« sind hilfloser Unsinn, denn wo Kwaito dick und slick war, ist diese Musik anämisch und entschieden low-tech. Es gibt Beats, deren Koordinaten sich beständig drehen, sodass man laufend die Orientierung verliert. Darüber werden Schichten von unerbittlich wiederholten Samples aufgetragen, Hundebellen, metallisches Klopfen oder monströse Grunz- und Grummellaute. Viel Hall, kaum Melodien, kein Bass, endloser Spannungsaufbau.

Bislang ließ sich Gqom vor allem über die Lo-fi-Dateien aus den unendlichen Halden des Servers kasimp3.co.za entdecken, hochgeladen von, wie ihre Projektnamen nahelegen, jungen Männern aus den Townships: Naked Boyz, 3 Way Boys, Illumination Boiz, AudioBoyz. Doch nach zwei Vinyl-EPs im Sommer 2015 gibt es das rasende Digitalphänomen Gqom jetzt auch eingefroren auf Doppel-LP, selbst wenn das ein inhärenter Formatwiderspruch ist. Die Compilation Gqom Oh! The Sound Of Durban (Coverartwork oben) zeigt jedenfalls mit Tracks wie Dominowes Minidrama »Africa’s Cry« oder DJ Mabhekos »Syagwaba (704 Gqomu)« mit dessen ultrasynthetischer Blockflöte noch mal eindrucksvoll, dass das, was man hierzulande in Clubs zu hören bekommt, längst nicht alles auf der Welt ist. Man muss sich nur erkundigen.

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