Golden Pudel – Hamburg weint, und die Welt weint mit

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Fotos: Kristoffer Cornils

Die Hamburger Institution Golden Pudel stand am frühen Morgen des 14. Februar in Flammen – eine Rekapitulation der Vorgänge vor und in der Nacht und die Frage: Was wird?

Kurz bevor wir in der Nacht von den 13. und 14. Februar den Golden Pudel betreten, schießen wir noch ein Bild von dem Gebäude am Sankt Pauli Fischmarkt 27. Drinnen legen Jascha Hagen & Paul Gregor deepen House auf, getanzt wird aber kaum. Die wenigen Gäste stehen mit einer Knolle Bier am Rand und plaudern lieber. Es ist ein entspannter, aber auch recht ereignisloser Abend. Um kurz nach zwei Uhr morgens gehen wir wieder. Nicht eine Stunde später bemerkt eine vorbeifahrende Polizeistreife das Feuer, bald darauf steht das Dach des gedrungenen Häusleins in Flammen. Der spontane Instagram-Schnappschuss ist das vermutlich letzte Bild vom Golden Pudel, bevor sich für diesen alles grundlegend ändern soll. #thefreaksarealright lautet die Bildunterschrift – das Motto des Golden Pudel-Teams, das sich gerade gegen die drohende Teilungsversteigerung im April dieses Jahres mobilisiert hat. Sah die Zukunft des Clubs indes vorher schon unklar aus, so tut sie dies nun umso mehr.

Am frühen Morgen des 14. Februar liegt ein hartnäckiger Grauschleier über der Stadt, »Schietwetter« nennt sich das hierzulande. Schneeregen peitscht auf die in grellen Neonjacken gekleideten KriminalpolizistInnen, die inmitten von verkohlten Trümmerteilen am schwer mitgenommenen Dachstuhl auf der Westseite des Gebäudes Spuren sichern. Sieht das ehemalige, im obersten Stockwerk gelegene Oberstübchen vom Grünanlagenprojekt Gezi Park Fiction aus betrachtet noch völlig zerstört aus, zeigt sich von anderer Seite ein nicht ganz so krasses Bild: Die Flammen haben offensichtlich nicht auf die Ostseite des Dachs übergegriffen. Durch die Fenster des Clubs im Erdgeschoss lassen sich auf dem Boden Pfützen erkennen. Es seien vor allem Wasserschäden durch die Löscharbeiten und weniger der Brand an sich, der den Club in Mitleidenschaft gezogen haben, heißt es in Medienberichten. Über das Maß der Zerstörung ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts bekannt, am Sonntagabend melden mehrere Quellen, dass der Dachstuhl als einsturzgefährdet eingeschätzt wird – sogar über einen möglichen Abriss wird spekuliert. Laut Polizeiangaben begann der Brand wohl auf oder unterhalb der Terrasse des Oberstübchens und breitete sich von dort aus auf das Dach des Gebäudes aus. Verletzt wurde dabei niemand, doch erst gegen 11 Uhr vormittags gelang es den über 50 ausgerückten Feuerwehrkräften, den Brand zu löschen.

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Wenige Kilometer weiter treffen wir kurz darauf Ralf Köster in seiner Wohnung. Heute Abend sollte die von ihm kuratierte Reihe MFOC mit den Residents Raf & Superdefekt stattfinden, der Flug für Joy Orbison, der am nächsten Sonntag gemeinsam mit Barnt eingeplant war, ist ebenfalls schon gebucht. Köster aber weiß nicht, ob und in welcher Form oder vor allem, wo die Abende stattfinden werden. Wir hatten eigentlich ein Treffen verabredet, um über die derzeitige Situation und Zukunft des Clubs zu sprechen. Hatte Köster noch vorab klargemacht, dass er kaum konkrete Aussagen treffen könne – weil bestimmte Entscheidungen noch nicht getroffen werden konnten, sich Dinge noch nicht konkretisiert hatten oder aber noch nicht druckreif waren -, ist das jetzt umso mehr der Fall. Um fünf Uhr morgens weckte ihn heute sein Telefon, er eilte sofort zum 1872 erbauten Schmugglergefängnis, in welchem der Golden Pudel als Nachfolger des 1988 gegründeten Pudel Clubs beheimatet ist. Köster berichtet von emotionalen Szenen unter den Anwesenden, die sich aus Feiergästen, Pudel-MitarbeiterInnen und hinzugeeilten Menschen aus der Club- und Kneipenszene aus dem anrainenden Kiez beziehen. »Hamburg weint«, sagt er – und die Welt weint mit. Von Modeselektor über The Black Madonna, den Briten Moiré oder die Detroit-Legende DJ Stingray nehmen viele DJs Anteil, verkünden ihre Solidarität oder kondolieren. »Die Welt ist eine Pudel« lautet ein anderer Schlachtruf der Golden-Pudel-Crew – nicht zu Unrecht.

Die Welt ist eine Pudel.

Er sei vor einiger Zeit mal auf der Wikipedia-Seite des Golden Pudel gelandet, erzählt Köster, und habe versucht, eine Änderung einzutragen: von »Tobias Albrecht (Rocko Schamoni) und Thomas Sehl (Schorsch Kamerun)«, so stand dort, würde der Golden Pudel betrieben. Köster, selbst massiv in das Tagesgeschehen involviert, ergänzte »…unter anderem«. Diese anderen Menschen – viele von ihnen KünstlerInnen, MusikerInnen oder DJs – sind nun vorerst arbeits- und einkommenslos, betont Köster. Tatsächlich hat innerhalb der breit aufgestellten Musikszene Hamburgs kaum jemand keine Verbindung zu dem Club, der in den Neunzigerjahren als Treffpunkt der Hamburger Schule galt, für die Clique um Dial als sprichwörtliches zweites Wohnzimmer diente und in welchem zuletzt Helena Hauff ihre internationale Karriere begann. Golden Pudel ist immer mehr als ein Club gewesen. Golden Pudel, das sind zugleich auch die Menschen, die an ihm mitwirken. Das macht ihn zu mehr als nur der Summe seiner Einzelteile: Golden Pudel, das ist eine Haltung. Eine Haltung, die für subkulturellen Widerstand gegen die zunehmende Gentrifizierung Hamburgs einsteht, die ehemalige Keimzellen alternativer Lebensentwürfe wie etwa die Sternschanze rund um das Hausprojekt Rote Flora und das angrenzende Karoviertel in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat.

Nachdem jedoch Rocko Schamoni und Wolf Richter das Gebäude 2008 übernahmen, kam es zwischen dem Musiker und dem Bruder des Künstlers Daniel Richter schon 2011 zu Unstimmigkeiten hinsichtlich der Führung des Clubs, die in einer Vielzahl von rechtlichen Auseinandersetzungen resultierten. Zuletzt setzte Schamoni Anfang 2015 durch, dass Richter die Bücher des von ihm seit 2011 betriebenen Oberstübchens öffnen musste, um nachzuweisen, dass der Restaurantbetreiber tatsächlich nicht wie behauptet die anteiligen Kosten der Miete und gemeinsam aufgenommene Kredite tragen könne. Seitdem ist das Oberstübchen geschlossen. Neuigkeiten gab es erst wieder am 2. Februar diesen Jahres, als die Immobilie auf dem Portal Immobilienscout24.de erschien – nach den Angaben des Inserats handelt es sich um Teilungsversteigerung, die am 20. April stattfinden soll. Was bedeutet das? Eine Teilungsversteigerung ist ein Verfahren, das ansonsten eher von Scheidungen bekannt ist und in welchem Teile eines Gebäudes nach nicht erfolgter Einigung der streitenden Parteien zwangsversteigert wird. Im Falle des Golden Pudels liegt der Fall so, dass Richter den gemeinsamen Vertrag als GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) von seiner Seite aufgelöst hat, weshalb die Teilungsversteigerung notwendig wurde. Der Pachtvertrag des Clubs jedoch läuft noch bis 2024. Eine verzwickte Situation, die allerdings nicht ganz hoffnungslos schien.

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Das Team des Golden Pudel reagierte am Freitag, den 12. Februar über die clubeigene Homepage mit einem in schnoddrigem Hamburger Sprachwitz verfassten Statement. »Mitte der 90er Jahre wurde, in Zusammenarbeit mit Park Fiction, erfolgreich eine Bürobebauung auf dem gesamten Areal verhindert«, heißt es darin. »Dieser Raum wurde jahrelang erkämpft. Der Golden Pudel Club ist ein Teil von Park Fiction und umgekehrt. Er begreift sich als gelebte Alternative zur Wertschöpfungskette einer fresssüchtigen Eventmaschine, in einer immer stärker kommerzialisierten Stadt. Aus dieser Verantwortung heraus werden wir, gemeinsam mit allen Unterstützer*innen, die Zeit bis zur Versteigerung nicht tatenlos verstreichen lassen.« Der Golden Pudel solle in eine Stiftung übergehen, hieß es in der Verkündigung weiterhin. Welche Stiftung das sein könnte und welchem Zweck diese Überführung dienen sollte, wurde nicht erläutert. Auch Köster macht an diesem Sonntagvormittag keine genaueren Angaben. Vermutlich jedoch plante das Golden-Pudel-Team, die genannte Stiftung als Bieter bei der Teilungsversteigerung auftreten zu lassen, um das laut Immobilienscout24.de-Annonce auf einen Verkehrswert von 510.000 Euro bezifferte Grundstück auszulösen.

»Dieser Raum begreift sich als gelebte Alternative zur Wertschöpfungskette einer fresssüchtigen Eventmaschine, in einer immer stärker kommerzialisierten Stadt.«

48 Stunden nach Veröffentlichung dieser »Erklärung und Kampfansage« durch den Golden Pudel ist der Dachstuhl des Gebäudes am Sankt Pauli Fischmarkt 27 ausgebrannt, nur wenige Stunden darauf bestätigt das Landeskriminalamt Spekulationen, wie sie unter anderem Dr. Motte auf Twitter äußerte: »Nach der ersten Brandortbefundaufnahme ist von einer vorsätzlichen Brandlegung auszugehen. Somit besteht der Verdacht der schweren Brandstiftung«, heißt es im Polizeibericht. Der Golden Pudel wurde allem Anschein nach vorsätzlich angezündet, während sich darinnen rund 150 Partygäste aufhielten. Der NDR meldete zwischenzeitlich, dass der Ausmaß des Schadens zwar noch unklar sei, schreibt aber zugleich: »Der Club ist derzeit auch wegen des Löschwassers vorerst nicht nutzbar, zudem ist der ausgebrannte Dachstuhl laut Statikern des Bezirksamtes Altona einsturzgefährdet. Ob das mehr als 100 Jahre alte Gebäude im Hafen abgerissen wird, müssen nun die Eigentümer entscheiden.«

Während unseres kurzen Gesprächs mit Köster am Sonntagvormittag klingelt das Telefon, jemand vom Hamburger Live-Club Hafenklang möchte mit dem übermüdeten Veranstalter sprechen. »Die wollen bestimmt fragen, ob wir den Abend heute bei ihnen machen«, meint der und denkt laut über die Möglichkeit nach, die geplanten Clubnächte der nächsten Zeit in andere Clubs zu verlegen. Wenige Stunden später kündigt der Golden Pudel über Facebook an, dass die sonntägliche MFOC-Nacht tatsächlich im Hafenklang stattfinden wird. Gelebte Hamburger Solidarität, die gegen die Widrigkeiten etwas unternimmt – insbesondere, wenn es um den Golden Pudel geht. The Freaks Are Alright und sie werden es bleiben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das bald auch wieder über ihren Club sagen lässt. Für den gemeinsamen MFOC-Auftritt von Barnt & Joy Orbison zumindest wurde schon ein Facebook-Event angelegt. Als Veranstaltungsort wird der Golden Pudel Club genannt.

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