Killt Streamingdienst den Plattenstar? Ein Plädoyer von Malakoff Kowalski

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Die Diskussion um Streamingdienste wurde 2015 von Urhebern und Schallplattenliebhabern mit maximaler Intensität geführt und im Prinzip als ein Werk des Teufels begriffen. Unser Autor, seinerseits Schöpfer musikalischer Werke, ist gegenteiliger Meinung. Ein Plädoyer für Streaming.

Ich liebe Spotify & Co. Aber die Auseinandersetzung mit dem Thema Musikstreaming ist so furchtbar kompliziert und hysterisch, wie man es sonst nur aus der Atomkraft-Diskussion, dem Nahostkonflikt, dem Ringen um TTIP und den Facebook-Posts zur Flüchtlingskrise kennt. Meistens beschränkt sich die Argumentation auf verschwindend geringe Lizenzen, auf miese Label-Deals und die Ausbeutung der Künstler und Produzenten. Immer geht es um den Untergang der Musikindustrie und um das niemals endende (berechtigte) Gejammer von Rechteinhabern. Aber nur selten, eigentlich fast nie, fällt der Blick auf die völlig neue Qualität des Zugangs zu Musik, der sich uns mit dem kommerziellen, legalen Streaming eröffnet hat.

Ja, das hier ist ein herzerfülltes Plädoyer für das Streaming. Nein, nach dem Lesen dieser Gedanken wird es keine Lösung geben. Wir leben in Widersprüchen. Und ja, ich schreibe als Indie-Interpret, Produzent und Komponist, der sein Geld (mal ist es viel, mal ist es weniger) mit Gema-Lizenzen, Label- und Verlagsvorschüssen verdient; der sowohl Rechte an kommerziellen, wie auch an Underground-Veröffentlichungen und an Theater- und Filmmusiken hält. Vor allem aber schreibe ich als jemand, der Musik über alles liebt. Und ich meine wirklich über alles. Ich höre sie auf iPhone-Kopfhörern, auf Beats-In-Ears, auf Studio-Monitoren, auf teuren Hifi-Lautsprechern, auf Bluetooth-Boxen, im Flugzeug, unter der Dusche, beim Kochen und beim Sex. Ich höre sie auf Vinyl (so oft ich kann), auf CDs (immer weniger) und ich streame sie auf Laptops, Handys und Tablets.

»Nur selten fällt der Blick auf die völlig neue Qualität des Zugangs zu Musik, der sich uns mit dem kommerziellen, legalen Streaming eröffnet hat.«

Der Punkt ist, dass die Schönheit, die Freiheit, die unendliche Impulsivität und die enthemmte Suche nach genau der Musik, die man in genau diesem einen Moment sucht, eine Kraft hat, wie sie auch das Internet selbst entfaltete als es die analoge Welt revolutionierte. Nicht die Beliebigkeit und die Austauschbarkeit sind das Wesen des Musikstreamings. Nicht das Nicht-Physische und die vermeintliche, sich hieraus ergebende Unverbindlichkeit. Nicht das Fehlen von tollen Artworks und detaillierten Produktions-Credits. Nicht die dilettantisch schlechten Suchfunktionen (probieren Programmierer und CEOs ihre eigenen Programme jemals selber aus?). Selbst die in Teilen nicht ganz so gute Klangqualität und noch schlimmer: der Play-Zähler, der jedes Stück Musik zu einer Zahl reduziert (Klicks und Likes sind die größten Irrtümer der Gegenwart) – das alles berührt nicht im Ansatz das Wesen dieses unfassbar großen, neuen Universums. Das Eigentliche, um das es nun wieder geht: Musik. Ein Stück Musik. Ein Album. Ich und die Datenbank. Einfach nur Musik. Genau so, wie sie einmal aufgenommen wurde, damit jemand anders sie hört oder darüber schreibt.

Ich bin nicht in prekären Verhältnissen aufgewachsen und trotzdem konnte ich als Teenager niemals die ganze Musik kaufen und hören, auf die ich Lust hatte. Auch später, als ich mein erstes Geld verdiente, war Musik immer Luxus. Es hat nie gereicht, und ich wollte immer mehr als ich durfte. Illegales Runterladen war mir zu kompliziert. Sich im anarchischen YouTube-Dschungel von Clip zu Clip durchzuschlagen, war auch keine Lösung. Als ich aber 2011 mein erstes Streaming-Abonnement abschloss (damals noch beim mittlerweile eingestellten Simfy-Dienst), begriff ich sofort, dass sich alles ändern würde. Ich konnte nicht glauben, wie viel Musik es auf einmal zu entdecken und zu hören gab. Nicht alles, aber eine Menge. Vergessene Musik. Musik, die ich schon immer gemocht, mir aber nie besorgt hatte. Musik, die ich schon immer haben wollte, die aber zu teuer für mich war. Musik, die ich auf Vinyl besaß, die sich jetzt aber auch in der Wüste von Nevada hören ließ, ohne vorher einen MP3-Player bespielt zu haben. Klassische Musik, die ich endlich Stück für Stück, Aufnahme für Aufnahme in endlosen Nächten immer wieder miteinander vergleichen konnte – exakt bis zu der einen Interpretation, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Gerade erst vor ein paar Tagen saß ich mit einer Rafael-Kubelík-Einspielung der dritten Symphonie von Brahms vor meinem Plattenspieler und plötzlich gefiel sie mir nicht mehr – nachdem ich sie jahrelang geliebt hatte. Ich habe da sehr genaue Bedürfnisse. Ich bin dann stundenlang alles durchgegangen, was ich auf Spotify finden konnte und stieß auf eine großartige Aufnahme von Riccardo Chailly mit dem Concertgebouw-Orchester, die ich vorher noch nie angerührt hatte. Eine Erlösung. (Und es ist nicht so, dass ich vor der Streaming-Zeit weniger Nerd war. Es gab nur früher keine realistischen Möglichkeiten für solche Exzesse.) Im Ernst: Ich bin sogar von Glenn Goulds »Das wohltemperierte Klavier« auf Rosalyn Tureck umgestiegen. Ein reiner Streaming-Unfall. Danach habe ich mehrere 4-CD-Box-Sets als Geschenke gekauft.

»Im Ernst: Ich bin sogar von Glenn Goulds »Das wohltemperierte Klavier« auf Rosalyn Tureck umgestiegen. Ein reiner Streaming-Unfall.«

Ich konsumiere Musik wie Medizin und Nahrung. Sie trägt mich, sie beschleunigt, sie beruhigt mich, sie bringt mich zum Weinen und zum Raven. Wenn ich in der U-Bahn sitze und auf einmal ganz dringend »Les Parapluies de Cherbourg« hören muss, weil mir sonst einfach die Luft wegbleibt, dann sind mein Handy und die Streaming-App (ohne massenhaft Speicherplatz zu verschwenden) Teil meiner Gesundheit. Meiner Seele. Meines Friedens und meines Glücks. Wenn ich dann aus der U-Bahn rauskomme und schnell meine Stimmung ändern muss, weil ich nicht mit roten, verquollenen Augen zu einem Schicki-Micki-Dinner erscheinen kann und mir also in zehn Sekunden das bombastische »Sometimes I Feel Like A Motherless Child« von Kathleen Emery raussuche, dann ist die Welt für ein paar Minuten ein wunderschöner Ort. Weil es geht. Und weil es sich gut anfühlt. Wenn ich nach einer Show, sagen wir in Zürich, mit einer halben Flasche Absinth im Blut durchs Weltall balanciere, mein Akku leer ist und ich dann aber mit Username und Passwort meine fuckin‘ Spotify-Bibliothek auf einem fremden Computer öffnen und alles auflegen kann, wovon ich gerade träume, dann erscheinen mir Lizenzen und Urheberansprüche, Indie-Gehabe und wegrationalisierte Business-Class-Flüge für Executives und Heavy-Weight-Künstler unendlich weit weg von der Wirklichkeit, in der wir leben.

Es gab mal eine Zeit, in der hatten Kutscher und Pferdehändler beste Einnahmen. Dann kamen die Autos. Viele Leute waren sehr unglücklich darüber. Wie es den Pferden dabei ging, weiß ich nicht. Siemens hat mal sehr viel Geld mit Telex- und Telefax-Geräten verdient. Ich erinnere mich daran, dass ich früher bei D2 astronomische Monatsrechnungen bezahlte, weil es noch keine Flatrates gab. Heute wäre eine Handy-Rechnung von 400 Euro nur zum Telefonieren eine Kuriosität. Alles ändert sich. Geldquellen kommen und gehen. Geschäftsmodelle haben alle ihre Zeit und sind dann wieder weg. Aber wenn Bach und Gulda, Monk und Beck, Horowitz, Bill Evans, Motörhead und Delerue, DJ Koze, Igor Levit und Lana Del Rey sich alle am gleichen, virtuellen Ort – in einer seit Jahrhunderten ununterbrochenen, sich ständig wandelnden Tradition und Kunstform – gegenüberstehen und nur durch wenige Klicks voneinander getrennte Nachbarn sind, dann ist die Musik als Wert für sich und als Währung, als Disziplin und Bekenntnis eine echte Errungenschaft. Ein Mensch, der Musik machen möchte und muss, lässt sich ganz sicher nicht von einer vorübergehend finanziell nicht ganz so attraktiven Technik-Mode beeindrucken. (Gott, wer Musik macht, ist sowieso verrückt und hat schon lange mit allem abgeschlossen.) Ein Mensch aber, der Musik hören möchte und muss, der wird die besten Möglichkeiten seiner Zeit hierfür nutzen. Und bis auf weiteres sind das ganz sicher auch: Spotify & Co. Eat it!

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