Turbostaat »Abalonia« / Review

Turbostaat

Turbostaat wollen die Punk- und DIY-Wurzeln nicht ganz kappen, auch wenn es als Konzeptalbum angekündigt ist, das die gängigen Schemata überschreiten soll. Spagat geglückt?

Es gibt ein jüngeres Interview auf YouTube mit Marten Ebsen, dem Gitarrist und Songwriter von Turbostaat, in dem er ein paar seiner Lieblingstracks teilt und erzählt, wie sie ihm in seiner Jugend ans Herz wuchsen: The Cure, Gary Numan, Trio mit »Nur ein Traum«, frühe FSK. Für Ebsen sind, nach den ausgewählten Songs zu urteilen, Wave und NDW wichtiger als das gängige Punk- und Hardcore-Ding. Da ist die Schönheit der Verkrampfung wichtiger als der Unmittelbarismus der sehr vielen ziemlich unsubtilen Punks, die auch in den Jugendzentren des Landes spielen.

Bestimmt ist die Gegenüberstellung zu einfach. Zumindest will Abalonia, das sechste Album der vor 16 Jahren in Husum gegründeten Turbostaat, die Punk- und DIY-Wurzeln nicht ganz kappen, auch wenn es als Konzeptalbum angekündigt ist, das die gängigen Schemata überschreiten soll. Es handelt von der Reise zum titelgebenden Sehnsuchtsort, die Hauptfigur Semona macht sich auf, verlässt ihr angestammtes Zuhause, denn: »Alles ist besser als der Tod / Alles ist besser als das hier.« Die Utopie Abalonia ist als Kommentar auf die derzeitigen politischen Verhältnisse gedacht, vor allem auf die Frage nach Herkunft und Flucht. Dass Turbostaat trotz Pegida & Co. nicht zu konkret werden, muss man ihnen hoch anrechnen. In »Der Wels« klingen sie wie Gang Of Four in ihrer besten Phase, mit zackiger Gitarre und funky Basslinie, und die Gitarrenmelodie von »Wolter« erinnert an Ebsens Lieblinge The Cure, 1981.

»Dass Turbostaat trotz Pegida & Co. nicht zu konkret werden, muss man ihnen hoch anrechnen.«

Dass auch der begleitende, feierliche Promotext hier so große Ambitionen sieht, sagt mehr aus über die engen Grenzen der Punk-Hardcore-DIY-Szene als über das Album. Denn eigentlich klingt Abalonia vertraut – manchmal zu sehr. Das liegt sicher auch daran, dass sich Turbostaat mit der unverwechselbaren Stimme des Sängers Jan Windmeier und den mal drängenden, mal wehmütigen Gitarren eine eigene Bresche geschlagen haben in den deutschsprachigen Punk. Aber eben auch daran, dass einige Bands weltweit in größerem Maßstab denken. Schaut man etwas weiter, nach Japan zu Envy und Heaven In Her Arms, in die USA zu La Dispute und Touché Amoré, dann rückt das hier in Perspektive. Das Positive daran ist, dass das regionalistische Gerede davon, dass Turbostaat so »norddeutsch« klängen, relativiert wird. Unbehagen ist global. Und das Gefühl, dass die Wucht des Punk manchmal ein bisschen intellektuelle Distanz gebrauchen kann, auch.

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