Einblicke in die Gegenwelt: »Projekt A« dokumentiert anarchistische Projekte in Europa

Projekt A ist ein Dokumentarfilm über die Idee der Anarchie und ihre konkrete Umsetzung in unterschiedlichen Projekten. An unterschiedlichen Orten in ganz Europa kommen Protagonisten einer anarchistisch inspirierten Szene zu Wort und entwerfen ein vielseitiges, wenig klischiertes Bild von Anarchie. Ausgangspunkt ist die Frage: Könnten anarchistische Ideen einen Lebensentwurf für die gesamte Gesellschaft liefern? Am 2. Februar hat Projekt A in der Berliner Volksbühne Premiere.

Man kennt die gängigen Bilder: Anarchisten, das sind (meist) vermummte Jugendliche in schwarzer Kleidung, die am 1. Mai in Berlin oder Hamburg Steine werfen, das sind Punks mit abgerissenen Klamotten und Lederjacken. Anarchie bedeutet Chaos – das Schreckensszenario des guten Bürgers. In der heutigen Gesellschaft wird Anarchismus fälschlicherweise oft mit Zerstörung und Desorganisation gleichgesetzt, dabei existiert durchaus eine Organisationsstruktur (Gemeineigentum, Selbstverwaltung etc.). Diese aber wird hierarchie-, zwangs- und gewaltfrei gedacht, individuelle Freiheit ist das höchste Gut und soll sich bestenfalls im Kontext von Demokratie und Gleichheit entfalten.

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Die Dokumentarfilmer Marcel Seehuber und Moritz Springer träumen nicht nur von skizzierter, freier Gesellschaft. Sie entwerfen konkrete Visionen einer anderen Welt und versuchen diese in ihrem Leben umzusetzen. Sie glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei ohne Staat leben können – eine absurde Vorstellung? Sie sind nicht allein. In Spanien, Griechenland und Deutschland stehen die porträtierten Protagonisten für diese Ideale ein.

Diese Reise führt von einem von Anwohnern angelegten Garten in Athen über die Castor-Proteste in Deutschland bis nach Barcelona, in den kurzen Sommer der Anarchie 1936, der vom Spanischen Bürgerkrieg erstickt wurde. Die 1936 gegründete anarchosyndikalistische Gewerkschaft CGT gibt es beispielsweise noch heute. Sie fordert Netzwerke, horizontale Strukturen, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, autonome Organisationen ohne Hierarchien. An einer anderen Stelle im Film protestieren die Senioren der Stillen Straße in Pankow gegen die Schließung ihrer Begegnungsstätte und werden von einer jungen Aktivistin, die sich vorher an die Bahngleise gekettet hat, im Kampf gegen die staatlichen Machtstrukturen ermutigt.

»Es ist schon lange an der Zeit, über Alternativen nachzudenken.«

Am Anfang das Projekts, das durch kulturelle Filmförderung und eine Crowdfunding-Kampagne realisiert werden konnte, stand das Buch Anarchie. Idee – Geschichte – Perspektive von Horst Stauwasser. Moritz Springer, einer der Initiatoren des Films erinnert sich an seine erste Begegnung: »Ich habe Stowasser, einen der bekanntesten deutschen Anarchisten unserer Zeit, 2008 auf einer Konferenz kennengelernt. Was und mit welcher Leidenschaft er von der Idee der Anarchie erzählte, hat mich begeistert. Ich wollte mehr darüber wissen. Neugier ist die beste Voraussetzung für einen Film. Wir denken, dass es schon lange an der Zeit ist, ernsthaft über Alternativen nachzudenken. Das Reizvolle am Anarchismus ist , dass die Grundprinzipien unserer Gesellschaft in Frage gestellt und dadurch vollkommen neue Perspektiven eröffnet werden. Wir wollten einen Film für Menschen machen, die sich jenseits der gängigen Klischees von Anarchisten als vermummten Chaoten oder von Anarchie als bürgerkriegsähnlichem Zustand mit der Idee einer anarchistischen Gesellschaft als ernstzunehmende, gesellschaftliche Alternative auseinandersetzen möchten.«

Der Weg führt genauso zum Internationalen Anarchistischen Treffen in St. Imier in der Schweiz mit etwa 3000 Teilnehmern wie zu der Anti-Atom-Aktivistin Hanna Poddig, zu einem besetzten und zum öffentlichen Park umfunktionierten Parkplatz Parko Narvarinou in Athen oder dem in München erfolgreichen Kartoffelkombinat, das bereits nach zwei Jahren 450 Haushalte landwirtschaftlich versorgt.

»Wir erwarten zu oft, dass die Politik oder die Ämter die Dinge für uns regeln. Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen das selbst organisieren. Die Flüchtlingskrise ist ein gutes Beispiel dafür.«

Mit Projekt A gewähren die Regisseure Einblicke in die Gegenwelt anarchistischer Projekte. Dabei wird nicht nur die Geschichte der Anarchie erzählt, die beiden Filmemacher gelingt es vielmehr die Perspektive aus dem Inneren der Bewegung einzunehmen. Das Kamerateam muss sich beispielsweise selbst unter Planen vor Polizei-Hubschraubern verstecken, wenn es darum geht, einen Castor-Transport aufzuhalten. Beim Gang durch das Athener Stadtviertel Exarchia wird man Zeuge, wie erst ein Mercedes und schließlich auch das eintreffende Feuerwehrauto in Flammen aufgeht.

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Die Gewaltfrage zieht sich natürlich wie ein roter Faden durch den Film. Das Anliegen: Möglichkeiten aufzeigen ohne uneingeschränkt zu verherrlichen. »Was die Anarchisten vereint – und das ist wichtig: sie werden aktiv. Sie sehen einen Missstand oder haben eine Idee und gehen es direkt an. Wir erwarten viel zu oft, dass die Politik oder die Ämter die Dinge für uns regeln. Ich wünsche mir eine Welt, in der die Menschen das selbst organisieren. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist ein gutes Beispiel dafür. Da haben Menschen einfach geholfen. Die Strukturen unserer Gesellschaft, die zu weiten Teilen sehr hierarchisch sind, blockieren uns in vielen Bereichen. Wenn der Film dazu beitragen kann, dass wir uns dessen bewusst werden und obendrein Lust macht, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, bin ich schon zufrieden«, erklärt Springer.

Projekt A
Deutschland 2016
Regie: Marcel Seehuber & Moritz Springer
Premiere: 02.02. Berlin – Volksbühne
Alle weiteren deutschlandweiten Termine finden sich hier.

  • Projektwerkstatt

    Aus bürgerlichen Quellen gefördert, urheberrechtlich gut geschützt zwecks kommerziellen Erfolgs – schon der Rahmen hat mit Herrschaftsfreiheit eher nichts zu tun. Die Darstellung zeigt Menschen, die auch im spießigen Bereich als Schwiegertöchter und -söhne in Frage kommen dürften: Dass die dargestellten Projekte weitgehend auf politische Positionen verzichten, die Binnenverhältnisse schon im Film einige Hierarchien offenbaren, scheint nicht zu stören. Wenn dann auch bürgerliches Publikum und bürgerliche Presse klatschen, dürfte eher klar sein: Der bürgerlich harmonisierte Kapitalismus hat nun auch die Anarchie vereinnahmt. Die meisten Anarchist_innen kommen aus solchen Schichten, fühlen sich dort wohl und dürfte diese Übernahme nicht nur unreflektiert hinnehmen, sondern sich sogar freuen. Mit Anarchie hat das Ganze eher wenig zu tun. Die komplizierte Idee, Herrschaftsfreiheit in einer herrschaftsförmigen Welt auszuprobieren, verschwindet im Film in einem Brei guten Willen und guten Gefühls (für weitere Kritik an Pseudo-Anarchien: http://www.anarchie-debatte.de.vu).